Wie bei der Verzweigung eines wachsenden Baumes spalteten sich im Verlauf der Entwicklungsgeschichte der Tiere Arten zu neuen auf: Bestimmte Untergruppen entwickelten dabei zunächst immer ausgeprägtere Besonderheiten, bis schließlich separate Spezies entstanden. Zur weiteren Abgrenzung trug dann bei, dass sich die neu entstandenen Arten bei der Partnersuche mieden. Es ist allerdings bekannt, dass es trotzdem gelegentlich noch zu Techtelmechteln über die Artgrenzen hinweg kommen kann. Daraus können dann Hybridformen hervorgehen, die aber bei gesunden Beständen keine problematischen Auswirkungen auf die Identität der beiden Tierarten haben.
Solche gelegentlichen Hybridisierungen sind auch von Primaten bekannt, wenn sich die Verbreitungsbereiche verwandter Arten überschneiden. Doch in manchen Fällen könnten Kreuzungen auch ein problematisches Ausmaß annehmen. Die Sorge gilt dabei Arten, deren Bestände durch menschliche Aktivitäten stark dezimiert und auf kleine Lebensräume beschränkt sind. Es gibt Hinweise darauf, dass sie dort manchmal Gemeinschaften mit verwandten Primaten bilden. Dabei könnte es dann verstärkt zu Hybridisierungen kommen, die aufgrund der geringen Bestandsgrößen problematisch sind, so die Befürchtung. Denn durch fortlaufende Integration könnte eine Art schließlich in der anderen aufgehen. Unter Umständen könnte aber auch eine Mischform entstehen, die keiner der beiden Ausgangsarten mehr entspricht. Hybridisierung kann somit zum Verlust einer beziehungsweise sogar der beiden betroffenen Arten führen.
Zwei bedrohte Affenarten im Visier
Die Forschenden um Tanvir Ahmed vom Deutschen Primatenzentrum – Leibniz-Institut für Primatenforschung in Göttingen haben nun einen Fall dokumentiert, bei dem sich eine solche Entwicklung abzeichnet. Im Fokus ihrer Studie standen die Phayre-Brillenlanguren (Trachypithecus phayrei) und die Kappenlanguren (Trachypithecus pileatus), die im Nordosten Bangladeschs leben. Beide Arten haben sehr unter Verfolgung und Lebensraumverlust gelitten. Schätzungen zufolge gibt es in Bangladesch nur noch weniger als 500 Phayre-Brillenlanguren und 600 Kappenlanguren, die teilweise auf gemeinsame Lebensräume angewiesen sind. Für ihre Studie haben die Forschenden über fünf Jahre hinweg die Populationen dieser beiden Arten untersucht.

Wie das Team berichtet, ging aus ihren Beobachtungen hervor, dass in etwa zehn Prozent der erfassten Affengruppen Phayre- und Kappenlanguren zusammenleben. Besonders häufig treten solche Misch-Gruppen dabei in den vergleichsweise stark von Waldverlust betroffenen Lebensräumen auf, stellten die Forschenden fest. Demnach haben sich die Tiere dort vermutlich aufgrund besonders geringer Individuenzahlen zu den zwischenartlichen Gemeinschaften zusammengeschlossen. In einigen dieser gemischten Gruppen fielen den Forschenden dann auch Exemplare auf, die eine Kombination der äußerlichen Erscheinungsmerkmale beider Arten aufweisen. Sie besaßen beispielsweise die weißen Augenringe der Phayre-Brillenlanguren und das goldbraune Brusthaar der Kappenlanguren.





