Abgesehen von wenigen Ausnahmen wie Neunaugen und Schleimaalen haben fast alle heutigen Wirbeltiere einen Kiefer. Er ermöglicht ihnen, ihre Nahrung zu packen, festzuhalten und zu zerkleinern – ein deutlicher evolutionärer Vorteil gegenüber Tieren, die darauf angewiesen sind, Nahrung einzusaugen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich die Kiefermäuler, auch als Gnathostomata bezeichnet, vor etwa 450 Millionen Jahren entwickelt haben. Fossile Belege aus dieser Zeit waren jedoch bislang spärlich, so dass es schwierig war, die frühe Entwicklungsgeschichte dieser Wirbeltiergruppe zu rekonstruieren. Die frühesten bisher identifizierten Fossilien von Fischen mit beweglichem Kiefer stammen aus der Zeit vor etwa 425 Millionen Jahren.

Zwei neue Fossillagerstätten
Ein Team um You-an Zhu von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking hat nun eine große Anzahl an Fischfossilien aus dem frühen Silur entdeckt, die dabei helfen, diese Forschungslücke zu füllen. In Chongqing und Guizhou in Südchina fanden sie zwei zuvor unbekannte Fossillagerstätten, die den Zeitraum von vor etwa 439 bis 436 Millionen Jahren umfassen und außergewöhnlich gut erhaltene Fossilien der damals lebenden Tiere enthalten. „Bisher konnten wir von solch außergewöhnlichen und frühen Fossilien nur träumen“, sagt Co-Autor Per Ahlberg von der Universität Uppsala in Schweden. „Sie sind jedoch mehr als nur Kuriositäten; sie sind in erster Linie wichtige Daten, um unsere lang gehegten Hypothesen über die Entstehung unseres Stammbaums zu überprüfen – und entweder zu bestätigen oder zu widerlegen.“
Neben zahlreichen anderen Fossilien entdeckten Zhu und seine Kollegen zwei neue Spezies, die sie im Detail untersuchten und beschrieben: den Panzerfisch Xiushanosteus mirabilis und den urzeitlichen Hai-Verwandten Shenacanthus vermiformis. Xiushanosteus mirabilis ist rund drei Zentimeter lang und zählt zu den Placodermen, einer ausgestorbenen Gruppe gepanzerter prähistorischer Fische, die die frühesten bekannten Wirbeltiere mit Kiefern waren. Mit seinem flachen, halbrunden Kopf erinnert er an seine kieferlosen Vorfahren, weist aber auch schon Merkmale späterer Kieferfische auf. Damit gibt er einen bislang einzigartigen Einblick in die frühe Evolution der Schädelform bei Kieferwirbeltieren. Offenbar war er in der Zeit und Region, aus der die Ablagerung stammt, weit verbreitet: Die Forscher fanden 20 Exemplare.





