Gut 1000 Tonnen Fisch und viele weitere Wassertiere sind im August 2022 in der Oder verendet. Sie starben an der giftigen Brackwasseralge Prymnesium parvum, die sich dank einer Kombination aus Niedrigwasser, heißen Temperaturen und hohem Salzgehalt explosionsartig vermehrt hatte. Um die ökologischen Schäden dieser Katastrophe zu erfassen und die Zukunft der Oder zu evaluieren, wurde im Februar 2023 vom Bundesumweltministerum ein Sonderuntersuchungsprogramm, das sogenannte ODER~SO, ins Leben gerufen.
Bilanz eines Massensterbens
In einem nun erschienenen Zwischenbericht zeichnet ODER~SO ein düsteres Bild von den Schäden des vergangenen Jahres. So haben Forschende des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) im Rahmen wissenschaftlicher Befischungen nach der ökologischen Katastrophe erhebliche Einbrüche bei den Fischbeständen und ihrer Biomasse festgestellt. Demnach erlitten Arten wie der Stromgründling, der Kaulbarsch, die Barbe und die Quappe Verluste in Höhe von über 86 Prozent. Beim Ukelei waren es sogar 99,9 Prozent. Auch Muscheln und Schnecken sind durch die Umweltkatastrophe stark dezimiert.
Arten, die in der Mitte des Flusses leben, hat es offenbar stärker getroffen als ufergebundene Tiere, wie die Wissenschaftler berichten. „In der mittleren Oder hat sich die Gesamtzahl der Fische in der Strommitte um 67 Prozent reduziert, im Uferbereich ist sie um 64 Prozent zurückgegangen“, heißt es in dem Bericht. Die Biomasse habe sich um 48 beziehungsweise 62 Prozent verringert. Ein wenig besser steht hingegen die Untere Oder da. Hier sind die Fischbestände in der Strommitte um 53 Prozent zurückgegangen, die Biomasse um 21 Prozent.
Oder könnte sich langfristig erholen
Es gibt aber auch einen kleinen Hoffnungsschimmer, denn im Uferbereich der unteren Oder hat die Fischdichte seit der Katastrophe sogar um 31 Prozent zugenommen. Das liegt laut IGB unter anderem daran, dass einige Fische flussabwärts gewandert sind, um sich zu retten. Hinzu kommt, dass es im Uferbereich der unteren Oder mittlerweile viele Jungfische gibt. Das feuchte Frühjahr hat ihren Eltern optimale Bedingungen zur Fortpflanzung geliefert, etwa weil sich überflutete Auwiesen zu wertvollen Laichplätzen und Kinderstuben gewandelt hatten. „In einem Frühjahr mit Niedrigwasser wäre die Anzahl der Jungfische mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlich geringer ausgefallen“, erklären die Wissenschaftler.
Doch erst, wenn es den Jungfischen möglich ist, über zwei bis drei Jahre hinweg ungestört zu wachsen, könne auch tatsächlich von einer Erholung der Fischbestände in der Oder die Rede sein, heißt es im Zwischenbericht des Sonderuntersuchungsprogramms. Auch die Nachkommen von Muscheln brauchen mehrere Jahre, um eine ausreichende Größe zu erreichen. Erst dann können sie wieder Nährstoffe und Algen in großem Maßstab aus dem Wasser filtern. „Die Ergebnisse unserer Befischungen zeigen, dass sich die Oder erholen könnte, wenn man sie lässt“, fasst Martin Pusch vom IGB zusammen.





