Die Meeresmikrobiologin Antje Boëtius forscht am Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie in Bremen, am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven und an der Universität Bremen. 2008 erhielt sie den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
bild der wissenschaft: Frau Boëtius, Sie scheinen mit der halben Welt vernetzt zu sein. Sie haben Kooperationen mit diversen Meeresforschungseinrichtungen in Japan, Norwegen, Frankreich und den USA.
Antje Boëtius: In der Praxis dreht es sich dabei vor allem um gemeinsame Expeditionen. Bei Forschungsschiffen ist es fast wie in der Raumfahrt. Fünf Jahre vor der eigentlichen Forschungsfahrt fängt man an zu planen: Wer sind weltweit die besten Leute für dieses Projekt, wer hat die passenden Instrumente und Roboter? So kommt ein Team zusammen, und dann organisiert einer von uns das passende Schiff dazu.
bdw: Außerdem sind Sie im Beirat diverser ausländischer und internationaler Forschungseinrichtungen und -projekte …
Boëtius: Das hat viel mit dem X-Chromosom zu tun. In den meisten Ländern möchte man bei Begutachtungen von Forschungsprojekten Frauen dabei haben. Deshalb habe ich eine Flut von Einladungen verschiedener internationaler Meeresforschungseinrichtungen bekommen.
bdw: Wird Ihnen das nicht zu viel?
Boëtius: Es ist natürlich eine Ehre, solche Aufgaben übernehmen zu dürfen. Man bekommt sie als Anerkennung seiner Leistung. Das freut mich. Mein Motto ist: Dem Zufall eine Chance geben. Wer viel mit anderen kommuniziert und zusammenarbeitet, an den erinnert man sich vielleicht später einmal und bietet ihm interessante Forschungskooperationen an.
Wo noch nie jemand gewesen ist
Es hätte das tiefste Loch werden sollen, das je in den Meeresboden gebohrt wurde – vor der japanischen Küste. Doch dann kam im März 2011 der Tsunami, und das deutsch-japanische Projekt musste um ein Jahr verschoben werden. 2,25 Kilometer tief wollen die Forscher um den Bremer Biogeochemiker Kai-Uwe Hinrichs bohren. In der extremen Umgebung mit hohem Druck und einer Temperatur von mehr als 60 Grad Celsius, ohne Licht und Sauerstoff wollen sie Leben entdecken und erforschen. Ihre Chancen stehen gut, ist Hinrichs überzeugt: „Wir haben 1,9 Kilometer unter dem Meeresboden einzellige Organismen – Bakterien und Archaeen – aufgespürt. Nach Schätzungen ruhen in den Sedimenten unter dem Meer 10 bis 30 Prozent der weltweiten Biomasse.” Um die 10 Millionen Zellen pro Quadratzentimeter Sediment entdeckten die Forscher 1000 Meter tief im Meeresboden. Das ist zwar nur ein Hundertstel der Menge direkt unter dem Meeresgrund, aber da die Sedimente weltweit ein gigantisches Volumen haben, gibt es dort wohl auch riesige Mengen an Lebewesen. „Diese Einzeller ernähren sich von den Resten urzeitlichen Lebens, schwer verdaulichen braunkohleartigen Substanzen, und sie vermehren sich extrem langsam”, sagt Hinrichs. „Alles deutet darauf hin, dass es mehrere Tausend Jahre dauert, bis sich eine Population komplett geteilt hat.” Da sich diese Prozesse schlecht direkt beobachten lassen, schufen Hinrichs und sein Team eine indirekte Nachweismethode für unbekanntes Leben: Sie detektieren Stoffwechselprodukte der Einzeller.
Die gläsernen Doktorväter
Dierk Hebbeln ist Professor für Paläoozeanographie und Leiter der Graduiertenschule Glomar der Universität Bremen. Er berichtet über die Erfahrungen der ersten fünf Jahre dieses Programms:
„Ganz am Anfang hatten wir Angst, dass wir unsere Doktoranden zu sehr unter Druck setzen, wenn sie mehr als einen Betreuer haben – doch das Gegenteil war der Fall. Früher gab es beim Promovieren immer nur Zweierbeziehungen: Doktorand und Betreuer. Aber man kennt das ja aus dem täglichen Leben mit den Zweierkisten – das muss nicht unbedingt klappen. Wir haben deshalb bei Glomar auf ein Betreuungsteam gesetzt: das Thesis-Komitee. Es besteht aus dem eigentlichen Betreuer und zwei oder drei anderen Wissenschaftlern. Meine Erfahrung ist: Der Betreuer wird viel mehr unter Druck gesetzt als der Doktorand. Doktorväter und -mütter neigen häufig dazu, den Promovierenden immer mehr Aufgaben aufzubürden. Aber die externen Kollegen passen auf und sorgen dafür, dass die Arbeit zielgerichtet bleibt. Das ist mir als Betreuer auch schon passiert.”
Glomar steht für „Global Change in the Marine Realm” (Weltweiter Wandel im Reich der Meere). Der Name des 2006 im Rahmen der Exzellenzinitiative gegrün- deten Programms deutet den „breiten interdisziplinären Ausbildungsansatz” an: Doktoranden aller Fachrichtungen der Universität Bremen können sich für das Programm bewerben. Global soll auch die Forschung der Jungwissenschaftler sein. Möglichst alle Doktoranden sollen einige Monate im Ausland forschen, um Erfahrungen zu sammeln und Kontakte zu knüpfen. „Diese Vielfalt zahlt sich aus”, meint Dierk Hebbeln. „Gemeinsam finden die jungen Leute oft Ideen und auch Lösungsansätze, auf die sie alleine niemals gekommen wären.”
Juristen unter Geologen
James Collins ist Doktorand im Glomar-Programm am Marum. Er untersucht Sedimente vom Meeresboden vor der westafrikanischen Küste. Wie sich herausgestellt hat, verdrängte die Eiszeit die Regenwälder Westafrikas nicht nach Süden wie angenommen, sondern ließ sie auf einen schmalen Streifen schrumpfen.
bild der wissenschaft: Herr Collins, was ist für Sie das Besondere an dem Glomar-Programm?
James Collins: Man lernt dort Menschen kennen, auf die man sonst nie gestoßen wäre. Da gibt es sogar Jura-Doktoranden, die sich mit Seerecht oder internationaler Fischerei beschäftigen.
bdw: Juristen unter Geologen?
Collins: Man muss kein Naturwissenschaftler sein, um bei Glomar mitzumachen. Entscheidend ist, dass man etwas mit dem Meer zu tun hat. Dann kann man sich schriftlich bewerben – und muss einen Vortrag halten. Das trainiert einen, denn den Vortrag über sein Projekt muss man so halten, dass ihn auch die Juristen verstehen. Ich glaube, das ist es, was man uns Wissenschaftlern beibringen will: sich und seine Forschung verständlich rüberzubringen.
bdw: Das klingt nicht nach einem typischen Doktoranden-Programm.
Collins: Man erfährt viel über aktuelle Forschung und kann auch Statistik-Kurse oder Ähnliches besuchen. Aber es gibt auch Programme, in denen man lernt, wie ein Unternehmer zu handeln hat oder was man braucht, um Führungspositionen zu übernehmen. Und das ist schon sehr hilfreich.





