Die Bestandsaufnahme klingt zunächst ernüchternd: Eine am 14. November 2016 in Brüssel vorgestellte Studie internationaler Fischerei-Wissenschaftler zeigt, dass 85 Prozent der Fischbestände in europäischen Gewässern in einem kritischen Zustand sind. “Unsere Daten belegen, dass nur zwölf Prozent der Bestände die Vorgaben der gemeinsamen EU-Fischereipolitik erfüllen”, erklärt Studienleiter Rainer Froese vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel.
Sogar mehr Fänge als heute
Aber dabei muss es nicht bleiben. Denn das Forscherteam hat auch untersucht, welche Vorteile ein besseres Management der Fischbestände hätte. Die Studie ergab, dass eine nachhaltige Fischerei gar nicht unbedingt bedeuten muss, dass die Fänge dauerhaft niedriger liegen als heute: Wenn vorher die Fischbestände wiederaufgebaut und dann nachhaltig und vorsichtig bewirtschaftet werden, dann könnten die Fänge sogar insgesamt um 57 Prozent erhöht werden, wie die Forscher feststellten.
“Das Ergebnis hat mich in seiner Deutlichkeit selbst überrascht”, sagt Froese. “Das wären fünf Millionen Tonnen Fisch mehr pro Jahr. Und gleichzeitig wären die Bestände langfristig stabil”, betont der Biologe. Bei einigen Beständen wären sogar Steigerungen der Fangmengen um 300 Prozent möglich, dazu gehören beispielsweise Schellfisch und Kabeljau in der Nordsee sowie Dorsch und Hering in der westlichen Ostsee.

Aktueller Zustand der europäischen Fischbestände (Grafik: Geomar)
Erholungspause und Aufstockung entscheidend
Bevor allerdings die Fischerei losgehen kann, müssen erst die Bestände wieder aufgebaut werden. Das aber würde laut Studie nur wenige Jahre dauern, abhängig davon, in welchem Zustand sich die jeweiligen Bestände aktuell befinden. “Bei den meisten würde eine Erholungszeit von weniger als fünf Jahren ausreichen”, sagt Froese.
Wenn dann die Fischpopulationen aufgestockt sind, könnte die in der Studie vorgeschlagene „vorsichtige Befischung” beginnen. Sie bedeutet, dass als Ziel nur 90 Prozent des höchstmöglichen Dauerertrags angestrebt wird. “Der Vorteil wäre, dass Fischerei auf gesunde Bestände wesentlich weniger Aufwand erfordert, weil genug Fische im Wasser sind”, erklärt Froese. “Weniger Fischereiaufwand bedeutet weniger Beifang, weniger Umweltschäden, geringere Fangkosten und damit auch höhere Gewinne für die Fischer.”
Nach Ansicht der Forscher belegen diese Ergebnisse, dass ein nachhaltiger Umgang mit Meeresfrüchten nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich vernünftig sein kann. Ob die Fischereiwirtschaft sich danach richtet, bleibt abzuwarten.





