Es ist ein Grundelement der Evolutionstheorie: Neue Spezies entstehen, indem sich eine Art zunächst in unterschiedliche Gruppen von Individuen aufteilt, die dann im Laufe der Generationen immer mehr spezifische Merkmale entwickeln. Sie passen sich dabei an bestimmte Lebensräume an oder erobern sich neue ökologische Nischen. Irgendwann unterscheiden sich die Linien dann so stark, dass man von verschiedenen Arten spricht. Ein Beispiel: Im Norden haben sich Bären an das Leben in der Arktis angepasst, bis schließlich eine vom Braunbären getrennte Art entstand – der Eisbär.
Oft können verwandte Arten auch noch gemeinsame Nachkommen hervorbringen: In Bereichen, in denen ihre Verbreitungsgebiete angrenzen, entstehen auf diese Weise Hybride. Somit scheint klar, dass theoretisch auch erneut eine komplette Durchmischung zweier Spezies erfolgen kann, sodass es am Ende wieder nur eine gibt. Genau das ist offenbar bei den Kolkraben (Corvus corax) passiert, berichten nun die Forscher um Kevin Omland von der University of Maryland in College Park.
Blick in die Geschichte der Raben
Der Kolkrabe besitzt ein gigantisches Verbreitungsgebiet, das den ganzen Norden der Erde umfasst. Am Anfang der Untersuchungen stand die Frage, ob sich regionale Unterschiede im Erbgut der Raben abzeichnen – beispielsweise, ob es eine typische Altwelt- und Neuwelt-Linie gibt. Die Forscher haben dazu die Genome von hunderten Raben verschiedener Herkunft untersucht. Wie sie berichten, zeichnet sich in den genetischen Daten ab, dass es einst zwei klar unterschiedliche Gruppen gab: Die “California”-Raben im Südwesten der heutigen USA und die “Holarktic”-Raben, die in anderen Teilen Nordamerikas, Russlands und auch Europas vorkamen.
Bestimmte Merkmale im Erbgut legen nahe, dass sich die California- und die Holarktic-Raben zwischen ein bis zwei Millionen Jahre lang getrennt voneinander entwickelt haben. Seit mindestens zehntausend Jahren hybridisieren sie nun aber erneut intensiv, sagen die Forscher. Sie haben sich im Westen der USA dadurch wieder weitgehend miteinander vermischt. “Aus unseren umfangreichen genetischen Daten geht nun das bisher am besten belegte Beispiel für die Umkehrung einer Speziation von stark unterschiedlichen Linien hervor”, sagt Co-Autor Arild Johnsen von der Universität Oslo.
Speziationsumkehr in der menschlichen Entwicklungsgeschichte
“Es handelt sich um einen natürlichen evolutionären Prozess, der wahrscheinlich in hunderten oder tausenden von Linien von Lebewesen abgelaufen ist”, betont Omland. “Es ist uns wichtig, auf diesen Prozess aufmerksam zu machen. Denn wenn Forscher eigenartige Muster in ihren genetischen Daten sehen, muss das nicht bedeuten, dass es sich um Fehler handelt”, sagt der Wissenschaftler. Prozesse der Speziationsumkehr können demnach ihre Spuren hinterlassen haben.





