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Eine Welt voller knorriger Gesellen
Nebel steigt aus dem Wasser auf, der See liegt still zwischen den Bergen. Wie ein Fjord – im Norden Hessens. Auf sanften Wellen fast schwebend, ein Schwan. Spiegelbilder, verzerrt und verworfen. Wabernde Nebelschwaden wie sanft wehende Gardinen, mal auf, mal zu, und immer wieder ein Blick auf das gegenseitige Ufer. Dahinter ist Wald, Wald und nochmals Wald. Ein seltsamer Park mit bizarren Bäumen. Willkommen im Naturpark Kellerwald-Edersee mit seinen Relikten aus vergangener Zeit: den Hutewäldern.
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Text: Oliver Abraham
Nebel steigt aus dem Wasser auf, der See liegt still zwischen den Bergen. Wie ein Fjord – im Norden Hessens. Auf sanften Wellen fast schwebend, ein Schwan. Spiegelbilder, verzerrt und verworfen. Wabernde Nebelschwaden wie sanft wehende Gardinen, mal auf, mal zu, und immer wieder ein Blick auf das gegenseitige Ufer. Dahinter ist Wald, Wald und nochmals Wald. Ein seltsamer Park mit bizarren Bäumen. Willkommen im Naturpark Kellerwald-Edersee mit seinen Relikten aus vergangener Zeit: den Hutewäldern.
Fast 600 Quadratkilometer groß ist der Naturpark. Er umfasst die unterschiedlichsten Schutzgebiete: vom Nationalpark bis zum Naturdenkmal. Dazwischen die Zeugen einer Wald- und Weidewirtschaft, die jahrhundertelang das Bild der deutschen Mittelgebirge bestimmt hat – die Hute. Früher haben die Leute hier wie auch anderswo die Sau rausgelassen: „Um elf Uhr ertönte im Dorf das Horn des Schweinehirten. Der Schweinehirt führte die Herde dann für drei Stunden auf das Halloh, den Rückweg in den heimischen Stall fanden die Sauen selbst“, so berichtet es der Bauer Heinrich Andreas in seinen Aufzeichnungen über das Dorfleben in Albertshausen, heute ein Ortsteil von Bad Wildungen im nordhessischen Landkreis Waldeck-Frankenberg.
„Hutewälder sind aus der Not geboren“, sagt Naturparkführer Andreas Suffrian. „Eicheln und Bucheckern waren das einzige in großen Mengen verfügbare Nahrungsangebot der damaligen Zeit und dieser Gegend.“ Tiere, meist Schweine, wurden von Hirten in den Wald getrieben, um sich dort satt zu fressen. Nicht nur Eicheln und Bucheckern, auch die Blätter und Zweige junger Triebe mundeten dem Vieh – so wurde der Hutewald ein lichter Wald, in dem es kaum eine Naturverjüngung gab, aber dafür mit weit auseinanderstehenden, durch das Alter zunehmend knorrigen Bäumen von fantastischer Gestalt.
Der landschaftsästhetische Reiz und die kulturhistorische Bedeutung sind nur ein Aspekt der heute noch in Deutschland vorhandenen Hutewälder. Ein weiterer: Sie sind ökologisch wichtig, denn die Bäume hier erreichen ein hohes, für unsere Wirtschaftswälder untypisches Alter mit allen dazugehörigen Entwicklungsstadien. „Altbaumbestände und Totholz sind selten geworden in unseren Wäldern“, erklärt Andreas Suffrian. Pflanzen und Tiere, die darauf angewiesen sind, fehlen. „Wo Holz fault, haben zum Beispiel Hirschkäfer und Eremit ihren Lebensraum, in den alten Buchen und Eichen gibt es viele Baumhöhlen – sie sind ideal als Bruthöhlen für Vögel; von der Kohlmeise bis zum Uhu. Und Höhlen im Holz sind gute Verstecke für Siebenschläfer oder Wildkatze.“
Im „Paradies“
Gemeinsam mit Andreas Suffrian haben wir uns auf den Weg ins „Paradies“ gemacht: einen alten Hutewald, nördlich von Albertshausen und mit sieben Hektar einer der größten und bedeutsamsten seiner Art mit über 200 Jahre alten Bäumen. Licht flirrt über den Waldboden, Gräser schimmern silbrig und bewegen sich im sachten Wind in sanften Wellen, Laub raschelt. Obwohl mitten in den großen Wäldern südlich des Edersees gelegen, wirkt der Wald einladend – wie ein vergessener Park.
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Über verwunschene Wege führt Suffrian durch den Märchenwald. „Hier sieht und erlebt man einen Wald, wie er unsere Landschaft über Jahrhunderte in weiten Teilen geprägt hat“, erzählt der 63-Jährige. Wir passieren eine verwachsene und in sich verdrehte Buche, der Baum sieht aus wie ein Kunstwerk. Obwohl eher klein gewachsen, spürt und fühlt man ihr hohes Alter – an ihrer Borke, der stabilen Kompaktheit und den dicken Ästen. „Man kann vom Umfang und Größe der Bäume nicht unbedingt auf ihr Alter schließen“, sagt Andreas Suffrian. „Dieser hier ist locker mehr als 200 Jahre alt.“ Auch kleine, knorrige Exemplare taugen zum Methusalem.
Hute wurde per Waldgesetz verboten
Unser Weg führt weiter durch den Wald. Typische Hutebäume fallen der Wuchsform wegen sofort auf, sagt der Naturparkführer und zeigt auf die zahlreichen Beispiele um uns herum. Mächtige Äste beginnen in Kopf- oder Schulterhöhe des Menschen. Dort also, wo das Vieh nur noch schwerlich die Blätter abfressen konnte. „Die Bäume wurden auch so geschnitten, dass sich ein breites Blätterdach bildete – dieser Schnitt ergab mehr Ertrag an Eicheln und Bucheckern“, erklärt er. Indes: „Diese Hute hier hat man mehr als 100 Jahre lang nicht mehr genutzt und gepflegt, weil die Viehhaltung im Wald zu unwirtschaftlich wurde.“ Schließlich wurde sie sogar per Waldgesetz verboten. Doch Hutewälder sind Kulturlandschaft – ein Kunstprodukt, geschaffen und ständig gepflegt von Mensch und Tier. Weidet hier kein Vieh mehr, gehen Hutewälder kaputt.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Waldweide im „Paradies“ aufgegeben. Damit begann eine natürliche Waldentwicklung und das brachte die alten Hutebäume in Bedrängnis. Nachwachsende Buchen, Kiefern und Birken überschatten die in der Regel niedrigwachsenden Hutebäume. Die Folge: Der Bestand an Hutebäumen stirbt ab. Die lichten, sonnigen Plätze im Wald wachsen zu. Tiere und Pflanzen, die solche Bedingungen benötigen, verschwinden.
Der Mensch greift mechanisch ein
Zwei Möglichkeiten gibt es, Hutewälder zu erhalten: Entweder greift der Mensch mechanisch ein oder Vieh weidet wieder. Zusammen funktioniert es am besten. Im „Paradies“ zum Beispiel weiden wieder Heidschnucken. Sie sorgen dafür, dass die Landschaft nicht verbuscht und Zwergstrauchheiden und Wacholder gedeihen. Denn das Grundprinzip eines Naturwaldes – was fällt, bleibt liegen, was stirbt, bleibt stehen – reicht zur Bewahrung von Hutewäldern nicht aus. Kiefern und Birken gehören entfernt, einzelne und wenige Hutebäume müssen großzügig freigestellt werden, damit zum Beispiel Kiefern – werden sie alt und windanfällig – sie beim Sturz nicht beschädigen.
Vom „Paradies“, nördlich von Albertshausen, geht es weiter zu einem ganz speziellen Ort weiter westlich: Das „Halloh“, von dem der Bauer Heinrich Andreas in seinen Aufzeichnungen über das Dorfleben in Albertshausen berichtete, hat heute einen besonderen Schutzstatus. Der alte Hutewald mit seinen rund 190 alten Buchen und Eichen ist als sogenanntes flächenhaftes Naturdenkmal ausgezeichnet und gehört zu den besterhaltenen Hutewäldern in Hessen.
Scharf wie schwarze Scherenschnitte vor gleißender Helligkeit stehen die Stämme. Lichtfinger greifen in diesen Wald. Ein Spiel aus Licht und Schatten, das ihm Dramatik und Düsterkeit verleiht. Das „Halloh“ ist zugleich ein Ort, an dem junge Buchen und Eichen hinter dem Schutz von Holzgattern nachwachsen, um dereinst den Hutewald der Zukunft zu bilden. Schafe werden wieder in diesen Wald getrieben, die alte Wirtschaftweise lebt. Die Untere Naturschutzbehörde und HessenForst, der Forstbetrieb des Landes Hessen, haben Kiefern und andere Vorwaldgehölze entnommen, die seit Aufgabe der Hutewirtschaft Ende der 1950er Jahre hier leichtes Spiel hatten. Sogenannte Nachrückerbäume – Buchen und Eichen – wurden mit einem Holzverbau vor Verbiss geschützt und haben erste Erziehungsschnitte erhalten.
Im „Halloh“ haben mehr als 70 Prozent der Bäume noch eine Lebenserwartung von bis zu 100 Jahren, nur 15 Prozent sind im Absterben oder tot, erzählt Naturparkführer Suffrian. Manche Buche hier scheint nur noch aus der Rinde zu bestehen. Doch kommt man näher, erkennt man: Der Baum lebt noch, vitale grüne Äste zweigen in sechs, sieben Meter Höhe aus der grauen Borke ab. Andere Bäume sind zusammengestürzt, wie Trümmer liegen sie im Wald. Spazieren und Staunen – wer durch diesen seltsamen Wald flaniert, kann die Vergangenheit mit Händen greifen.
Zehn Schweine fressen im Wald
Szenenwechsel, zehn Kilometer nordwestlich, nördlich des Edersee: Unten im Tal liegt Vöhl-Basdorf und die Kirchenglocke schlägt zehn Uhr. Landwirt Friedrich Schäfer fährt auf einem Feldweg über eine Weide zum Wald, hart an der Grenze zum Nationalpark. Am Waldrand steht ein Wasserwagen, ein Holzgatter versperrt den Weg, der Elektrozaun tickt. Es duftet nach Heu, nach feuchtem Waldboden, nach Schwein. Friedrich Schäfer ist Vorsitzender des Vereins Basdorfer Hutewald und bietet Führungen zu den Schweinen und zum Hutewald an – auf acht Hektar wachsen hier Eichen und Buchen, 160 Jahre alt ist der Wald, im Frühjahr, Sommer und Herbst sind bis zu zehn Schweine auf Hute. So wie es früher üblich war. Doch diese Weidewirtschaft funktioniert nur, wenn am Ende des Jahres auch wieder Geld reinkommt. Weshalb sich heute nur sechs Schweine auf der Weide tummeln. „Die anderen vier sind schon geschlachtet“, sagt Schäfer.
Kunden gibt es genug. „Wir könnten viel mehr verkaufen, als wir haben.“ Das Fleisch geht an Gastronomen in der Region und an Privatpersonen. „Das beste Fleisch gibt es, wenn die Schweine viel Eicheln fressen. Früher wurde das Fleisch auch gern genommen, weil es sich länger hielt.“ Auch der Geschmack sei besonders. „Anders, kräftiger, aber es schmeckt nicht wie das vom Wildschwein. Nussiger? Vielleicht trifft es das.“ Auf alle Fälle seien Fleisch und Fett fester, weil die Schweine im Wald viel Bewegung haben und diese besondere Nahrung.
Nicht immer war der Hutewald den Schweinen vorbehalten. „Früher haben hier auch Rinder, Schafe und Ziegen geweidet, eben das Nutzvieh, das die Leute hier im Dorf gehalten haben“, erklärt Friedrich Schäfer. „Wir vom Verein betreiben die Waldhute aber nur mit Schweinen.“ Ab Mai werden die Tiere in den Basdorfer Hutewald gelassen. Dann sind sie sich weitgehend selbst überlassen. Die Rasse variiert, erzählt Schäfer, nur robust muss sie sein. Den Tierarzt hat der Landwirt bislang noch nie gebraucht.
Im Unterholz knackt es jetzt und raschelt. Die Schweine suchen Futter und schubbern sich an den Stämmen. Schnüffeln im Gras, schieben gefallene Stämme umher, graben im Boden. Manche Stellen im Basdorfer Hutewald sind bis auf den steinigen Untergrund freigewühlt, hier bleibt Regenwasser stehen, ein Mikrolebensraum für Insekten. „Wo Schweine sind, da sind auch Fliegen – und dann kommen die Fledermäuse.“ Der Kleine Abendsegler zum Beispiel oder das Große Mausohr. Sie finden im Hutewald genügend Baumhöhlen.
Der Wald hat sich prächtig entwickelt
„Seitdem wir wieder Schweine in den Wald lassen, hat er sich prächtig entwickelt“, sagt Schäfer stolz. Könnte die Wiederaufnahme von historischen Wirtschaftsformen zum Instrument eines modernen Naturraummanagements werden? „Man wird sehen!“ Wissenschaftler von HessenForst begleiten das Projekt seit Jahren und beobachten die Entwicklung. „In unserem Hutewald leben zahlreiche Vogelarten. Zum Beispiel der Buntspecht und der Grünspecht. Der Schwarzspecht kommt ab und zu vorbei. Der Rotmilan hat einen Horst im Hutewald, auch der Kolkrabe hat dort ein Nest.“
Dass Landwirtschaft und Forstwirtschaft getrennte Wege gehen, hat zweifelsohne zu einer Ertragssteigerung auf beiden Seiten geführt. Doch der Preis dafür ist hoch: Die Artenvielfalt geht verloren. Aber wer weiß: „Vielleicht ist es möglich, auf solchen repräsentativen Flächen die in Vergessenheit geratene Tradition fortzuführen und die biologische Vielfalt zu fördern.“
Einfach ist es nicht. „Ein Hutebetrieb mit Hausschweinen so wie früher ist überhaupt nicht mehr zulässig. So sind wir zum Beispiel aus tierseuchenrechtlichen und hygienischen Gründen zur doppelten Einfriedung des Waldes verpflichtet“, berichtet Schäfer und blickt zurück: „Mein Großvater hat noch Schweine in den Wald getrieben“, sagt der 70-Jährige, der auf seinem Hof Ackerwirtschaft betreibt. „Abends ging es dann wieder in das Dorf, in den Stall zurück.“ Warum die Tiere nicht einfach im Wald blieben? „Weil es da zum Beispiel nicht immer genug Wasser gibt“, erklärt Friedrich Schäfer. Und einen Tankwagen hatten sie damals noch nicht. Auch war Vieh viel zu wertvoll, um es alleine im Wald zu lassen. „Manchmal liefen die Tiere zwar den Weg zum Stall allein zurück, aber es war immer ein Mensch in der Nähe. Nicht zuletzt wartete auch damals auf die Tiere das Schlachtermesser. Ein halbes Jahr alleine im Wald? „Die wären verwildert – die hätten Sie nie wieder eingefangen.“ //
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