Text: Christina Genet
Wenn sie die Augen schließt, kann Sílvia Tavares noch genau dieses unglaubliche Blau in den Tiefen der Gorringe-Bank sehen. Ein Lilienblau, umflossen von silbernen Fischschwärmen und bunten Korallengärten, in das sie weder zuvor noch seither wieder eingetaucht ist. Die Meeresbiologin der Fundação Oceano Azul scheint im Geist die Zeit zurückzudrehen, wenn sie von ihrer Forschungsreise in die portugiesischen Gewässer erzählt.
Es ist Herbst 2024, die „Santa Maria Manuela“, ein ehemaliger Kabeljaufänger, verlässt die Küste von Lissabon. Etwa 200 Kilometer hinaus aufs Meer soll es gehen. An Bord sind neben Sílvia Tavares 27 weitere internationale Forschende, vereint durch ein gemeinsames Ziel: die Erkundung der Gorringe-Bank mit dem höchsten Gipfel Europas. Doch nicht über der Erde, sondern unter Wasser.
Mehr Berg als Bank
Mit einer Höhe von 5.000 Metern übertrifft das Gebirge sogar den Mont Blanc in den Alpen, der „nur“ 4.806 Meter misst, und die Spitze des Unterwasserbergs liegt gerade einmal 35 Meter unter der Wasseroberfläche. „Das Naturseegebiet wurde irrtümlich Bank getauft“, erklärt Emanuel Gonçalves, Professor in Biowissenschaften und Meeresökologie am Universitätsinstitut für Psychologie, Sozial- und Lebenswissenschaften (ISPA) in Lissabon. „Dabei handelt es sich um ein Gelände, das alles andere als flach ist und nah an der Küste liegt.“ Die Gorringe-Bank ist vielmehr ein Berg in einer vulkanischen Zone, in der ozeanische Erdplatten aufeinandertreffen und ganz unterschiedliche Ökosysteme zusammenfließen.
Emanuel Gonçalves leitete die dreiwöchige Expedition, die von der Fundação Oceano Azul gemeinsam mit dem Nationalen Institut für die Erhaltung von Natur und Wäldern (ICNF) und der portugiesischen Marine ins Leben gerufen wurde. „Es herrschte große Ungewissheit darüber, was uns dort erwarten würde“, berichtet der Wissenschaftler. Zwar hatten vorher schon einzelne Forschungsteams den Gorringe-Berg untersucht, doch die vorhandenen Informationen waren begrenzt. Deshalb stellte er ein internationales Team aus drei verschiedenen Kontinenten zusammen, um den noch unerforschten Zonen des Gebirges auf die Spur zu kommen.
Ein Expertenteam aus Kalifornien schloss sich der Reise mit sogenannten Landers an – Geräte, die mit Kameras ausgestattet sind und es erlauben, die Tiefsee zu beobachten, Seefauna anzulocken und aufzuzeichnen. Ein anderes Team von der Universität der Algarve, im Süden Portugals, arbeitete mit einem ROV (Remotely Operated Vehicle), einem ferngesteuerten Unterwasserfahrzeug, um noch tiefere Zonen zu erforschen. Außerdem unterstützte eine australische Forschungsgruppe das Team mit schwimmenden Kameras, um die mögliche Beeinträchtigung der Zone durch Mensch und Klima einzuschätzen.





