Die Entwicklungsgeschichte der Wale ist ein besonders interessantes Beispiel für die erstaunliche Flexibilität im Rahmen der Evolution. Durch Funde gilt heute als gut belegt, wie sich die heutigen Wale ursprünglich aus Landsäugetieren entwickelt haben. Im Laufe der Jahrmillionen passten sie sich durch Umformungen ihrer Körperstrukturen immer mehr an ein Leben im Wasser an. Unter anderem verwandelten sich ihre Vordergliedmaßen dabei in starke Flossen, während die Hinterbeine zunehmend verkümmerten. Bei dem aus zahlreichen Funden bekannten Urwal Basilosaurus isis zeichnet sich dieser Übergang deutlich ab: Der Meeressäuger besaß noch vergleichsweise große Reste der Hintergliedmaßen.
Wale aus der Wüste
Die meisten Fossilien des zu seinen Lebzeiten größten Vertreters der Wale stammen von einem Fundort, an dem es heute weit und breit kein Meer mehr gibt – aus dem sogenannten „Tal der Wale“ in der Wüste Ägyptens. Vor 35 Millionen Jahren allerdings erstreckte sich dort noch ein Flachmeer, in dem sich viele Meerestiere tummelten – so auch urtümliche Wale. Die beiden häufigsten Arten waren dabei der 15 bis 18 Meter lange Basilosaurus isis und der fünf Meter lange Dorudon atrox. Es wurde bereits vermutet, dass der Große den Kleinen gefressen haben könnte. Dies ließen Bissspuren an Fossilien von Dorudon atrox vermuten. Einen eindeutige Beweis für die Räuber-Beute-Beziehung gab es bisher allerdings nicht.
Dies hat sich nun durch die Untersuchung eines Fossils von Basilosaurus isis geändert, das ein internationales Paläontologenteam um Philip Gingerich von der University of Michigan in Ann Arbor bereits im Jahr 2010 im Tal der Wale entdeckt hat. Von dem einst etwa 16 Meter langen Exemplar sind der Schädel, die Zähne, Wirbel, Rippen und die Langknochen der Extremitäten erhalten geblieben. Doch nicht nur das: Im Bereich der Bauchhöhle des Tieres stießen die Forscher auf die Reste der letzten Mahlzeiten des Urwals.
Der Schrecken einer Kinderstube
Bei ihren Analysen des fossilen Mageninhalts entdecken die Paläontologen neben Bruchstücken eines großen Knochenfisches auch Überreste, die sie eindeutig Jungtieren der Walart Dorudon atrox zuordnen konnten. An den Walknochen identifizierten sie zudem charakteristische Bissspuren, die zu den Zähnen von Basilosaurus isis passen. In Kombination mit weiteren Informationen ergeben diese Befunde nun ein klares Bild über die Lebensweise des Urwals, sagen die Forscher.
Neben dem Mageninhalt weisen demnach auch die scharfen Zähne, die enorme Körpergröße und die lange und kräftige Schnauze darauf hin, dass er ein Räuber war, der große Beutetiere jagte. Gegen die alternative Erklärung, wonach es sich um einen Aasfresser gehandelt hat, spricht den Forschern zufolge die Verteilung der Bissspuren an den Überresten von Dorudon atrox. Sie befinden sich meist am Kopf der Tiere. Den Forschern zufolge ist dies ein typisches Zeichen für einen Angriff durch einen Räuber: Ein Biss in den Kopf tötet das Opfer am effektivsten.





