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Artenporträt: Vier Bären im Klimawandel
Er tappt gemächlich über den Schnee, seine großen Pfoten sinken mit jedem Schritt tief in die weiße Decke ein. Kilometerweit zieht er so dahin. Der Eisbär ist das größte landlebende Raubtier unserer Zeit – das schwerste gewogene Männchen brachte eine Tonne auf die Waage. Die Weibchen erreichen bis zu 500 Kilogramm.
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Text: Marlena Abril Wegner
Mit Haut und Haaren auf Kälte eingestellt
Er tappt gemächlich über den Schnee, seine großen Pfoten sinken mit jedem Schritt tief in die weiße Decke ein. Kilometerweit zieht er so dahin. Der Eisbär ist das größte landlebende Raubtier unserer Zeit – das schwerste gewogene Männchen brachte eine Tonne auf die Waage. Die Weibchen erreichen bis zu 500 Kilogramm.
Eisbären sind die einzige weiße Bärenart und damit perfekt an ihr Habitat angepasst: das arktische Ökosystem rund um den Nordpol. Wobei das Eisbärfell tatsächlich nicht weiß ist, sondern aus transparenten, hohlen Haaren besteht, die das Licht streuen und das Fell weiß erscheinen lassen. Die vom Fell überdeckte Haut des Eisbären ist dagegen schwarz und heizt sich dadurch bei Sonneneinstrahlung optimal auf. Die strohhalmartigen Haare wirken dagegen wie Luftkammern, die Wärmeverlust verhindern – eine hochwirksame Anpassung an extreme Kälte, ergänzt durch eine isolierende dichte Unterwolle und die bis zu zehn Zentimeter dicke Fettschicht unter der Haut des Bären. Der Schutz vor Auskühlung wirkt selbst im Eiswasser, in dem sich die Bären gerne aufhalten. Dass sie dabei nass werden, ist kein Problem, denn Eisbärfell vereist nicht. Bären produzieren einen besonderen Talg in der Nähe ihrer Haarwurzeln, der eine Eisanhaftung verhindert.
Der Eisbär ist ein guter Schwimmer, Strecken bis über 680 Kilometer wurden schon nachgewiesen. Er lebt fast ausschließlich auf dem Meereis, wo er vor allem in den Wintermonaten auf Robbenjagd geht. Einen Winterschlaf gibt es bei Eisbären nicht, ist diese Zeit doch ideal zum Jagen: Sie lauern an den Atemlöchern der Robben, bis diese zum Luftholen kommen und schlagen zu. Wenn sich in den Sommermonaten das Eis zurückzieht, wird diese Art der Jagd schwierig. Doch als ein wichtiger Überlebensvorteil in der arktischen Umwelt, können Eisbären durch ihre Fettreserven längere Zeit ohne Nahrung auskommen.
Als Raubtier kann der Eisbär zwar kurzzeitig bis 40 Stundenkilometer schnell laufen, doch auf längeren Distanzen überhitzt er schnell. Daher ist Taktik statt Tempo gefragt: Eisbären setzen auf Geduld, Tarnung und Überraschungsangriffe. Werden große Kadaver, etwa von Walen, an den Strand gespült, sammeln sich dort mitunter viele Eisbären. Bei einem so reich gedeckten Tisch teilt der sonst einzelgängerisch lebende Bär das Festmahl mit anderen. Abgesehen davon verbringen Eisbären, wie die meisten Bärenarten, nur die Paarungszeit – zwischen März und Juni – für etwa ein bis zwei Wochen nicht allein.
Putzerfische und ihre „Kunden“ pflegen eine besondere Beziehung: Die einen ernähren sich von den Parasiten der anderen. Diese Begegnungen dient nicht nur…
Breit gebaut, mit wuchtigen Schultern und langen Krallen, wirkt der Grizzlybär kaum weniger beeindruckend als sein arktischer Verwandter. Allerdings ist er etwas kleiner: Die Männchen kommen auf bis zu 680 Kilogramm, die Weibchen sind wie bei allen Bärenarten deutlich leichter. Der Grizzly ist eine Unterart des Braunbären und ein robuster Generalist, der sich an verschiedene Lebensräume anpassen kann: von der Tundra über Wälder bis zur Halbwüste.
Sein Verbreitungsgebiet umfasst weite Teile des westlichen und mittleren Nordamerikas, einschließlich Kanada – die größte Population lebt in Alaska. Der Name Grizzly bedeutet im Englischen gräulich und bezieht sich auf das Deckhaar, das häufig helle oder silbrige Spitzen aufweist. Je nach Lebensraum und Nahrung variiert die Farbe des Fells von rotblond über gelbbraun bis fast schwarz.
Wie der Eisbär ist auch der Grizzly normalerweise ein Einzelgänger. Zusätzlich zeigt der Grizzly jedoch ein ausgeprägtes territoriales Verhalten: Er beansprucht und verteidigt sein Revier. Nur wenn es Nahrung im Überfluss gibt, etwa an Flüssen mit Lachsen, lässt sich eine friedliche Ansammlung von Tieren beobachten.
Anders als die Eisbären, die reine Fleischfresser sind, sind Grizzlys Allesfresser. Je nach Jahreszeit, Region und Ressourcenlage gehören dazu Pflanzen wie Beeren und Wurzeln, Aas, Insekten und ihre Larven. Außerdem jagen Grizzlys auch, etwa Elchkälber.
Zwei Raubtiere im Wandel der Arktis
Durch die Klimaerwärmung kann der Grizzly weiter im Norden neue Lebensräume erschließen. Dort werden die Bären auch weniger gejagt.
Für den im Norden lebenden Eisbären bedeutet die Erwärmung: Das Meereis geht zurück, bildet sich später und schmilzt früher. Dadurch fehlt zunehmend die Eisdecke als Plattform für die Robbenjagd. In der Folge verbringt der Eisbär mehr Zeit an Land und dringt auf der Suche nach Nahrung weiter ins Inland vor. So kommt es zur Überlappung der Verbreitungsgebiete beider Arten.
Bei direkten Begegnungen zeigen sich Grizzlys in der Regel aggressiver und verdrängen Eisbären aus ihren Revieren. Ob dies langfristig so bleibt, und ob dieses Verhalten möglicherweise Auswirkungen auf die Eisbärenpopulation hat, ist noch nicht klar. Denn eigentlich sind beide Arten ökologisch unterschiedlich spezialisiert: Der Eisbär ist auf extrem fetthaltige Nahrung wie Robbenfleisch angewiesen, während der Grizzly vielfältige andere Ressourcen nutzt.
Als spezielle Bedrohung für die Population der Eisbären werden medial oft Hybride aus Grizzlys und Eisbären – Pizzlys – diskutiert. Tatsächlich sind sie jedoch ein seltenes Phänomen: Die dokumentierten Fälle beschränken sich auf maximal ein bis zwei verwandte Linien. Hybridisierung ist bislang die Ausnahme – die eigentliche Bedrohung ist der Klimawandel.
Zwischen Gebirge und Tropen
Verglichen mit Eisbären und Grizzlys wirkt der Asiatische Schwarzbär mit seinen 400 Kilogramm (die Weibchen wiegen ungefähr die Hälfte) fast zierlich. Sein weitläufiger Lebensraum erstreckt sich über 18 asiatische Länder von Iran bis Russland und Südostasien. Er kommt mit vielem zurecht: kalte Winter, feuchttropische Sommer, heiße Wüsten und Höhenlagen bis zu 4.000 Meter. In etwa der Hälfte seines Verbreitungsgebiets hält er eine Winterruhe, die er in einer selbst gebauten Höhle verbringt.
Der asiatische Bär trägt viele Namen, etwa Tibetbär als Hinweis auf sein dortiges Verbreitungsgebiet. Kragenbär oder Mondbär leiten sich von seinem Aussehen ab: Seine langen, struppigen Haare im Nacken ähneln einem Kragen und sein pechschwarzes Fell wird an der Brust von einer auffälligen weißlichen Mondsichel unterbrochen.
Er frisst meistens Pflanzen: Nüsse, Beeren und Obst. Als guter Kletterer sammelt er besonders in tropischen Gebieten die Früchte gerne direkt vom Baum. Seltener ernährt er sich von Insekten, und noch seltener geht er auf die Jagd. Außerhalb der Paarungszeit, die je nach Gebiet zwischen Juni und Oktober liegt, ist auch der Kragenbär ein typischer Einzelgänger. Wie der Grizzly verteidigt er sein Revier, welches aber viel kleiner ist als das des Grizzlys. Am Isthmus von Kra, wo sich die Malaiische Halbinsel verengt, endet das südliche Verbreitungsgebiet des Asiatischen Schwarzbären. Die Region markiert eine Übergangszone, unterhalb der das bevorzugte Verbreitungsgebiet des Malaienbären beginnt.
Malaienbär in den Bäumen
Er ist der kleinste Bär der Welt – und zugleich einer der unbekanntesten: Der Malaienbär lebt verborgen im tropischen Regenwald Südostasiens. Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Myanmar über Indochina und die Malaiische Halbinsel bis zu den südlichen Inseln Sumatra und Borneo. Typische Habitate für den Malaienbär sind feuchte, tropische Regenwälder. Er lebt jedoch beispielsweise auch in immergrünen Tiefland- und gelegentlich auch in Bergwäldern – allerdings nur bis in Höhenlagen von maximal 2.000 Metern.
Der Bär hat eine Schulterhöhe von etwa 70 Zentimetern, wobei sein Kopf im Verhältnis zum Körper relativ groß ist, sein Körpergewicht liegt bei rund 65 Kilogramm. Er hat kurzes Fell, lange Krallen und ein hufeisenförmiges Zeichen in Gelb bis Orange auf der Brust, das ihm seinen anderen Namen gibt: Sonnenbär.
Der Bär ist ein ausgezeichneter Kletterer und gilt sogar als die am besten an das Leben in Bäumen angepasste Bärenart: Dort verbringt er seine Zeit, schläft und frisst. Mit seiner bis zu 25 Zentimeter langen Zunge leckt er Honig oder Insekten aus engen Hohlräumen heraus. Auch der Malaienbär ist ein Allesfresser, zu seinen Leibspeisen gehören Früchte wie Kokosnüsse oder Feigen, Termiten, Ameisen oder Aas.
Dave Garshelis, ein international bekannter Bärenforscher aus Minnesota, hebt die besondere Anpassungsfähigkeit des Bären hervor: „Südlich des Isthmus von Kra gibt es extreme Schwankungen in der Fruchtproduktion“, erklärt Garshelis, da viele Baumarten nur in großen, unregelmäßigen Abständen gemeinsam fruchten. In manchen Jahren sind überreichlich Früchte verfügbar, dann herrscht mehrere Jahre lang Fruchtmangel. Der Malaienbär hat sich daran angepasst und ernährt sich in Jahren mit Fruchtmangel vorwiegend von Insekten. Im Unterschied dazu reichen dem Asiatischen Schwarzbären Insekten allein nicht aus – vielleicht ein Grund dafür, dass er südlich von Kra nicht vorkommt.
Geduldete Nachbarschaft im tropischen Regenwald
Wo sich ihre Lebensräume im Regenwald überschneiden, leben Malaienbär und Kragenbär friedlich nebeneinander. Fotofallen zeigen, dass beide Arten dieselben Pfade nutzen – oft im Abstand von nur wenigen Minuten. Obwohl sie ähnliche Tagesrhythmen haben und dieselben Ressourcen nutzen, scheint ihre Lebensweise sie zu trennen: Malaienbären klettern dank ihrer geringeren Körpergröße bis in die dünnen Äste der Baumkronen. Dort gelangen sie an höher gelegene Früchte, die für den kräftigen Kragenbären hingegen unerreichbar bleiben.
Dass zwei so ähnliche Bärenarten im selben tropischen Wald leben und sich friedlich begegnen, ist ökologisch gesehen überraschend. Dave Garshelis sieht den möglichen Grund dafür bei einem gemeinsamen Feind – der illegalen Wilderei. Wilderer haben es auf die Galle der Tiere abgesehen, aus der eine traditionelle Medizin gewonnen wird, die etwa zur Behandlung von Lebererkrankungen eingesetzt wird. Beide Bärenarten gelten inzwischen als gefährdet und stehen auf der Roten Liste.
Weil ihre Bestände so stark dezimiert wurden, vermutet der Bärenforscher, sind heute genügend Ressourcen für alle da. Das Risiko eines Kampfes lohnt sich für die Tiere nicht – und so dulden sie einander.
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