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Ein intelligenter Einzelgänger
Die meiste Zeit schlafen die Oktopoden, die Biologen am Okinawa Institute of Science and Technology in Japan in Aquarien halten. Mit ihren Armen an den Glaswänden festgesaugt, hängen sie dort lange Zeit ruhig und still. Ihre Haut ist gleichmäßig gelblich-beige.
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Text: Christian Schwägerl
Die meiste Zeit schlafen die Oktopoden, die Biologen am Okinawa Institute of Science and Technology in Japan in Aquarien halten. Mit ihren Armen an den Glaswänden festgesaugt, hängen sie dort lange Zeit ruhig und still. Ihre Haut ist gleichmäßig gelblich-beige.
Doch etwa einmal pro Stunde ist für 60 Sekunden alles anders: Dann laufen farbige Wellen über die Haut der Tiere, braune und dunkelgraue Flecken tauchen auf, fließen, verändern ihre Formen, verschwinden wieder. Es sind Farbmuster, wie die Tiere sie tagsüber einsetzen, um sich zu tarnen, Feinde zu warnen oder mit Artgenossen zu kommunizieren. Zugleich zucken die schlafenden Tiere mit ihren Muskeln und bewegen hinter geschlossenen Lidern ihre Augen.
Was passiert da, wenn die Tiere im Schlaf plötzlich ihre Farbe ändern? Träumen sie etwa, so wie wir es von Säugetieren kennen? Forscher um Teamleiter Sam Reiter haben den Schlaf von Octopus laqueus untersucht. Praktischerweise sind diese Tiere von Natur aus nachtaktiv, schlafen also bei Tag – Nachtschichten mussten die Forscher somit nicht einlegen. Der Aufwand ihrer Studie war aber dennoch hoch, sollten doch die Gehirnströme der Tiere vermessen werden. Das Ergebnis war eindeutig: Oktopoden haben zwei sehr unterschiedliche Schlafphasen, eine ruhige und eine aktive. Und das erinnert tatsächlich stark an Säugetiere. Die ruhige Phase ähnelt demnach dem Tiefschlaf der Menschen, die aktive Phase den sogenannten REM-Phasen, in denen wir bei geschlossenen Lidern die Augäpfel bewegen und in denen Träume am häufigsten vorkommen. Anzeichen für Albträume?
Beim Menschen treten diese Phasen gegen Ende eines Schlafzyklus auf. Bei den Oktopoden beobachteten die Forscher dagegen einen stündlichen Rhythmus. Es gebe „eine Reihe von Ähnlichkeiten mit Wirbeltieren“, erklären sie. Man solle sich zwar davor hüten, die Ähnlichkeiten überzuinterpretieren, aber offenbar sei der Zwei-Phasen-Schlaf in der Evolution zweimal unabhängig voneinander entstanden.
Neurobiologen von der Rockefeller University in New York sind etwas weniger zurückhaltend. Sie vermuten, dass die Tiere in der „aktiven Schlafphase“ träumen. Das scheint auch offensichtlich zu sein, denn ihr Studienobjekt beginnt mitten im Schlaf, sich zu winden und zu drehen, und es setzt Tinte frei, wie um einen imaginären Feind abzuwehren. „Könnten das Anzeichen von Albträumen sein?“, fragen die Forscher. Die Ähnlichkeiten der Schlafmuster sind schon deshalb bemerkenswert, weil Oktopoden und Säugetiere in der Evolution kaum weiter voneinander entfernt sein könnten.
Der letzte gemeinsame Vorfahre von Menschen und Kraken lebte vor deutlich mehr als 550 Millionen Jahren. Es war ein wurmähnliches Lebewesen mit ein paar Nervenzellen und primitiven Sehflecken. Damals spaltete sich die Evolution des Lebens auf der Erde in zwei große Äste auf. Ein Ast führte zu den Wirbeltieren mit ihren immer größeren zentralen Gehirnen und ihren meist sozialen Lebensweisen. Der andere Ast führte zu den Tieren ohne Wirbelsäule – den Insekten etwa und den Weichtieren, wie Muscheln und Schnecken. Wirbellose sind für die erstaunlichsten Leistungen bekannt, zum Beispiel bilden Ameisen Staaten aus Millionen Tieren. Große Gehirne und individuelle Intelligenz sind allerdings weniger ihr Metier.
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Vor Hunderten Millionen Jahren aber erschien in einem explosiven Schub evolutionärer Innovation eine Gruppe von Weichtieren auf der Welt mit großen Gehirnen und mit Augen, die den Linsenaugen der Wirbeltiere sehr stark ähneln. Unter diesen Tintenfischen stechen die Oktopoden mit ihren rund 500 Millionen über den ganzen Körper verteilten Nervenzellen hervor. Das sind etwa so viele, wie ein Hund besitzt – und das Verhalten der Weichtiere ist mindestens so komplex wie das unserer vierbeinigen Begleiter.
Früher galten Oktopoden als Meeresmonster. Ihnen wurde angedichtet, ganze Schiffe samt Mann und Maus versenken zu können. Als „geschmeidig wie Leder, hart wie Stahl, kalt wie die Nacht“ schilderte der französische Schriftsteller Victor Hugo die Tiere im 19. Jahrhundert in seinem Roman „Die Arbeiter des Meeres“ und urteilte: „Sind der Vorstellung keine Grenzen gesetzt, wenn es um die Erschaffung von etwas Scheußlichem geht, so kann der Krake als ein Meisterwerk betrachtet werden.“
Doch je mehr die Wissenschaft über Oktopoden herausgefunden hat und je genauer Menschen die Kopffüßer in Aquarien erleben konnten, desto stärker schlug der frühere Ekel in Faszination und in Sympathie um.
Frappierende Ähnlichkeiten im Gehirn
Dass Oktopoden mit ihren Saugnäpfen auch schmecken können, mit ihrer Haut Licht wahrnehmen und mit einem im ganzen Körper verteilten Nervensystem die Welt um sie herum wahrnehmen, lässt Menschen staunen. Die neuen Erkenntnisse zum Schlaf und zum möglichen Träumen erscheinen da nur folgerichtig: Diese Tiere mögen wirken wie Aliens, verkörpern aber in Wahrheit tiefgreifende Ähnlichkeiten zwischen Lebewesen auf der Erde.
Als der Biowissenschaftler Nikolaus Rajewsky vor einigen Jahren das berühmte Aquarium im kalifornischen Monterey besuchte, fiel sein Blick auf einen dunklen, reglosen Klumpen mit großen Augen. „Es war ein Oktopus, und ich hatte sofort das Gefühl, dass er mich sehr genau anschaut“, sagt Rajewsky. Eine halbe Stunde lang blickten sich die beiden direkt in die Augen. Der Wissenschaftler fühlte sich seltsam berührt. „Einerseits hatte ich da vor mir dieses Tier ohne Wirbelsäule, einen Verwandten von Schnecken“, erinnert er sich, „und andererseits war da ein echtes Individuum, das mit mir als Menschen kommunizierte.“ Die Begegnung hat sich bei Rajewsky tief eingeprägt. „An diesen Moment denke ich oft“, sagt der Wissenschaftler, der das Berliner Institut für Medizinische Systembiologie leitet, wo er die modernsten Verfahren der Biologie einsetzt, um neue Therapien zu entwickeln – und neuerdings auch, um die Intelligenz von Oktopoden besser zu verstehen.
Rajewskys Forschungsergebnisse legen nahe, dass die Parallelitäten zwischen Säugetieren und Oktopoden bis tief in den Stoffwechsel gehen. In ihren Hirnzellen verfügen die Kopffüßer über Mechanismen, um spezielle leistungsfähige Eiweiße zusammenzubauen, die als Voraussetzung für intelligentes Verhalten gelten. Es geht dabei um molekulare Werkzeuge namens mikroRNA. Sie regulieren, wie im Körper jene Proteine entstehen, die ausgeprägte Gehirnleistungen überhaupt erst ermöglichen. „Die Komplexität unserer Wirbeltiergehirne ist an die Komplexität der mikroRNA gekoppelt“, sagt Rajewsky, „und genau dieses Prinzip tritt wie aus dem Nichts auch beim Oktopus auf.“
Dass die Natur eine solche Lösung zweimal komplett unabhängig voneinander in ganz ähnlicher Weise entwickelt habe, sei „absolut krass“, sagt der Wissenschaftler. „Konvergenz“ nennen Evolutionsbiologen dieses Phänomen.
Intelligenz trotz Einzelgängertum
Oktopoden erbringen phänomenale Intelligenzleistungen. Der im Westlichen Pazifik lebende Ader-Oktopus (Amphioctopus marginatus) ist etwa in der Lage, auf dem Meeresboden Werkzeuge zu nutzen, vor allem herabgesunkene Kokosnussschalen, mit denen er sich Schutzgehäuse baut. Legendär sind Beobachtungen aus Aquarien wie jene Versuche, bei denen Oktopusse Denksportaufgaben mit Bravour meistern, sich bestimmte Signale merken, Labyrinthe navigieren oder Gläser mit Schraubverschluss öffnen. Im Aquarium von Seattle konnten Besucher förmlich beim Lernen zusehen. Für ihren ersten Versuch, ein Glas aufzudrehen, brauchte ein Pazifischer Riesenkrake noch 55 Minuten, wenig später nur noch fünf.
Die Tiere verstehen Zusammenhänge, etwa, wie sie gezielt mit Wasser nach Lampen spritzen müssen, um sie per Kurzschluss auszuschalten. Sie sind auch in der Lage, ihren Ausbruch aus Aquarien zu planen, wie „Inky“, der 2016 zu Berühmtheit gelangte: Er kletterte eines Nachts aus seinem Becken im neuseeländischen Nationalaquarium in Napier, legte mehrere Meter über den Fußboden zurück, zwängte sich in einen engen Ablauf und gelangte über eine etwa 50 Meter lange Abwasserleitung ins Meer.
Die meisten Oktopoden werden nicht älter als zwei Jahre. „Dass so ein enormes Gehirn für so eine kurze Lebensspanne ausgebildet wird, ist wirklich erstaunlich“, sagt Gilles Laurent, Direktor am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt.
Kraken erkennen sogar Menschen individuell – was jene Mitarbeiterin einer Forschungseinrichtung zu spüren bekam, die von einem Labor-Oktopus als Einzige in ihrem Team gezielt und verlässlich mit Wasser bespritzt wurde. „Oktopoden widerlegen alles, was wir im Biologiestudium darüber gelernt haben, wie hoch entwickelt doch die Wirbeltiere sind und wie primitiv die Wirbellosen“, sagt die Meeresbiologin Zoë Doubleday von der University of South Australia.
Die vielen Parallelitäten im Verhalten sind vor allem deshalb so erstaunlich, weil Oktopoden eine Zutat fehlt, die bei Wirbeltieren als zentrale Voraussetzung für Intelligenz gilt: soziales Zusammenleben.
Tiere, die in großen Verbänden leben, können voneinander lernen, sich gegenseitig herausfordern und beim Spielen oder durch reines Zuschauen Tricks und Kniffe abkupfern. All das können Oktopoden nicht, denn sie sind introvertierte Einzelgänger. Die allermeisten der weltweit rund 300 Arten kommen sich nur bei der Paarung näher.
Ansonsten schwimmen sie allein durch die Weiten und entlang der Riffe des Ozeans, jagen allein, ziehen sich allein in Höhlen zurück oder in Verstecke, die sie sich selbst aus Steinen und Muscheln gebaut haben.
Begegnen sich zwei fremde Oktopoden durch Zufall, kann es sein, dass sie gleich in den Kampf übergehen – und der kann im Extremfall damit enden, dass ein Tier das andere auffrisst. Den engsten Kontakt gibt es, wenn die Weibchen ihre Eier bewachen – doch schlüpfen die Jungtiere, sterben die Mütter. Soziales Lernen ist unter diesen Umständen unmöglich.
Gemeinsame Zukunft in „Oktopolis“?
„In der Regel sind Oktopoden antisoziale Tiere“, konstatiert der Australier Peter Godfrey-Smith von der School of History and Philosophy of Science der University of Sydney, bekannt als „philosophierender Scubataucher“, seit er das Verhalten der Tiere studiert. Regelrecht elektrisiert war er daher, als er bei Tauchgängen in der Jervis Bay in New South Wales zwei besondere Orte entdeckte, an denen Erstaunliches passiert, was sonst weltweit noch nirgendwo beobachtet wurde.
Zwischen 10 und 15 Gemeine Sydneykraken (Octopus tetricus) leben dort auf engem Raum zusammen, spielen miteinander, streiten sich, jagen zusammen, schnappen sich gegenseitig die Nahrung weg und bauen ihre „dens“ genannten Unterschlupfe nebeneinander. So ungewöhnlich ist dieses Verhalten der Einzelgänger, dass Godfrey-Smith und Kollegen die versammelten Strukturen, die wie Strandburgen aussehen, etwas großspurig „Oktopolis“ und „Octlantis“ tauften.
Bisher kam als evolutionäre Triebkraft für Oktopus-Intelligenz hauptsächlich infrage, dass sie als fleischfressende Raubtiere ständig andere Tiere überlisten müssen, um sie packen und mit ihren papageiartigen Schnäbeln fressen zu können.
Doch was in „Oktopolis“ und „Octlantis“ passiert, spricht für ein größeres Potenzial zum Zusammenleben. Vielleicht wurden andere, ähnliche Orte auch einfach noch nicht entdeckt?
Godfrey-Smith sieht die Plätze als „Ausblick auf einen möglichen Weg in der laufenden Evolution der Kraken“. Experimentiert die Natur damit, ob die Einzelgänger das Zeug zu sozialen Wesen haben? Dafür spricht eine weitere Beobachtung aus „Oktopolis“: Sobald die Tiere nahe beieinander leben, fangen sie mit etwas an, was auch bei Affen und Menschen in sozialen Verbünden passiert, wenn sie Konflikte austragen: Die Tiere bewerfen sich offenbar gezielt mit harten Gegenständen.
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