IMMOBILIE ZU VERKAUFEN: Futuristisches Glasgebäude in ruhiger Lage auf 1,3 Hektar Nutzfläche, inklusive Ozean, Regenwald und Wüste, mit Blick auf die Catalina Mountains. „Biosphere 2″, die umstrittene Kunstwelt nahe Tucson, Arizona, sucht einen neuen Betreiber. „Den Menschen unsere Erde, die Biosphäre Nummer Eins, näher zu bringen, ist unser Ziel”, verkündete in den Achtzigerjahren der Amerikaner John Allen – Wissenschaftler, Künstler und Gründer des Projekts. Allens Theatergruppe erdachte diese Vision einer hermetisch abgeschlossenen „Erde auf Erden”, ein Modell für künftige Weltraumbasen. Rückblickend hat Biosphere 2 den Charakter einer Schaubühne beibehalten – und sich über eine Spielzeit von gut zwei Jahrzehnten als Drama in drei Akten entfaltet.
1. Akt: Ölmillionär Edward Bass spendiert 200 Millionen Dollar und stampft dafür Ende der Achtzigerjahre das größte Gewächshaus der Welt aus der Erde. Es entsteht in der Sonora-Wüste in Arizona, „weil es dort die meiste Sonne und die wenigsten Vorschriften gab”, erinnert sich Allen. Der kühne Bau wird bestückt wie Noahs Arche: Ein hundertköpfiges Team aus internationalen Wissenschaftlern trägt über 3800 Pflanzen- und Tierarten zusammen, darunter ein Korallenriff aus Mexiko und ein Stück Savanne aus Venezuela. Techniker errichten Regen- und Windanlagen und versiegeln die Mini-Erde dichter als ein Space Shuttle. Um die jährlichen Kosten von 25 Millionen Dollar wenigstens teilweise zu decken, sollen Touristen angelockt werden. So entstehen Souvenirshops und Aussichtsterrassen.
2. Akt: Am 26. September 1991 klettern vier Männer und vier Frauen in den Glaskasten, um dort für zwei Jahre ohne Hilfe von außen zu leben. Doch bald brauen sich dunkle Wolken über Biosphere 2 zusammen: Das Wetterphänomen El Niño bringt ungewöhnlich viel Regen und damit zu wenig Licht, so dass sich die Photosythese der Sauerstoff produzierenden Pflanzen verlangsamt. Zuerst sterben die Kolibris, dann die Hummeln. Die Pflanzen werden nicht mehr ausreichend befruchtet, die Ernten fallen mager aus. „Wir waren drauf und dran, zu ersticken, zu verhungern und verrückt zu werden”, erinnert sich Biosphärianerin Jane Poynter.
Die Mannschaft kämpft gegen Ameisen und Kakerlaken, für die angestrebte wissenschaftliche Arbeit bleibt keine Zeit. Besser geht es der Crew erst, als im Januar 1993 etliche Tausend Liter Sauerstoff in den Bau geblasen werden, denn der Gehalt des unverzichtbaren Atemgases fällt auf gefährliche 14,5 Prozent (normalerweise sind es fast 21). Das Management vertuscht den Eingriff – die Glaubwürdigkeit des Projekts gerät ins Wanken. Die Crew entsteigt nach genau zwei Jahren erschöpft ihrem Terrarium. Eine zweite Mannschaft betritt 1994 die Kunstwelt, muss sie jedoch aufgrund sozialer Spannungen bereits nach sechs Monaten wieder verlassen. Es folgt eine einjährige Pause.
3. Akt: Ein neuer Akteur betritt 1996 die Bühne. Die Columbia University bezieht den Glasbau und will dort hochkarätige Öko-Forschung betreiben. Doch der Unterhalt von zehn Millionen Dollar pro Jahr wird der Universität zu teuer. Trotz respektabler Veröffentlichungen über Treibhausgase will Columbia nach nur sechs Jahren vorzeitig aus dem bis 2010 laufenden Vertrag aussteigen. Eigner Bass zerrt die Hochschule vor den Kadi, aber man einigt sich außergerichtlich. Columbia packt Ende 2003 ein. Das Gelände bleibt nur für die jährlich gut 80 000 Touristen attraktiv, deren Eintrittsgelder die Kosten aber nicht decken können. Schließlich versetzt Bass Biosphere 2 den Todesstoß und überlässt das Objekt im Frühjahr 2005 den freien Kräften des Immobilienmarktes: Ausverkauf, ganz oder in Teilen.
„Hätte ich die Mittel, so würde ich Biosphere 2 erneut erschaffen”, sagt Allen. Doch er hat sie nicht. Und so hofft er, dass das Objekt, zu dem auch ein 250 Hektar großes Gelände mit 100 Gebäuden, Tagungszentrum und Hotel gehört, von einer wissenschaftlichen Organisation gekauft wird, die „das Erbe antritt und das Beste daraus macht”. Désirée Karge ■





