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Kurz vor ihrem Ende teilt sich die Donau. Sie fließt nach Norden und nach Süden. Dabei verschenkt sie großzügig ihr Wasser, ergießt sich in unzählige Seitenarme, füllt kleine und große Seen. Als wäre sie von ihrem langen Weg zu erschöpft, um zu entscheiden, wie sie das letzte Stück bis zum Schwarzen Meer zurücklegen will, bummelt und trödelt sie und erschafft dabei ein Delta, einen einzigartigen Lebensraum.
Mit dem Boot ins Delta
Tulcea ist das Tor zum Delta. Die rumänische Stadt liegt im weichen Licht der Morgensonne. Auf der Promenade eilen Frauen mit Einkaufskörben vorbei an alten Männern, die ihre Angeln ins Wasser halten. Jeder ihrer Handgriffe sitzt und verrät die in Jahren erlangte Routine. Ist der Fang allzu klein, verteilen die Hobby-Angler ihn an die herumstreunenden Katzen.
Von Tulcea bricht auf, wer das Delta erkunden möchte, diese spezielle Symbiose zwischen den Elementen: Ein Raum ohne klare Grenzen, der nicht mehr ganz Land und noch nicht Meer ist. Am Ende der Promenade gehen Mihai Doroftei und seine Kollegen vom Nationalen Donaudelta-Institut an Bord eines Bootes. Die Wissenschaftler wollen dem Fluss den Puls fühlen. Der ist aus dem Takt geraten. Die Donau bringt immer öfter zu wenig Wasser in das Delta, wodurch Seitenarme zu versanden drohen. „Das Delta ist wie ein Körper, durch dessen Adern Wasser fließt. Es kommt immer schlechter in die Kapillaren. Wir überwachen ein Programm, welches das Wasser wieder überallhin bringen soll“, erklärt Mihai Doroftei, während das Boot vom schwankenden Anleger ablegt und Kurs auf das Delta nimmt.
Das Donaudelta ist etwa so groß wie das Saarland. Circa 82 Prozent davon gehören zu Rumänien und sind Teil einer Region, die Dobruschda heißt; der Rest liegt in der Ukraine. Seit 1990 ist das Delta Biosphärenreservat. Es gibt kaum Straßen, Hauptverkehrsmittel sind Fährschiffe und Boote. Wenige Menschen leben hier, die Dobruschda gilt als die ärmste Region Rumäniens.
Reich ist das Delta hingegen an einer faszinierenden Natur. Über 5.200 Tier- und Pflanzenarten haben Forschende bislang erfasst. „Wir Wissenschaftler haben alle ein Spezialgebiet, aber wir können kaum alle Tiere und Pflanzen im Blick haben“, sagt Mihai Doroftei. Man kann den leisen Stolz in der Stimme hören. Er selbst kümmert sich als Wissenschaftler wie auch als Ranger der Administraţia Rezervaţiei Biosferei Delta Dunării um die Pflanzen des Deltas, vor allem: Schilf. Das Delta besitzt mit 1.800 Quadratkilometern das größte zusammenhängende Schilfrohrgebiet der Erde.
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Unter dem schrillen Gekrächze der Möwen, die sich in der wärmer werdenden Luft wiegen, nimmt die Expedition Kurs durch den Sulina-Kanal. Weil die Menschen Zeitverschwendung nicht schätzen, haben sie einen Teil des Donauwassers in Kanäle gezwungen, die den geraden Weg zur Küste befehlen. Der größte ist der Sulina-Kanal, über 100 Meter breit und an seinen Rändern mit Steinwällen versehen, die das Ufer vor den Wellen der Frachtschiffe schützen sollen. An den Böschungen grasen Rinder. Von ihnen gibt es immer mehr im Delta; der Staat subventioniert ihre Anschaffung. Auch deshalb legen Bauern immer wieder Feuer in den verbliebenen Auwäldern, um neue Weideflächen zu gewinnen.
Das Delta leide schon seit Jahrzehnten, erzählt János Botond Kiss auf der Fahrt. Der emeritierte Biologe, inzwischen Anfang 80, fast immer ein Fernglas in der Hand, kennt das Delta seit über 60 Jahren. Er hat nach der Revolution 1989 eine Gruppe aus Naturschützern aufgebaut – er nennt sie „die erste landesweite Ökopolizei“ – und Hunderte wissenschaftliche Abhandlungen über die Tierwelt des Deltas verfasst. Mit seinen „Polizisten“ hat er damals vor allem gegen die noch verbreitete Methode, mit Dynamit zu fischen, gekämpft.
Eine andere Gefahr, speziell für die Tiere des Deltas, sind die diversen Verschmutzungen wie der Müll, der an den Ufern angespült wird oder im Schilf hängen bleibt. Immer mal wieder fischen die Wissenschaftler während der Fahrt Plastikflaschen und Tüten aus dem Wasser. Die Donau fließe eben durch halb Europa. Die Zivilisation und ihre vermeintlichen Errungenschaften stoppen nicht an den Grenzen des Deltas. Das Wort Zivilisation führt jedoch in die Irre. Es klingt nach Vernunft. Damit hat die neueste Plage für das Delta – der Krieg in der Ukraine – nichts zu tun. Seit dem Überfall Russlands auf das Land fahren immer mehr große Schiffe durch den rumänischen Sulina-Kanal zu den ukrainischen Donauhäfen Ismail oder Reni, um dort Getreide zu laden, das nach den russischen Bombardierungen nicht mehr einzig über Odessa verschifft werden kann. Mit ihrer Fracht geht es zurück ins Schwarze Meer zum rumänischen Hafen Constantia, wo das Getreide auf noch größere Schiffe für den Transport in alle Welt umgeladen wird.
Der durch den Krieg ausgelöste Pendelverkehr belastet das Delta schwer. „Die Schiffe warten tagelang bei laufendem Motor, sie lassen Wasser und Öl ab“, weiß die ukrainische Wissenschaftlerin Halyna Morhun. Die ukrainische Wissenschaftlerin forscht zur Wasserqualität der Donau.
Die habe sich nun auch deshalb dramatisch verschlechtert, weil die viel zu großen Schiffe die Sedimente am Grund aufwühlten. Dort lagerten aber oft Schwermetalle.
Der Krieg ist auch auf dem Boot der Wissenschaftler häufiges Thema. In der Nacht sind Teile einer abgeschossenen Drohne auf rumänischem Gebiet niedergegangen. Da spenden János Botond Kiss’ Erzählungen Hoffnung. Vielleicht auch deshalb laden ihn die Wissenschaftler um Mihai Doroftei immer wieder gerne auf Ausflüge ein, auch wenn er schon lange in Rente ist. Kiss ist ein wandelndes Archiv. Er hat die Zeit erlebt, in der das Delta existenziell bedroht war: Diktator Ceaușescu wollte es trockenlegen und in eine Agrarfabrik umwandeln lassen. Im Norden unter dem Chilia-Kanal sind damals hinter Deichen weite öde Felder entstanden. Der Sturz Ceaușescus hat das Delta gerettet.
Kiss liegen besonders die Gäste des Deltas am Herzen, die vielen Hunderttausend Zugvögel, die im Frühling und Herbst auf den Seen Rast machen. Die Bedingungen sind hier so verlockend, dass sich sechs Vogelrouten über dem weiten Wasserland kreuzen. Es kommen Reiher, Kormorane, Flamingos, Löffler, Sichler, Enten, aber auch Greifvögel wie Schrei- oder Zwergadler. Kiss beobachtet mit dem Fernglas eine stattliche Kolonie Schwarzstörche, die sich in abgestorbenen Pappeln niedergelassen hat. Früher im Kommunismus haben die Zugvögel bei ihm immer eine Sehnsucht ausgelöst. Geblieben ist die Freude, an einem Ort zu leben, den so viele Vögel zweimal im Jahr besuchen.
Renaturierungsversuche
Das Boot biegt ein in einen Seitenarm, von dem nach einer Weile ein noch kleinerer Arm abgeht. Dort liegt ein Baggerschiff, das unter Getöse Schlamm aus dem Wasser auf das Ufer schaufelt. Nach dem Ausbaggern soll das Wasser wieder überall fließen. Das Boot steuert vorsichtig an die Böschung. Mihai Doroftei springt an Land. Er macht Fotos und notiert Namen von Pflanzen in einen Spiralblock. „Auf dem Schlamm siedeln sich vor allem invasive Arten an“, stellt er fest. „Für sie scheint es eine Nische zu sein. Das ist ein unerwünschter Effekt unserer Bemühungen, durch das Abtragen von Sandbänken den Wasserkreislauf wieder in Schwung zu bringen.“
Schon immer hat die Donau Tonnen von Sedimenten auf ihrem Weg durch Europa zum Schwarzen Meer transportiert. Das Delta ist so in Jahrtausenden entstanden. Das Problem heute seien die vielen Dürrejahre, sagt Mihai Doroftei. Ist das Wasser zu schwach und zu niedrig, versanden vielen Kanäle und Seen. „Der Schlamm schafft es nicht mehr bis zum Meer. Dem Fluss fehlt die Kraft.“ Mit einem großen Schritt und helfenden Händen springt der Ranger wieder an Bord.
Viele Ökosysteme, hohe Artenvielfalt
Weiter geht es auf immer schmaleren Wasserwegen, die von den Büschen am Ufer fast verschluckt werden. Sanfte Böen fahren durch die Äste der Weiden und bringen das raschelnde Schilf zum Tanzen. Die Wissenschaftler wirken eher wie Freunde, die glücklich sind, ein gemeinsames Hobby zu teilen. Lebhaft sprechen sie über Nachtreiher und Pelikane, Rotfüchse und Fischotter, Wasserlilien und Teichrosenfelder. Als der Kapitän am Ufer einen Goldschakal erspäht, schaltet er den Motor sofort aus. Lautlos treibt das Boot über das Wasser. Fast tänzelnd, vorsichtig einen Fuß nach dem anderen setzend, nähert sich das Tier dem Wasser. Schon am sandigen Ufer angekommen, nimmt es doch die Witterung des Bootes auf und ist mit zwei Sätzen zwischen den Weiden verschwunden. „Ein schönes Tier“, sagt einer der Männer. „Ein Männchen“, ergänzt ein anderer. Der Kapitän startet das Boot.
Warum ist die Biodiversität ausgerechnet im Delta so spektakulär hoch? Das liege vor allem an den sich überlappenden Ökosystemen, die nah zueinander existieren, erklärt Mihai Doroftei. Alte Flussläufe und Sümpfe, Trockensteppen, Dünen und Auwälder, Röhrichte und Seen.
Ganz besondere Kleinstbiotope sind sogenannte Plaurs, schwimmende Inseln, die aus dem dichten Schilf entstehen. Dort verrotten Stengel unter Wasser und bilden Blasen aus Faulgasen, die wegen des kompakten Wurzelwerks nicht nach oben entweichen können. Irgendwann sprengen sie ein Stück Schilfteppich ab, der dann als Insel über die Seen driftet. Besonders gerne bevölkern Rosapelikane und ihre engen Verwandten, Krauskopfpelikane, die Plaurs. Die Plaurs sind für die Vögel als Brutinseln wichtig. Dort sitzen sie dann und schauen etwas spöttisch auf vorbeifahrende Boote. „Sie sind unsere Stars“, sagen die Wissenschaftler. Mihai Doroftei fasziniert der Zusammenhalt der Tiere: „Nicht nur die Jungen werden gefüttert. Auch alte Vögel, die nicht mehr selbst auf Jagd gehen können, bekommen einen Teil des Fangs ab.“
Pelikane leben in großen Kolonien im Delta, weil es hier sagenhafte 110 verschiedene Fischarten gibt. Doch der Fischreichtum ist bedroht. „Die Laichzeiten verschieben sich. Eigentlich müssten die Schutz- und Fangperioden angepasst werden. Aber das passiert nicht“, sagt Mihai Doroftei. So würden immer wieder Fische gefangen, bevor sie gelaicht haben.
Im Delta ein Auskommen sichern
Für viele Arten – besonders die beliebten Speisefische wie den fetten Karpfen, den streng geschützten Stör, Brasse, Hecht, Wels und Zander – sei es schwerer geworden, zu überleben. Und der Druck auf die Bestände wachse, weil Fischfang neben Tourismus die einzige Einkommensquelle für die Bewohner des Deltas ist.
So wie für Mihai Butalchin. Der Mann in Flecktarnhose und grünem T-Shirt besitzt eine Fischfanglizenz wie rund 1.000 andere Berufsfischer. „Davon fischen aber nur 600 das ganze Jahr. Der Rest macht im Sommer Bootstouren für Touristen“, erzählt Butalchin in seinem Camp Semjon, das aus einer mit getrocknetem Schilf gedeckten Hütte und Schuppen besteht, um die magere Kätzchen streunen. Von hier aus kontrolliert der Fischer seine Reusen, die er in den umliegenden Seen ausgelegt hat. Alle haben Marken aus Metall. So können die für den Schutz des Deltas zuständigen Ranger des Biosphärenreservats bei ihren Kontrollen sehen, ob die Reusen registriert sind.
Mihai Doroftei findet, die Ranger gäben sich alle Mühe. Die Aufgabe sei nicht gerade einfach. Glücklicherweise stünden 72 Prozent der Fläche des Deltas unter Naturschutz. Andererseits aber gäbe es nur knapp 50 Ranger. Die könnten die vielen Hobbyfischer, deren Zahl ständig wachse, nicht alle kontrollieren. Sie sitzen überall im Schilf oder in Booten. Eigentlich dürfen sie nur für den Eigenbedarf fangen, viele aber verkaufen den Fisch an Restaurants.
Auch wenn also die Fischer des Deltas schon lange nicht mehr überall ihre Netze auswerfen und Reusen stellen dürfen und auch wenn illegale Fangmethoden wie die Elektrofischerei zurückgedrängt worden sind, fängt Mihai Butalchin immer weniger Zander und Hechte und immer kleinere Barsche.
„Die große Zeit ist schon lange vorbei“, sagt er und zückt aus der Hosentasche sein Portemonnaie, klappt es auf und zeigt ein altes Schwarz-Weiß-Foto seines Großvaters. Der stolz blickende Mann wurde im Kommunismus für Planerfüllung, also das Erreichen der Fangquoten, mehrmals mit Orden ausgezeichnet. Sie blinken auf seiner Brust, als wären sie elektrisch aufgeladen. Sein Enkel Mihai träumt von einer Aquakultur. Das sei die Lösung, findet er, die Bestände könnten sich erholen und er hätte endlich ein stabiles Einkommen.
Die Wissenschaftler vom Donaudelta-Institut sind skeptisch. Aquakulturen seien kostspielig, aufwendig und verschmutzten das Wasser mit Futter und Antibiotika. Ihrer Einschätzung nach gibt es einfach zu viele Fischer. Das zu sagen, ist aber heikel. Denn wo sollen die Menschen arbeiten? Im Tourismus? Mihai Doroftei verzieht das Gesicht. Die Antwort auf diese Fragen ist genauso heikel. „Tourismus ist bei uns die wichtigste Einnahmequelle. Aber so wie jetzt, bringt er das Delta an seine Grenze. Es braucht einen anderen Tourismus.“ Nachhaltiger sollte der sein, vor allem aber: langsamer.
Denn in den Häfen von Tulcea, Sulina oder Sfantu Gheorghe liegen immer mehr schnittige Schnellboote. Ihre Besitzer versprechen ihren Kunden, ihnen innerhalb von vier Stunden die schönsten Stellen des Deltas zu zeigen. „Das macht doch keinen Sinn“, sagt Mihai Doroftei und schüttelt den Kopf. „Die Menschen kommen in diese besondere Landschaft, und dann schießen sie durch die Kanäle, ohne wirklich etwas zu sehen.“ So ein Tagestourismus belaste die Natur und er bringe auch geringere Einnahmen als längere Aufenthalte. Sein Institut arbeitet daher an einem Managementplan, in dem für einen sanften Tourismus geworben wird. Vogelschau statt Schnellboottour. Leider sei ein Verbot der Rennboote nicht in Sicht.
Nullpunkt Delta
Auch vor dem Dorf Mila 23, aus dem die meisten Fischer wie auch Mihai Butalchin stammen, liegt das hochtourige Jaulen der Schnellboote in der Luft. Es mischt sich mit dem Lärm der Ausflugsdampfer, von deren Decks rumänische Schlager und immer wieder Richard Strauss‘ Walzer „An der schönen blauen Donau“ über das schlammige Wasser ans Ufer wehen. Die 23 nach Mila steht für die Meilen, welche die Donau bis zum Schwarzen Meer noch zurückzulegen hat. Oder besser: die 23 Meilen, die es 1887 von der damaligen Küste bis zum Dorf waren. Denn das Delta wächst beständig. Dennoch ist die Donau der einzige Fluss Europas, dessen Länge nicht wie sonst üblich von der Quelle bis zur Mündung, sondern von der Mündung – genauer: vom Leuchtturm von Sulina, dem Kilometer null – bis zur Vereinigung der beiden Quellflüsse Brigach und Breg im Schwarzwald gezählt wird. Und während die Distanz zwischen Zusammenfluss und Sulina 2783,4 Kilometer beträgt, ist die aktuelle Gesamtlänge des Stroms 2857.
Mihai Doroftei und seine Kollegen haben nach den Kontrollen der Arbeiten an den Sandbänken ihre Fahrt einfach verlängert und sind über alte Kanäle, an deren Seiten das Schilf sich ohne Unterlass im Wind wiegt, die letzten oder eben die ersten Kilometer der Donau bis an den östlichen Rand des Deltas gefahren. Das unübersichtliche Schilfwasserland im Rücken, stehen sie an einem Strand und schauen den Schwärmen von Möwen und Seeschwalben zu. Hier am Ende Europas schleicht die Donau endgültig zum Meer hinaus. Träge versinkt der mächtige Strom nach all der Trödelei in den Fluten des Schwarzen Meeres.
Aber vielleicht ist es auch ganz anders und die Donau gibt erschöpft ihren Widerstand auf gegen das Schicksal eines jeden Flusses: das Aufgehen in einem anderen Fluss und am Ende das Vergehen im gleichgültigen Meer. Wenn es so ist, dann hat die Donau kurz vor dem Ende ihrer Reise mit ihrer Weigerung, einfach so aufzuhören, etwas Großes geschaffen: ein Paradies.
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