Text: Susanne Donner
Ein halbes Jahrhundert ist es her, dass Bleisprit den Menschen Angst und Schrecken einjagte. Das giftige Schwermetall fand sich in den 1970er Jahren noch in etlichen Mikrogramm in der Atemluft der Großstädter. Bis die USA und Deutschland als erste Länder weltweit bleifreies Benzin einführten.
Doch noch immer ist Blei einer der Schadstoffe, die in jedem Menschen hierzulande in zu hoher Menge vorkommen. Im Blut von 720 Kindern und Jugendlichen wurde die Toxikologin Marike Kolossa-Gehring vom Umweltbundesamt in Dessau fündig. Knapp zehn Mikrogramm Blei pro Liter schwammen im Schnitt darin. Zehn Mikrogramm zu viel. Denn auch in dieser niedrigen Dosis schadet das Schwermetall besonders Säuglingen und Kindern, indem es ihre Gehirnentwicklung beeinträchtigt.
Bei Blei weiß man das so genau, weil das Schwermetall schon so lange verwendet wird und sehr gut erforscht ist. Bei vielen jüngeren Stoffen können auch Forschende nur Vermutungen anstellen. Über 200 Millionen unterschiedliche chemische Stoffe wurden bisher entwickelt, meist aus rein wissenschaftlichem Interesse und dem Wunsch, etwas Neues zu entdecken. Wozu sich eine Substanz eignen könnte – und worin ihre Nachteile liegen –, zeigt sich oft erst später. Denn alle dem Menschen fremden Stoffe sind potenziell Schadstoffe, weil sein Körper nicht gelernt hat, damit umzugehen. Das gilt etwa für Konservierungsstoffe, Legierungen, Kunststoffe, Medikamente, Nahrungsergänzungsmittel oder Substanzen in Textilien. Aus Konsumgütern und Fabriken gelangen in der EU derzeit mindestens 140.000 Chemikalien in Umlauf. Aber nur rund 400 Fremdstoffe lassen sich in Blut und Urin nachweisen – ein Bruchteil aller denkbaren Substanzen. Was der Mensch noch alles im Körper ansammelt, weiß man schlicht nicht.
Deshalb lässt sich an Blei gut erklären, warum es sinnvoll ist, Chemikalien strenger zu überwachen und zu regulieren. Einer, der sich seit Jahrzehnten mit dem Schwermetall beschäftigt, ist der Gesundheitswissenschaftler Bruce Lanphear von der kanadischen Simon-Fraser-Universität. Er konnte in mehreren Studien mit 1300 Personen zeigen: Wenn die Menge an Blei von weniger als einem Mikrogramm je Deziliter Blut auf zehn Mikrogramm steigt, sinkt der Intelligenzquotient von Kindern um 6,9 Punkte.
Blei schädigt das Gehirn
Blei ist kein Problemstoff der Vergangenheit. Die Belastungen sind zwar gesunken. Aber sie sind noch immer so hoch, dass Beeinträchtigungen des Gehirns in Kauf genommen werden, bedauert auch das Berliner Bundesinstitut für Risikobewertung.
„Der Punkt ist doch“, sagt Lanphear, „dass fünf IQ-Punkte weniger auf der individuellen Ebene keine große Rolle spielen mögen. Aber auf der Bevölkerungsebene bedeutet das riesige Effekte.“ Wenn ganze Populationen durchschnittlich fünf IQ-Punkte verlieren, verschiebt sich die Normalverteilung der Intelligenz: Während der Anteil der Personen mit kognitiven Beeinträchtigungen steigt, verringert sich die Zahl der Hochbegabten merklich.





