Von Rainer Kurlemann
Niemand weiß, wann oder warum sich Turritopsis dohrnii für einen Neustart ihres Lebens entscheidet, doch sie tut es, und sogar oft. Die etwa drei Millimeter kleine Qualle kann sich in ihre eigene Kindheitsform zurückverwandeln. Das ist einzigartig. Und diese Verjüngung gelingt ihr sogar noch zu einem relativ späten Zeitpunkt des Lebens, wenn die Qualle schon Geschlechtsreife und Fortpflanzung erlebt hat.
Normalerweise verläuft ein Quallenleben so, dass die Tiere geschlechtsreif werden, sich fortpflanzen, indem sie neue Polypen produzieren – und danach sterben. Nicht so bei Turritopsis dohrnii.
Ihr Lebenszyklus ist ein unendlicher Kreislauf zwischen Jung und Alt. Wenn sie nicht gefressen oder auf andere Weise getötet wird, ist Turritopsis dohrnii vermutlich unsterblich.
Wissenschaftler der spanischen Universität Oviedo haben 2022 die bisher umfangreichste Erbgut-Analyse des spektakulären Nesseltiers vorgelegt. Die Qualle besitzt demnach etwa 17.500 Gene, fast doppelt so viele wie vergleichbare Artgenossen. Der Genpool sorgt dafür, dass die eigene DNA häufiger und besser repariert werden kann, was die Qualität der Zellen erhält. Gleichzeitig ermöglicht er dem kleinen Organismus auch noch die Aktivierung von zwei verschiedenen Zellprogrammen. Das eine lässt die Jugendform der Qualle, die Polypen am Meeresgrund, zur ausgewachsenen Medusa entwickeln. Das andere Programm führt Zellen aus dem Schirm der Medusa zurück zu einem Zustand, in dem sie wieder zu Polypen werden können.
Wieder zu jeder Zelle werden können
Aus biologischer Sicht gewinnen die Zellen der Qualle durch die Verjüngung eine Fähigkeit zurück, die bei ihrer vorherigen Entwicklung zur Medusa verloren ging: die Pluripotenz. Sie ermöglicht einer Zelle, sich zu jedem anderen Zelltyp des Organismus entwickeln zu können. Solche pluripotenten Zellen benötigen Organismen ganz zu Beginn der Entwicklung ihres Lebens – nur durch sie ist es etwa möglich, dass ein so komplexes Lebewesen wie ein Mensch aus nur einer Eizelle und einem Spermium entstehen kann.
Aus pluripotenten Zellen entstehen bei Menschen und Tieren die verschiedenen Organe und alles andere. Wenn sich die Zellen allerdings auf eine bestimmte Funktion spezialisiert haben, ist ihre Fähigkeit verloren, andere Aufgaben zu übernehmen. Ein Zurück gibt es nicht mehr. Anders bei der kleinen Qualle: Bei ihr erhalten einige Zellen ihre Pluripotenz zurück, und damit kann der Organismus zwischen jung und alt wechseln.
Auch ausgereifte Zellen des Menschen können inzwischen wieder pluripotent werden. Allerdings nur im Labor. Der japanische Stammzellforscher Shinya Yamanaka erhielt 2012 den Nobelpreis für den Einsatz von Wachstumsfaktoren – spezifische Proteine –, die Zellen reprogrammieren. Diese heißen dann ips-Zellen, die Abkürzung steht für induzierte Pluripotenz.





