Kanadische Wissenschaftler haben einen genetischen Kontrollmechanismus entdeckt, der das Schmerzempfinden reguliert. Das eröffnet völlig neue Möglichkeiten einer Schmerzbehandlung. Die Ergebnisse der Untersuchungen an genetisch veränderten Mäusen haben die Forscher in der aktuellen Ausgabe von Cell veröffentlicht (Bd. 108, S. 31).
Die Arbeitsgruppe von Michael Salter von der University of Toronto und Josef Penninger vom Amgen Institute untersuchte die Bedeutung eines Gens, das die Information für ein Protein mit der Bezeichnung DREAM trägt (“downstream regulatory element antagonistic modulator”). Es war bekannt, dass das DREAM-Protein die Produktion von Dynorphin hemmt. Dynorphin gehört zu den so genannten Endorphinen. Das sind natürliche Eiweißstoffe, die eine schmerzdämpfende Wirkung besitzen.
Die Wissenschaftler erzeugten genetisch veränderte Mäuse, denen das DREAM-Gen fehlt. Diese Tiere bildeten vermehrt Dynorphin und zeigten eine stark verminderte Schmerzempfindlichkeit. “Alle Arten von Schmerz in allen getesteten Geweben wurden weniger stark empfunden”, sagt Salter. Das gelte auch für den neuropathischen Schmerz, der durch Nervenverletzungen ausgelöst wird und bisher nicht behandelt werden kann.
“Unsere Befunde unterscheiden sich sehr von anderen Forschungsarbeiten zur Schmerzbehandlung”, so Salter. Diese konzentrierten sich ganz auf das Morphin, das die Wirkung der Endorphine nachahmt. Mit dem DREAM-Gen steht jetzt ein ganz anderer Ansatzpunkt für eine völlig neue Form der Therapie zur Verfügung. Die Forscher können nun nach einem Wirkstoff suchen, der entweder das DREAM-Gen hemmt oder das DREAM-Protein inaktiviert und dadurch die Dynorphinbildung ankurbelt.
Die vom Schmerz befreiten Knockout-Mäuse weisen keinerlei Anzeichen einer Erkrankung auf. Ihre körperlichen und geistigen Funktionen sind offenbar nicht beeinträchtigt. Sie entwickelten auch keine Abhängigkeit von den eigenen im Überschuss produzierten Endorphinen ? ein Vorteil gegenüber einer Behandlung mit Morphin und anderen schmerzstillenden Opiaten.
Joachim Czichos





