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Flüsse in Schutzgebieten sind nicht gut geschützt
Nachhaltigkeit

Flüsse in Schutzgebieten sind nicht gut geschützt

In Europa wurden in den vergangenen Jahrzehnten viele große Naturschutzgebiete eingerichtet oder ausgeweitet. Davon profitieren Pflanzen und Tiere in den geschützten Landgebieten. Allerdings bieten die Schutzgebiete bisher kaum Schutz für die darin befindlichen Flussökosysteme, zeigt eine neue Studie. Denn die Gewässer werden außerhalb ihrer geschützten Abschnitte oft weiterhin verschmutzt und übernutzt. Die Forschenden plädieren daher für einen umfassenderen Naturschutz, der Land- und Frischwasserlebewesen gleichermaßen berücksichtigt.
Autor
Claudia Krapp
19. Dezember 2025
Lesezeit
3 Minuten
Rubrik
Nachhaltigkeit

Der Mensch zerstört durch sein Handeln vielerorts Lebensräume und verursacht ein globales Massensterben. Um diesen Artenschwund zu begrenzen, haben Länder weltweit in den vergangenen Jahrzehnten einige neue Naturschutzgebiete eingerichtet oder bestehende Schutzgebiete ausgeweitet. Es wurden dafür nationale Gesetze und internationale Vereinbarungen beschlossen, darunter beispielsweise die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU oder das Kunming-Montreal-Abkommen zum Schutz der Biodiversität. Diese Regularien schränken menschliche Aktivitäten in Nationalparks oder Naturschutzgebieten ein, um die biologische Vielfalt an Land und im Meer zu erhalten und wiederherzustellen. Aber wie effektiv sind diese Maßnahmen für den Zustand von Frischwasser-Gewässern im Landesinneren, wo die Artenvielfalt derzeit am schnellsten abnimmt?

Foto einer Prachtlibelle
Die Forschenden untersuchten, wie sich die Vielfalt von Flusslebewesen in geschützten und ungeschützten Gebieten über die letzten Jahrzehnte entwickelt hat. Unter den Flussbewohnern war beispielsweise die Gemeine Prachtlibelle (Calopteryx virgo). © Nathalie Kaffenberger

Wie gut geht es den Flüssen in Europa?

Dieser Frage sind Forschende um James Sinclair vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt am Main anhand einer Bestandsaufnahme der Flüsse in Europa nachgegangen. Sie untersuchten den Zustand der Fließgewässer in zehn europäischen Ländern über einen Zeitraum von fast vier Jahrzehnten. Dafür nahmen sie zwischen 1986 und 2022 Proben an 1754 Stellen aus geschützten und ungeschützten Gebieten und untersuchten, welche Lebewesen dort jeweils vorkommen. Insbesondere analysierten sie den Bestand kleiner wirbelloser Wassertiere wie Insektenlarven und Muscheln. Diese sogenannten Bioindikatoren zeigen stellvertretend an, wie gesund ein Fluss insgesamt ist.

Das Ergebnis: An den meisten Flüssen stellten die Biologen keine Unterschiede zwischen geschützten und ungeschützten Gewässern fest. Für bereits sehr saubere Flüsse ist dies wenig überraschend, da die Lebensräume dieser Gewässer ohnehin wenig belastet waren und sind. Aber auch in mittelmäßig oder leicht verschmutzten Flüssen konnte die Gewässergesundheit durch die Ausweisung von Schutzgebieten nur geringfügig verbessert werden. Merklich und messbar profitiert von den Schutzzonen haben ausschließlich die einst stark belasteten Flüsse und deren Bewohner – vorausgesetzt, der Schutz umfasste auch weite Teile des Gewässereinzugsgebiets.

Bestehende Schutzgebiete brachten demnach auch über Jahrzehnte hinweg nur in wenigen Fällen messbare Verbesserungen, schließt das Team. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass bestehende Schutzgebiete in Europa für Flüsse und ihre Arten nur begrenzt wirksam sind“, sagt Sinclair. „Nur dort, wo große Teile des Flusseinzugsgebiets geschützt waren, konnten wir Verbesserungen bei der Artenvielfalt und Wasserqualität feststellen. Kleinflächige Schutzmaßnahmen direkt am Ufer reichen offensichtlich nicht aus, um Flüsse wirklich zu entlasten.“

Naturschutz ganzheitlich denken

Aber warum schützen Naturschutzgebiete die Gewässerbewohner nicht ausreichend? Nach Ansicht der Forschenden haben die bestehenden Konzepte der Schutzgebiete die Flussökosysteme schlicht außer Acht gelassen, weil sie nur bestimmte Pflanzen oder Tiere an Land im Blick hatten – etwa Wälder oder seltene Vögel und Säugetiere. Die Schutzgebiete wurden entsprechend so ausgewiesen und reguliert, dass diese Arten profitieren. Die Flüsse, die durch diese Zonen fließen, sind dennoch weiterhin belastet. Denn häufig gelangen Schadstoffe oder landwirtschaftliche Einträge weiterhin in die Gewässer, nur an anderen Stellen, außerhalb der Schutzgebiete. „Flüsse sind keine isolierten Lebensräume, sondern Teil eines Netzes, das sich weit über die eigentlichen Schutzgrenzen hinaus erstreckt“, betont Seniorautor Peter Haase vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt. „Wenn wir nur einzelne Abschnitte schützen, aber nicht das gesamte Einzugsgebiet mitdenken, bleibt der Nutzen gering.“

Um Flüsse nachhaltig zu schützen, sollten Schutzkonzepte daher künftig ganzheitlicher gedacht und etabliert werden und dann Land- wie Gewässerlebensräume gleichermaßen berücksichtigen, so die Forschenden. Die Flüsse müssten dabei von der Quelle bis zur Mündung vor Verschmutzung und Übernutzung geschützt werden, einschließlich der Uferzonen, Nebenflüsse und angrenzende Landschaften. „Wir müssen die Grenzen zwischen terrestrischem und aquatischem Naturschutz auflösen“, so Sinclair. „Nur so können Schutzgebiete ihre volle Wirkung für die Gewässer und ihre wertvollen Lebensgemeinschaften entfalten.“ Dieser ganzheitliche Ansatz könnte dann den Artenschwund in Flüssen sowie an Land und im Meer besser stoppen. Dadurch würden auch internationale Vereinbarungen, die Biodiversität zu schützen, wirksamer und Gesamtziele realistischer erreichbar, so das Team.

Quelle: Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung; Fachartikel: Nature Communications, doi: 10.1038/s41467-025-67125-5

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