Weibliche Bootsmannfische haben eine schlaue Taktik entwickelt, um nicht ständig vom Liebesgesäusel ihrer Männchen genervt zu werden: Nur in ihrer fruchtbaren Phase können sie das typische Lock-Brummen der männlichen Tiere hören. Der Anstieg des Hormonspiegels zu dieser Zeit verändert die Struktur des Innenohrs und macht sie so empfänglich für die Vibrationen, mit denen die Männchen ihre Paarungsbereitschaft signalisieren. Das berichten Joseph Sisneros und seine Kollegen von der Cornell-Universität in Ithaca in der Fachzeitschrift Science (Bd. 305, S. 404). Nach Ansicht der Forscher könnte auch beim Menschen ein Zusammenhang zwischen Hormonspiegel und Hörfähigkeit existieren und beispielsweise den Hörverlust im Alter erklären.
Die Männchen der Bootsmannfische sind sehr ausdauernde Sänger. Wenn sie im seichten Wasser der Küstenbereiche ein Nest für ihre zukünftige Partnerin gebaut haben, tun sie dies durch ein langanhaltendes lautes Summen kund. Doch es gibt ein gewisses Kommunikationsproblem zwischen Männchen und Weibchen: Die Weibchen können in dem Frequenzbereich, in dem die Männchen ihre Liebesgesänge aussenden, nicht besonders gut hören.
Das ändert sich jedoch, wenn die Menge des Geschlechtshormons Östradiol ansteigt, entdeckten Sisneros und seine Kollegen. Die Wissenschaftler entnahmen einigen Weibchen die Eierstöcke und platzierten statt dessen Implantate im Körper der Fische, mit denen definierte Hormonmengen freigesetzt werden konnten. Tatsächlich veränderte sich das Hörvermögen der Tiere, wenn sie mehr Östradiol im Körper hatten: Sie konnten dann hohe Frequenzen weit besser wahrnehmen als ohne den Hormonschub ? und waren damit viel empfänglicher für den lockenden Gesang ihrer Verehrer.
Auch im menschlichen Innenohr gibt es Andockstellen für Geschlechtshormone, deren Funktion bislang jedoch völlig unbekannt war. Daher spekulieren die Forscher nun, dass es möglicherweise auch beim Menschen einen ähnlichen Mechanismus gibt, bei dem Hormone die Wahrnehmungsfähigkeit hoher Frequenzen beeinflussen. Auf diese Weise könne beispielsweise erklärt werden, warum Menschen im Alter, wenn ihre Hormonproduktion abnimmt, zuerst die hohen Töne nicht mehr hören können.
ddp/bdw ? Ilka Lehnen-Beyel





