Video: Bartgeier Wiggerl entwischt der verärgerten Gams. © LBV Bayern
Mit einer Flügelspannweite von bis zu 2,90 Metern zählen sie zu den größten flugfähigen Vögeln der Welt: Einst waren Bartgeier in den europäischen Gebirgen weit verbreitet und zogen auch in den bayrischen Alpen ihre Kreise. Doch dann gerieten sie ins Visier des Menschen, denn es wurde fälschlicherweise behauptet, die Aasfresser würden auch Nutztiere erbeuten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts führte die Verfolgung dann zur Ausrottung der Bartgeier im gesamten Alpenraum. Doch in den 1980er Jahren entschlossen sich dann Tierschützer, dem majestätischen Vogel ein Comeback zu ermöglichen.
Dazu wurden Bartgeier aus Zuchtbeständen in ihren einstigen Verbreitungsgebieten ausgewildert. In den West- und Zentralalpen konnte sich die Greifvögel dadurch bereits wieder erfolgreich etablieren. Um auch die östliche Alpenregion erneut zu ihrer Heimat zu machen, hat der Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV) im Jahr 2021 ein Wiederansiedlungsprojekt im Nationalpark Berchtesgaden ins Leben gerufen. Seitdem werden dort nun jedes Jahr zwei junge Bartgeier ausgewildert, die aus verschiedenen Stationen eines europäischen Bartgeier-Zuchtnetzwerks stammen.
Bevor die Jungtiere fliegen können, werden sie dazu in einer betreuten Felsnische im Klausbachtal ausgesetzt. Anschließend werden sie dort gefüttert, bis sie schließlich zu ihren ersten Ausflügen aufbrechen. Auf diese Weise wurden in den drei ersten Projektjahren bereits sechs Bartgeier ausgewildert. Das Weibchen „Bavaria“, ist der Region dann auch treu geblieben: Sie hat in der Nähe des Nationalparks möglicherweise schon ein Revier gegründet. Deshalb wurden für die diesjährige Auswilderung auch zwei Männchen ausgewählt: „Wiggerl“ aus dem Zoo von Helsinki und „Vinzenz“ von der Richard-Faust-Bartgeier-Zuchtstation im österreichischen Haringsee wurden am 29.05.2024 in die betreute Nische im Klausbachtal gesetzt.
Schreckmoment und Flugpremieren
Wie die dortigen Überwachungskameras dokumentierten, verhielten sich die beiden jungen Bartgeier-Männchen untereinander etwas distanzierter als ihre Artgenossen in den Vorjahren. Wie bei Jungvögeln üblich, kam es auch manchmal zu kleinen Streitigkeiten um das Futter, das von den Betreuern bereitgestellt wurde. Am 10. Juni führte ein solches Hickhack dann allerdings zu einem Schreckmoment: Nach einer Ausweichbewegung fiel Wiggerl rückwärts über die Felskante aus der Nische. Der noch flugunfähige Vogel stürzte anschließend etwa 30 Meter tief und landete schließlich auf einer Felsformation. „Da Projektmitarbeitende tagsüber die Nische durchgehend überwachen, konnten sie nach Wiggerls Sturz sofort ein Expertenteam informieren, das bereits kurze Zeit später für eine erste Einschätzung der Situation vor Ort sein konnte“, berichtet LBV-Bartgeierexperte Toni Wegscheider. Wie sich zeigte, war Wiggerl unverletzt geblieben und so konnte er nach einer Bergung schnell wieder in die sichere Nische zurückgebracht werden.





