Text: Sigrid Krügel
Routiniert rudert Martina Bauchrowitz das Boot über den Stechlinsee. Eins, zwei, eins, zwei, noch wenige Meter, dann legen wir an. Vom Ufer aus erinnert das Gebilde mitten im See an eine kleine Ölplattform. Erst beim Näherkommen erkennt man die Ansammlung kreisrunder Zylinder. Das Seelabor! Eine Konstruktion aus 24 Röhren, jede hat neun Meter Durchmesser und reicht 20 Meter in die Tiefe – bis auf den Grund. „Über fünf Millionen Euro hat die Anlage gekostet, 2012 wurde sie eingeweiht“, erzählt die Biologin des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB). Wissenschaftler lassen hier Sommerstürme toben und simulieren das Himmelsleuchten, um die Auswirkungen auf das Ökosystem See und seine Bewohner zu studieren. In wenigen Tagen startet der nächste Versuch. Menschen wuseln auf der Plattform durcheinander. Schläuche werden verlegt, Pumpen installiert.
Wie entwickeln sich Binnengewässer, die miteinander durch Flüsse oder Kanäle verbunden sind, wollen die Forscher des Seelabors wissen. Wie schnell und in welcher Konzentration werden Algen zum nächsten See weitertransportiert oder Huminstoffe, die starker Regen aus den Böden wäscht und die das Wasser braun werden lassen wie eine Tasse Tee? Der Klimawandel rüttelt an alten Gewissheiten. „Wir wollen die generellen Mechanismen herausfinden.“ Denn längst steht fest: „Der See verändert sich sehr stark.“

Der einzige Ort in unmittelbarer Nähe ist Neuglobsow, staatlich anerkannter Erholungsort mit knapp 300 Einwohnern und Strandbad. Das klare Wasser macht den Stechlinsee zu einem beliebten Badesee, den Fischbestand dominieren Kleine Maräne, Barsche, Plötze und Ukelei. Vor einigen Jahren haben Forscher des IGB zudem nachweisen können, dass eine besondere Form der Kleinen Maräne, die in tieferem Wasser lebt, eine eigene neue Fischart ist. Sie haben sie nach dem berühmtesten Sohn der Region Fontane-Maräne (Coregonus fontanae) benannt.
Auf den Spuren des Dichters
An Theodor Fontane kommt im Norden Brandenburgs niemand vorbei. Es gibt Fontane-Wanderwege, Fontane-Radtouren, Fontane-Festspiele und einen Fontane-Marathon. Vor 200 Jahren in Neuruppin geboren, nur 30 Kilometer vom Großen Stechlinsee entfernt, hat er nicht nur seinen letzten Roman nach dem See benannt („Der Stechlin“). 1858 fasste er den Entschluss, das damalige Kurfürstentum Brandenburg zu Fuß und mit der Postkutsche zu bereisen. Fast 30 Jahre dauerte es, bis der letzte Satz geschrieben war. „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ hat Theodor Fontane sein monumentales Werk genannt. Fünf Bände, 2500 Seiten. Als Reiseführer denkbar ungeeignet. Zu dick, zu schwer. Aber ein Stück Zeitgeschichte: „Da lag er vor uns, der buchtenreiche See, geheimnisvoll, einem Stummen gleich, den es zu sprechen drängt“, beschreibt Fontane den Großen Stechlinsee darin. „Kein Boot, kein Vogel; auch kein Gewölk. Nur Grün und Blau und Sonne.“ Bereits 1938 wurde das Gebiet, in dem mittendrin der Stechlinsee liegt, Naturschutzgebiet.
Das hat die frühere DDR-Regierung freilich nicht gehindert, auf der Landenge zwischen Stechlinsee und dem benachbarten Nehmitzsee das erste deutsche Atomkraftwerk zu bauen. 1966 ging das AKW Rheinsberg in Betrieb, kurz nach der Wiedervereinigung wurde es stillgelegt. Das Kühlwasser haben die Ingenieure 24 Jahre lang aus dem Nehmitzsee bezogen – fast 300 Millionen Liter täglich – und rund zehn Grad wärmer in den Stechlinsee geleitet. Ein „gewässerökologisches Großexperiment mit ungewissem Ausgang“ sagen die Leute vom Leibniz-Institut ironisch. „Der See hat sich im Laufe der Jahre um 1,5 Grad Celsius erwärmt“, erklärt Martina Bauchrowitz. Als das Kernkraftwerk 1990 stillgelegt wurde, erholten sich die Wasserwerte, aber leider nicht für lange. Durch den Klimawandel sind sie wieder gestiegen und haben einen neuen Höchststand erreicht.
Im Naturpark Stechlin-Ruppiner Land, zu dem das Naturschutzgebiet Stechlin gehört, haben sie derweil mit ganz anderen Herausforderungen zu kämpfen. Seit 23 Jahren fährt Rangerin Anke Rudnik hier Streife. Sie zählt seltene Orchideen, sucht Bäume, auf denen der geschützte Eremit, auch Juchtenkäfer genannt, lebt und muss zwischen Bauern und Bibern vermitteln. Auf einer Tour durch den Naturpark will Anke Rudnik uns die dichten Buchenwälder und einsamen Badestrände zeigen, die Dämme des fleißigen Bibers und das unheimliche Moor.







