Ästuare – breite Wasserkörper, die sich dort bilden, wo ein Fluss ins Meer fließt – machen nur etwa 0,35 Prozent aller Lebensräume auf der Welt aus. Doch sie sind von großer ökologischer und wirtschaftlicher Bedeutung. Schiffe finden hier einen natürlichen Hafen und insbesondere Vögel und Fische einen einzigartigen Lebensraum. Denn mit Ebbe und Flut fließt in Ästuaren salzhaltiges Meerwasser in Richtung Fluss und sorgt so dafür, dass in der Mündung Brackwasser entsteht und der Wasserstand schwankt. Diese besonderen Bedingungen führen dazu, dass sich dort viele verschiedene Tierarten an Land und im Wasser wohlfühlen.
91 Prozent weniger Fische
Die Elbmündung nordwestlich von Hamburg ist eines der größten Ästuare Europas und das größte Deutschlands. Wie es um die dort lebenden Tiere steht, hat jetzt ein Forschungsteam um Jesse Theilen vom Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels untersucht. Die Forschenden wollten wissen, wie sich der Eingriff des Menschen und der Klimawandel auf die Fischbestände auswirken. Dazu analysierten sie Daten aus den Jahren 1984 bis 2022 von fünf Messstationen entlang der Elbe. Die Stationen messen unter anderem die Wassertemperatur, Schwebstoffe, Sauerstoffgehalt und den Gehalt des für Fische giftigen Stoffs Nitrit. Zusätzlich werteten sie Daten zur Anzahl und Artzusammensetzung der Fische aus, die in den letzten 40 Jahren in diesem Ästuar gefangen wurden.

Die Ergebnisse sind zunächst erfreulich: Bis zum Jahr 2010 verbesserte sich die Wasserqualität in der Elbmündung und die Anzahl an Fischen nahm zu. Beispielsweise lebten in den 1980er Jahren nur etwa 12.000 Stinte in dem Ästuar, bis 2010 wuchs ihr Bestand jedoch auf bis zu 168.000 Exemplare an. Nach 2010 änderte sich die Lage allerdings drastisch: Der gesamte Fischbestand in der Elbmündung ging bis 2022 um 91 Prozent zurück. Allein die Stintpopulation schrumpfte bis zu diesem Zeitpunkt auf etwa 13.000 Exemplare. Auch die Bestände von Finte, Flunder, Kaulbarsch und Brachse gingen zurück, wie die Analysen ergaben. Bei vielen Fischarten war vor allem die Anzahl an Larven und Jungfischen rückläufig. Im Gegensatz dazu nahm die Dichte der Meeresfischarten Hering und Wittling jedoch zu.





