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Europas heimliche Schatzkammern
Traditionell bewirtschaftetes Grünland beherbergt Tausende verschiedene Tier- und Pflanzenarten. Überlieferte kleinbäuerliche Praktiken sichern ihnen das Überleben – so wie bei den Csángós in den Ostkarpaten.
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Text: Kurt de Swaaf
Man muss sie schon suchen, doch noch gibt es sie – jene Traumbilder eines Frühsommertags, die Monet, van Gogh und Klimt inspirierten. Glänzend grüne Wogen, gespickt mit unzähligen Farbtupfern, tanzend im Takt der lauen Brisen. Wer möchte sich da nicht hineinlegen und dem Rascheln von Halmen und dem Summen von Insekten lauschen? Wiesen sind wahre Paradiese. Ihre Bedeutung reicht allerdings sehr weit über unser poetisches Empfinden hinaus. Biologen nennen sie nüchtern Grasland, ihrem Zauber kann sich aber auch die Wissenschaft nicht entziehen. Denn in ihrer Komplexität und Artenvielfalt stehen Wiesen berühmteren Ökosystemen wie Korallenriffen und tropischen Regenwäldern kaum nach. Man muss nur genau hinschauen.
Die Fachwelt unterscheidet viele verschiedene Typen von Grasland. Allen gemeinsam ist ihr Hauptmerkmal: das (weitgehende) Fehlen von Bäumen und Sträuchern. Wo sich solche hochwüchsigen Gewächse ausbreiten, fehlt Gräsern und ihren typischen Begleitpflanzen wie Klee und Margeriten am Boden das Licht. Wald und Wiesen sind somit Gegenpole im vegetationsbiologischen Spektrum. Die eurasischen Steppen und die nordamerikanischen Prärien stehen exemplarisch für ausgedehntes, natürliches Grasland. Dort ist den Bäumen das Klima zu unwirtlich – lange, kalte Winter kombiniert mit trockenen Sommern. Die Tatsache, dass Wiesen und vergleichbare Vegetationen seit vielen Jahrhunderten auch in Waldregionen vorkommen, ist vor allem dem Menschen geschuldet. Sein Vieh braucht Grünzeug, entweder frisch oder als Heu beziehungsweise Silage. Daher war Grasland für die Entwicklung der Viehwirtschaft ein wichtiger Faktor; entsprechend unterscheidet die Landwirtschaft Weiden (auch: Grünland), auf denen domestizierte Tiere grasen, und Wiesen, die gemäht werden.
Das Werk großer Pflanzenfresser
Ein Großteil der eurasischen Graslandvegetation besteht aus Pflanzenspezies, die meist im Offenen wachsen. Wie aber konnten diese im ursprünglich eher walddominierten Mitteleuropa überleben? Zsolt Molnár sieht hierin vor allem das Werk von Vierbeinern. „Diese Arten sind deutlich mit großen Herbivoren verbunden“, erklärt der am ungarischen HUN-REN Zentrum für ökologische Forschung in Vácrátót tätige Botaniker. Einst in Herden auftretende Pflanzenfresser wie Wisente, Wildpferde und Auerochsen hätten durch ihr Grasen schon lange vor Beginn der Landwirtschaft Flächen offengehalten. Molnár verweist damit auf die sogenannte Megaherbivoren-Hypothese. Der zufolge wäre die Megafauna eine treibende Kraft der Evolution gewesen und die von ihr geschaffenen Landschaften die Wiege vieler heutiger Wiesenpflanzenarten. Später, nachdem der Mensch die Grasfresser weitgehend verdrängt und ausgerottet hatte, wurde ihre Rolle von domestiziertem Vieh und Sensen übernommen.
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Der erstaunlichen Biodiversität der Grasland-Ökosysteme hat das anscheinend nicht geschadet – vielleicht sogar im Gegenteil. Botanisch gesehen gehören langzeitig bewirtschaftete Weiden und Wiesen zu den artenreichsten Lebensgemeinschaften überhaupt. Den diesbezüglichen Rekord hält das Grünland an den Hängen der Weißen Karpaten im Osten Tschechiens. Pro 16 Quadratmetern – eine in der Vegetationskunde gängige Untersuchungseinheit – zählten Expertinnen bis zu 105 verschiedene Pflanzenspezies. Die meisten Wiesen der Region beherbergen zwischen 60 und 70 Arten auf einer solchen Fläche – auch das ungewöhnlich hohe Dichten. Die Kalkmagerböden der Weißen Karpaten bieten einen idealen Standort für die blühende Pracht. Lange dachte man, das Grasland der Weißen Karpaten werde erst seit dem Mittelalter genutzt, doch archäologische und paläobotanische Studien lassen eine menschliche Prägung der Landschaft schon in der Bronzezeit vermuten. Und die ganze Vielfalt existiere womöglich nicht trotz, sondern dank der Bewirtschaftung, so die Meinung der Fachleute. Biodiversität aus Bauernhand sozusagen.
Wiesenbewirtschaftung in den Ostkarpaten
Zsolt Molnár kennt Vergleichbares aus eigener Beobachtung. Der Wissenschaftler und einige seiner Kollegen haben jahrelang die landwirtschaftliche Kultur der Csángós, einer ungarischsprachigen Minderheit in den rumänischen Ostkarpaten, untersucht. Diese ließen sich im 18. Jahrhundert in den Tälern der damals sehr dünn besiedelten Region nieder und rodeten einen Teil der Wälder. Csángós bauten eine tiefe Beziehung zur Natur ihrer neuen Heimat auf und unterscheiden mehr als 140 verschiedene Habitattypen, jeder davon mit einem eigenen ökologischen Charakter und einer spezifischen Vegetation, erklärt Molnár. Das Wissen ist bis heute erhalten geblieben, ebenso wie die traditionelle Viehhaltung – auch wenn beide inzwischen vom ländlichen Strukturwandel bedroht sind.
Für die Bewirtschaftung ihres Grünlands setzen die meisten Csángós noch immer auf ein ausgeklügeltes, überliefertes Managementsystem. Die Bauern verfolgen eine langfristige Strategie zur Optimierung von Erträgen, Futterqualität und Angebot an Heilpflanzen, wobei die Biodiversität eine zentrale Rolle spielt. Artenreiche Heuwiesen werden nicht nur wegen ihres Angebots an Heilpflanzen geschätzt; sie liefern laut traditionellem Wissen vor allem besseres Winterfutter. Ein hoher Anteil an verschiedenen Kräutern im Heu soll dafür sorgen, dass die Kühe fetthaltigere Milch geben – eine Annahme, die wissenschaftlich allerdings noch nicht belegt ist. Bergwiesen bekommen keinen Dünger, denn zu viele Nährstoffe lassen den Kräuterreichtum schwinden. Allerdings werden nicht alle Flächen so extensiv bewirtschaftet. Die Csángós unterteilen ihr Grünland in „innere“, sprich dorfnahe, und „äußere“ Wiesen, die weiter entfernt, meist in den Bergen, liegen. Die inneren Wiesen düngen die Bauern alle zwei, drei Jahren mit Stallmist, erklärt Molnárs Kollege Dániel Babai vom HUN-REN Zentrum für Kulturwissenschaften. Das erhöhe die Heumengen, verringere aber die Artenvielfalt. Masse statt Klasse sozusagen. Trotzdem sind auch diese Koppeln noch um einiges artenreicher als die auf Hochleistung getrimmten Heufelder Mitteleuropas.
Wie durchdacht die Wiesenbewirtschaftung der Csángós ist, zeigt sich zudem bei den Ernterhythmen. „Die traditionelle Heusaison beginnt für die inneren Wiesen so um den 24. Juni, den Johannistag“, sagt Dániel Babai. Es kommen aber nicht gleich alle Flächen unter die Sensen. Viele werden erst Wochen später gemäht. Der Hintergrund: Früh geerntetes Heu mag zarter und nährstoffreicher sein, doch die Samen von Gras und Wiesenpflanzen konnten bis dahin noch nicht reifen. Der Vegetation fehlt es dann an Nachwuchs, was der Produktivität auf Dauer schadet. Um dem vorzubeugen, wird jede Wiese erst nach der Samenreife gemäht, und jede Bauernfamilie hat dazu ihr eigenes, mehrjähriges Rotationssystem. „Sie müssen dabei auch die Höhenlage und den Neigungswinkel der Flächen beachten“, betont Babai. All dies beeinflusse schließlich die Wachstumsprozesse.
Manche Schäden lassen sich dennoch nicht vermeiden. Trampelndes Vieh oder Trockenheit reißen manchmal Löcher in die Grasnarben. Zur Behandlung solcher Vegetationswunden haben Csángó-Bauern stets ein paar Säcke Heusaat aus eigener Produktion auf Lager. Deren Gewinnung ist einfach, berichtet Dániel Babai: Wenn die Heuböden über den Winter geleert wurden, lassen sich die herausgefallenen Samen im Frühjahr einfach aufkehren. Ungefähr zwei Drittel aller auf den Wiesen vorkommenden Pflanzenarten können über Heusaat ausgebracht werden, erklärt der Wissenschaftler. Dies sei vor allen für die inneren Weiden wichtig, weil dort durch das Düngen immer wieder Arten verschwinden. Das Einsäen gleiche diese Verluste wieder aus. Heusaat enthalte zudem jede Menge Spelzen und andere Pflanzenreste, sagt Babai. Damit gelangen wertvolle Nährstoffe und Spurenelemente zurück in den Boden.
Artenvielfalt für mehr Ertrag
Die Untersuchungen der ungarischen Experten zeigen das Ergebnis der aufwendigen Pflege. Auf 16 Quadratmetern traditionell bewirtschaftetem Csángó-Grasland gedeihen demnach oft mehr als 50 verschiedene Pflanzenspezies. Eine Alm in der Nähe des Dorfes Gyimes brachte es bei den Zählungen auf ganze 82 Spezies. Und was die Bauern schon lange wissen, wird inzwischen auch zunehmend von der Wissenschaft bestätigt. Biodiversität begünstigt tatsächlich die Futterqualität und kann auch die Erträge steigern. Das entspricht allerdings nicht der seit Jahrzehnten gängigen Lehrbuchmeinung. In der konventionellen Agrarwirtschaft wird Artenreichtum meist mit geringer Produktivität in Verbindung gebracht. Üppiges Wachstum sei vor allem Düngung und intensiver Bearbeitung geschuldet, so das Argument. Doch die Realität ist offenbar viel komplexer.
Welches Potenzial artenreiches Grünland hat, legen die Untersuchungen eines schweizerisch-deutschen Forschungsteams dar. Die Experten analysierten Daten aus dem seit 2002 laufenden Jena-Experiment, einem Langzeitversuch auf 90 großen Flächen bei Jena. Diese wurden mit unterschiedlich vielen Spezies – zwischen einer und 60 je Versuchsfläche – angelegt und werden unterschiedlich intensiv bewirtschaftet. Die Ergebnisse einer Studie von Sergei Schaub, Agrarökonom an der ETH Zürich, und Kolleginnen und Kollegen zeigen: Je mehr Pflanzenarten auf einer Wiese gedeihen, desto besser die Heuerträge – und das unabhängig von der zugegebenen Düngermenge oder wie häufig die Wiese gemäht wird. Die Wissenschaftler berücksichtigten in ihren Berechnungen auch die Futterqualität, darunter den Gehalt an organischer Materie wie verdauungsfördernden Fasern, die aber nur wenig Einfluss auf die Gesamterträge und den ökonomischen Wert hatte. Die größeren Heumengen machten den Unterschied.
Die Ursache für die zunehmende Produktivität liegt vermutlich im ökologischen Gefüge. „Verschiedene Pflanzenarten profitieren voneinander“, sagt Sergei Schaub. Leguminosen wie die Luzerne (Medicago sativa) zum Beispiel seien bekanntlich in der Lage, mithilfe spezieller Bakterien Luftstickstoff zu binden und diesen biologisch verfügbar zu machen. So verbessern sie auch die Nährstoffversorgung für benachbarte Gewächse. Ein Komplementarität genannter Effekt trägt ebenfalls zur Ertragssteigerung bei, erklärt Schaub. Dieser basiert auf den Fähigkeiten von Pflanzenarten, bestimmte Ressourcen besser erschließen zu können als andere. Dadurch kann das Gesamtangebot optimal genutzt werden.
Der Vorteil mit den Leguminosen ist auch den Csángós bekannt. Sie reichern ihre Heusaat bewusst mit Samen der Futter-Esparsette (Onobrychis viciifolia), einer ursprünglich aus Südeuropa stammenden Verwandten der Luzerne, an, die wahrscheinlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg in die Region kam. „Die werden als einzige Art gezielt gesucht“, berichtet Dániel Babai. Mitunter lassen Bauern beim Mähen einzelne Büschel der Futter-Esparsette stehen, damit sie sich selbst aussäen kann. Ihr ist es wohl zu verdanken, dass sogar trockene und felsige, südexponierte Hänge jetzt recht gute Heuerträge liefern. Nebenbei bietet die Onobrychis viciifolia auch aus veterinärmedizinischer Sicht Vorteile. Die Pflanzen enthalten relativ hohe Konzentrationen von Tanninen. Solche Gerbstoffe bremsen die Fruchtbarkeit von parasitischen Fadenwürmern im Verdauungstrakt, vor allem bei Schafen und Ziegen.
Traditionelle Weidepraktiken sind rückläufig
Die vielen Eingriffe mögen von der Finesse der Csángó-Grünlandwirtschaft zeugen; die Hauptrollen spielen aber das Grasen und das Mähen fürs Heumachen – auch in puncto Flächenpflege. Denn viele der Wiesenpflanzen reagieren positiv auf Sensen und hungrige Tiermäuler. „Gerade die Süßgräser wachsen schneller bei einer extensiven Beweidung“, sagt Dániel Babai. Das könnte ein evolutionäres Erbe aus der Zeit der Megaherbivoren sein. Bei den Csángós und in einigen anderen Regionen Europas war es deshalb üblich, Vieh im Frühling ein Weilchen auf den späteren Mähwiesen grasen zu lassen. Das steigerte den Heuertrag. Heute gerät diese Praxis zunehmend in Vergessenheit.
Überhaupt ist die traditionelle, grünlandbasierte Viehhaltung fast europaweit rückläufig. Sie gilt vielen Bauern als zu arbeitsintensiv und finanziell lohnt sich der Aufwand oft nicht mehr. Immer mehr Weiden und Wiesen werden deshalb aufgegeben. Man bricht die Flächen zu Ackern um oder lässt sie verbuschen. Dies bedeutet einen herben Verlust für die Natur und die Kulturlandschaften. Nicht nur viele Pflanzenarten, auch zahlreiche Insekten-, Vogel- und weitere Tierspezies sind auf offenes Grasland als Lebensraum angewiesen. So brauchen zum Beispiel viele Tagfalter bestimmte Pflanzen als Nektarquelle, während andere Gewächse zum Beispiel ihren Raupen als Futter dienen. Wer sich fragt, warum es heutzutage so wenig Schmetterlinge gibt, sollte mal nach wirklich bunten Wiesen Ausschau halten.
Leider sind auch die Csángós von der negativen Entwicklung betroffen. Vor allem die äußeren Wiesen werden zunehmend vernachlässigt. Der traditionelle Käse aus der Region findet wenig Absatz, und die meisten Kleinbauern profitieren nicht von Subventionen der Europäischen Union – viele ihrer Flächen sind zu klein, um gefördert werden zu können, und der bürokratische Aufwand ist zu hoch. Stattdessen zwingen strikte EU-Regelwerke viele Familien dazu, die Vielfalt ihrer landwirtschaftlichen Praktiken einzuschränken, wie Dániel Babai berichtet. „Osteuropa wurde von westlichen Großunternehmen und Vorschriften kolonialisiert“, ergänzt Zsolt Molnár verärgert. Das habe enorme kulturelle und landschaftliche Schäden verursacht. Der Weltbiodiversitätsrat IPBES, zu dem auch Molnár gehört, fordert inzwischen mehr Beachtung für das ökologische Wissen von indigenen und lokalen Bevölkerungsgruppen und Unterstützung, um diese weiter umsetzen zu können. Man kann offenbar sehr viel von diesen Menschen lernen. //
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