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Für die Zukunft pflanzen
Heiße Sommer, Starkregen, Trockenheit und Spätfröste. Der Klimawandel macht auch vor dem Garten nicht halt. Mit ein paar einfachen Maßnahmen kann man die Herausforderungen aber meistern und dabei noch etwas für die Artenvielfalt tun
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Text: Ralf Stork
Das Jahr 2021 ist nicht gerade wegen seiner hohen Temperaturen oder extremer Trockenheit im Gedächtnis geblieben. Im Gegenteil, im Sommer haben starke Niederschläge zu der Flutkatastrophe im Ahrtal geführt. Und trotzdem: 2021 war weltweit das fünftwärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im 19. Jahrhundert.
Wegen der trockenen Hitzejahre 2018 bis 2020 sind bundesweit knapp 280.000 Hektar Wald abgestorben. Aber auch Privatgärten bekommen den Klimawandel längst zu spüren: Wer seinen Rasen im Sommer nicht regelmäßig wässert, hat es schnell mit einer verdorrten braunen Fläche zu tun. Die Terrasse, auf der früher jeder Sonnenstrahl wie ein lang vermisster Freund willkommen geheißen wurde, ist heute wegen hoher Temperaturen über Wochen kaum zu benutzen. Aber während in der weiten Landschaft draußen Tier- und Pflanzenarten oft mehr schlecht als recht mit den Veränderungen klarkommen, besteht in den künstlich geschaffenen Gärten immerhin die Möglichkeit, sich auf den Klimawandel einzustellen.
„In den vergangenen Jahren haben sich immer mehr Gärtner und Gärtnerinnen an uns gewandt, weil sie Probleme mit der Sommertrockenheit hatten“, sagt Marianne Scheu-Helgert. Die studierte Gärtnerin leitet die Gartenakademie der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau, eine Beratungsstelle für Privatgärtner. Die Auswirkungen des Klimawandels sind in den Gesprächen inzwischen ein häufiges Thema.
„Über die richtige Pflanzenauswahl kann man den Garten ziemlich gut an die neuen Herausforderungen heranführen“, sagt Scheu-Helgert. So gibt es eine Reihe von Pflanzen, vor allem einjährige, die eine tolle Blütenpracht zeigen, aber sehr viel Wasser brauchen und Hitze nicht besonders gut vertragen. Petunien oder Begonien zum Beispiel. „Wenn man die durch hitze- und trockenresistentere mehrjährige Pflanzen ersetzt, ist schon viel gewonnen“, so die Gärtnerin. Sie selbst setzt auf großer Fläche am liebsten auf an den Standort angepasste Stauden. Die krautartigen, winterharten Pflanzen, zu denen etwa Akelei, Wasserdost und Fuchsie gehören, bieten eine jährlich wiederkehrende Blütenvielfalt ohne viel Aufwand. „In der Familie des Storchschnabels zum Beispiel gibt es viele Arten, die gut für trockene und sonnige Standorte geeignet sind.“ Dazu gehören etwa der Blutrote und der Graue, der Cambridge- und der Kaukasus-Storchschnabel.
Bei der Gartenakademie sitzt Scheu-Helgert direkt an der Quelle: Seit knapp 30 Jahren entwickelt die Bayerische Landesanstalt in Veitshöchheim Staudenmischungen für verschiedene Standorte und Ansprüche. In der Regel besteht eine Mischung aus zehn bis über 30 verschiedenen Arten unterschiedlicher Größen. Hochwüchsige Stauden machen fünf bis 15 Prozent der Pflanzung aus. Etwa 30 bis 40 Prozent entfallen auf halbhohe Stauden, und mindestens 50 Prozent der Zusammenstellung bestehen aus niedrigen bodendeckenden Stauden. Gepflanzt wird nach dem Zufallsprinzip; der Pflegeaufwand liegt pro Quadratmeter und Jahr bei wenigen Minuten.
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Neben den Pflanzen selbst leide vor allem offener Boden unter extremem Wetter, sagt Tanja Matschinsky, die bei der Hessischen Gartenakademie in Geisenheim für den Bereich Klimaanpassungen zuständig ist: „Eine der wichtigsten Maßnahmen ist deshalb, größere Bereiche des Bodens zu bedecken.“
Sonnenschutz für den Boden
Unter starker Sonneneinstrahlung trocknet dieser sonst schnell aus und verliert an Vitalität. Prasseln bei Starkregen die Tropfen mit großer Wucht auf den offenen Boden, kann das zu sogenannter Verschlämmung führen. Die Erde wird so stark verdichtet, dass sich eine feste Kruste bildet. Der Boden wird dadurch versiegelt, kann keine Feuchtigkeit aufnehmen und auch keimenden Pflanzen ist es kaum möglich, durch die Kruste ans Tageslicht zu gelangen.
Das Bewusstsein für diesen Zusammenhang scheint noch nicht bei allen Gärtnern angekommen zu sein. „In Neubausiedlungen sehe ich relativ häufig, dass vor den Häusern einzelne Pflanzen stehen, mit sehr viel Platz und offenem Boden oder Steinen ringsum“, sagt Matschinsky. Das kann zwar hübsch und ordentlich aussehen, aber es schädigt den Boden nachhaltig.
Wo Pflanzen wachsen sollen, muss dieser vielmehr so gut es geht geschützt werden. „Der effektivste Verdunstungsschutz ist eine dichte Pflanzendecke“, sagt Matschinsky. „Aber wenn viel offener Boden zwischen den Pflanzen ist, zum Beispiel bei Neupflanzungen, kann eine dünne Schicht von Rindenmulch oder Rasenschnitt ein gutes Hilfsmittel sein, um den Boden vor Überhitzung und Verschlämmung zu schützen.“ Durch das Verrotten des organischen Materials erhält der Boden sogar noch wichtige Nährstoffe. Und auch Unkraut fällt nicht so viel an, weil die Samen sich in der Mulchschicht weniger gut einnisten können. Für den Nutzgarten sind gesunde Pflanzen- und Erntereste, Laub, Rasenschnitt und Stroh geeignet. Im Ziergarten kommen eher Laub, Rindenmulch und -humus zum Einsatz. Auf jeden Fall muss das Material auf die Pflanzen abgestimmt sein. Außerhalb der Beete darf übrigens gerne mal ein wenig Brache sein: Manche Wildbiene und Insekten brauchen den blanken Boden.
Ungebremste Sonneneinstrahlung macht aber auch den Menschen zu schaffen. Sonnenschirm und Markise verhelfen der Sonnenterrasse zwar zu einem bisschen Schatten. Aber nur Pflanzen sorgen zudem für ein besseres Mikroklima, mit höherer Luftfeuchtigkeit und niedrigeren Temperaturen: Es ist deshalb eine Überlegung wert, einen Teil der Terrasse mit einer begrünten Pergola zu beschatten. Als Pflanze, die dafür in Frage kommt, bietet sich unter anderem Echter Wein an: Die Pflanze ist winterhart, verträgt Sonne gut, bildet für Mensch und Tier essbare Früchte und wirft nach einem Farbenrausch im Herbst die Blätter ab, sodass wieder mehr Licht durchdringt. Andere für eine Pergola gut geeignete Kletterpflanzen sind Kletterrosen, Blauregen und Trompetenblume. Oder Clematis und Garten-Geißblatt bei nicht ganz so warmen und etwas feuchtere Standorten.
Auch Bäume sind hervorragende Schattenspender, bei Hausbesitzern aber nicht sonderlich beliebt. „Viele fürchten, ein Baum könnte ihnen schnell über den Kopf wachsen“, sagt Tanja Matschinsky. Grundstücke und Gärten werden von der Tendenz her immer kleiner. Da wirkt ein großer Baum schnell überdimensioniert. Doch die Sorge ist unbegründet, weil es mittlerweile sehr viele Baum- und Gehölzarten auch im Kleinformat für kleine Gärten gibt. „Der Feldahorn ist eine gute Wahl für fast jeden Garten“, nennt die Gärtnerin ein Beispiel. Er ist robust und anspruchslos. Viele Insekten und Vögel fühlen sich wohl darin und Hitze und Trockenheit machen ihm auch nichts aus. Mit einer maximalen Wuchshöhe von fünf bis 15 Metern bleibt seine Größe auch im Rahmen. Andere Sorten bleiben noch kleiner. Zu Matschinskys Lieblingspflanzen gehört die heimische Kornelkirsche: „Sie ist eine wichtige Insektennährpflanze fürs zeitige Frühjahr, hat essbare Früchte und eine schöne gelborangene Herbstfärbung. Vor allem ist sie vielseitig einsetzbar als kleiner Hausbaum, Solitärstrauch oder geschnittene Hecke.“ Andere Gehölze, die sich gut als Schattenspender im Garten und auch als Hecke machen, sind Weißdorn und Gewöhnliche Felsenbirne.
Exotische Früchte aus dem Garten
Wer es exotischer mag und ein bisschen mehr Platz hat, kann aber auch aus der Not eine Tugend machen und auf Bäume setzen, die neben Schatten auch Früchte schenken – auch bei hohen Temperaturen. „Mit ein bisschen Experimentierfreude kann man sich gut an Sorten heranwagen, die aus südlicheren Regionen stammen“, sagt Marianne Scheu-Helgert. Sie ist auf einem Bauernhof groß geworden, Nutzgärten sind ihr bis heute wichtig. Auch wenn die Ernte bald anders aussehen könnte als in ihrer Kindheit. Denn wenn es tendenziell wärmer wird, könnten auch bei uns Pflanzenarten überleben, die früher keine Überlebenschance hatten.
Feigenbäume etwa überstehen in geschützten Lagen immer häufiger die hiesigen Winter. Es gibt auch extra robuste Sorten wie die Bayern-Feige, denen Minusgrade bis zu -20 Grad Celsius nichts anhaben können. Auch Kiwi-Pflanzen haben längst den Weg nach Deutschland gefunden. Wenn die Wurzeln der in den ersten Jahren noch empfindlichen Pflanze im Winter gut vor Kälte geschützt werden, kann man nach etwa fünf Jahren seine eigenen Kiwis ernten. Kiwis, die es auch in der Miniaturausgabe als Kiwi-Beere gibt, gehören zu den Kletterpflanzen. Das heißt, sie sind auch gut dafür geeignet, eine warme Hauswand zu begrünen.
Für die meisten bekannten wärmeliebenden Obstsorten wie Pfirsiche oder Aprikosen sind übrigens winterliche Minusgrade gar kein großes Problem. Gefährlich für sie ist ein früher milder Frühling, unterbrochen von Spätfrösten bis in den Mai: Je stärker die Blüten schon entwickelt sind, umso größer sind auch die Schäden durch den Frost. „Die Pflanze geht in der Regel zwar nicht ein, aber die Ernte für das Jahr kann schnell verloren sein“, sagt Scheu-Helgert. Mit ein bisschen Kreativität und Aufwand lässt sich aber auch diese Gefahr minimieren: „Wenn man das empfindliche Obst im Spalier an der Hauswand zieht, kann man bei drohenden Minusgraden relativ leicht ein Vlies über die Pflanze hängen, das die empfindlichen Blüten schützt“, so die Gärtnerin. Ist der Frost dann überstanden, stehen die Chancen gut für die Ernte im Spätsommer oder Herbst.
Ernten bis in den Februar
Oder je nach Pflanze auch bis in den Winter hinein. Früher wurden die Nutzbeete Ende Oktober abgeerntet, aufgeräumt und für die Winterruhe vorbereitet. Heute mache es durchaus Sinn, sich gedanklich fast aufs ganzjährige Ernten einzustellen, sagt Scheu-Helgert: „Gartenkräuter wie Thymian, Salbei, Rosmarin und Petersilie können sowieso ganzjährig geerntet werden. Aber auch Wirsingkohl, Porree, Feldsalat, Kohlrabi, Weißkohl, Rotkohl, Sellerie, Mangold, Karotten hole ich regelmäßig noch im Januar oder Februar aus der Erde.“ Sinken die Temperaturen unter fünf Grad minus, kann man auch diese zum Schutz mit einem Vlies abdecken.
Gleiches gilt für das Anpflanzen: Manche Gemüsesorten sind so frostunempfindlich, dass sie problemlos schon im Herbst gepflanzt werden können. Gegenüber den im Frühjahr ausgebrachten Pflanzen haben sie dann einen gehörigen Wachstumsvorsprung. Knoblauch und Winterzwiebeln sind dafür besonders gut geeignet.
Selbstangebautes Obst und Gemüse ist im Übrigen auch dafür gut, den Klimawandel nicht noch weiter anzuheizen. Selbst der Anbau von Obstsorten mit hohem Wasserbedarf wie Himbeeren kann hier eine positive Bilanz vorweisen. Schließlich fallen keine Verpackungen an, keine Lagerkosten und auch kein CO2 bei einem Transport der empfindlichen Früchte durch halb Europa.
Ein solcher, quasi ganzheitlicher Ansatz passt bestens auch zum gärtnerischen Verständnis der Naturschutzverbände. Gärtnern im Angesicht des Klimawandels heißt demnach nicht nur, dass die Gärtnerinnen und Gärtner selbst auf ihre Kosten kommen. Vielmehr sollten sie ihre Verantwortlichkeit für CO2-Verbrauch, Ressourcenschonung und die vielen Arten, die unter dem Klimawandel und anderem menschlichen Wirken zu leiden haben, immer mitdenken. „Für den Gärtner heißt das zum Beispiel, unbedingt auf Blumenerde mit Torf zu verzichten“, sagt Marja Rottleb, Gartenexpertin des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu). Torf wird aus trocken gelegten Hochmooren gewonnen. Bei seiner Zersetzung entsteht viel Kohlendioxid. „Wer nährstoffreiche Erde für seinen Garten braucht, sollte stattdessen lieber einen eigenen Komposthaufen anlegen – dadurch bleibt auch mehr Platz in der Biotonne“, sagt Rottleb. Und selbst wenn man eine prächtig blühende Bauernhortensie durch Dauergießen erhalten kann, sollte man sie den Ressourcen zuliebe durch genügsamere Pflanzen ersetzen.
„Ich empfehle immer, beim Gartenrundgang eine Art Inventur zu machen und sich ehrlich zu fragen, welche Pflanzen noch eine Zukunft haben und welche eher nicht“, sagt Rottleb. Für die meisten Nadelbäume und -gehölze im Garten sieht die Zukunft eher nicht so rosig aus. Die früher so beliebte Thuja-Hecke blüht nicht und wird von Insekten und Vögeln weitgehend gemieden, wenn einheimische Alternativen vorhanden sind. Sie braucht sehr viel Wasser und ist deshalb besonders anfällig für die klimawandelbedingte Trockenheit im Sommer und auch im Winter. Alle Koniferen auf einen Schlag zu fällen, wäre allerdings auch nicht wirklich nachhaltig. Besser man wartet, bis sie von alleine ausfallen und ersetzt sie dann mit geeigneteren Pflanzen.
Nichtstun für die Artenvielfalt
Ziemlich viel für die Artenvielfalt ist auch schon getan, wenn man möglichst wenig tut: „Je ordentlicher und aufgeräumter ein Garten aussieht, desto schlechter ist das für die Artenvielfalt“, sagt Rottleb. Bestes Beispiel dafür ist der klassische Rasen. Das kurz geschnittene Gras sieht ordentlich aus. Und es eignet sich hervorragend als Spielwiese für Kinder. Rasen ist aber auch sehr pflegeintensiv. Er braucht viel Wasser, muss regelmäßig gedüngt werden, ist ökologisch aber weitgehend wertlos. Das ändert sich, sobald man den Rasen ein bisschen in Ruhe lässt. Wenn man die Düngung einstellt und die Halme länger wachsen lässt, entwickelt sich eine größere Artenvielfalt von ganz alleine: Löwenzahn, Klee, Gänseblümchen, Labkraut, Gundermann und Spitzwegerich können sich ausbreiten. Die Arten, die auf einem reinen Zierrasen oft als unerwünschte Unkräuter bekämpft werden, sind für viele Insekten eine wichtige Nahrungsquelle. Ein sogenannter Kräuterrasen verbraucht auch wesentlich weniger Wasser.
Wer noch einen Schritt weitergehen möchte, kann die Rasenfläche – oder wenigstens Teile davon – in eine Blumenwiese umwandeln. Der radikalste Weg dazu ist es, die Grasnarbe komplett zu entfernen, den Boden mit untergemischtem Sand weiter auszuhagern – also nährstoffärmer zu machen – und dann eine Wildwiesen-Samenmischung auszustreuen. Wem das zu aufwendig ist, der kann auch an einzelnen Stellen die Grasnarbe entfernen und dort Samen ausstreuen. Von diesen Inseln aus werden sich die Wiesenpflanzen dann im Laufe der Zeit weiter über die Rasenfläche verbreiten. Bis eine flächige Wiese entsteht, kann es aber ein paar Jahre dauern.
Die Wiese wird schließlich so hoch, dass sie nicht mehr einfach so betreten werden kann. Um die Vielfalt an Pflanzen- und Insektenarten bewundern zu können, sollte man also ein paar Wege durch die Pflanzenpracht mähen. Das Mähen von Teilbereichen löst auch ein anderes Problem: Blumenwiesen statt Rasenflächen werden von Gärtnern und ihren Nachbarinnen häufig abgelehnt, weil sie subjektiv als unordentlich empfunden werden. Studien zur Wahrnehmung öffentlichen Grüns haben aber gezeigt, dass die Akzeptanz von wildwuchernden Flächen deutlich steigt, wenn sie durch sauber gemähte Wege oder Randbereiche eingefasst werden.
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