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Nordsee: Die Wächter der Inseln
Im Wattenmeer vor Deutschlands Nordseeküste liegen kleine Inseln – Refugien der Natur und Schutzräume vieler Seevögel. Sie zu bewachen und zu schützen ist der Auftrag von Menschen, die sich für kurze oder lange Zeit auf ein abgeschiedenes Leben in der Natur entschieden haben.
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Text: Oliver Abraham
Insel Nummer 1: Mellum
Nach etwa einstündiger Fahrt läuft das Schiff auf den Sand. Sechseinhalb Kilometer entfernt von der Küste Niedersachsens und mitten im Wattenmeer. Zu erkennen ist eine Insel, Mellum, mit ihren Dünen und Bäumen – im Wesentlichen Weiden und Birken –; auch Sanddorngebüsch wächst hier, im Herbst hängen die Zweige voll herber, saftiger Früchte. Es geht an der Leiter vom Schiff hinunter, durchs Wasser und dann … an Land? Noch nicht. Erst anderthalb Kilometer über das Watt. Entlang der ausgedehnten Felder, auf denen im Sommer blühender Strandflieder lila leuchtet. Durch den tiefen Sand geht es langsam, mit Bedacht und Schritt für Schritt. Löffler fliegen auf – die Vögel sind hier wieder heimisch geworden, nachdem sie 100 Jahre im Wattenmeer verschwunden waren. Nur der Wind ist zu hören und Vogelrufe. Einsam ist es hier. Für Besucher eigentlich verboten, aber es gibt Exkursionen seitens der Naturschutz- und Forschungsgemeinschaft „Mellumrat e. V.“, die 1925 zum Schutz der Insel Mellum gegründet wurde.
Bewohnt ist die Insel in der Regel von vier Personen, die ihren Dienst dort von März bis Oktober versehen. Für den Vogelschutz, für die Natur, auf einer einsamen Insel weit weg vom Rest der Welt. Was gab es an diesem Junitag für sie zu tun? „Das Brutgeschehen auf Mellum steckt gerade in seinen letzten Zügen. Heute haben wir Sandregenpfeifer beobachtet und deren Brutverhalten dokumentiert. Außerdem haben wir unsere tägliche Inselumrundung gemacht. Dabei erfassen wir jeden Tag alle Vogelarten, die auf Mellum sind“, erklärt Henrike de Boer, eine der Freiwilligen des Jahres 2025. Der Alltag besteht aus Draußensein und die Hauptaufgabe ist die Beobachtung der Natur. „Ein Highlight für uns ist immer wieder die zweiwöchentliche Wasser- und Watvogelzählung“, berichtet Gitta Grot, „wenn der Strand voller Vögel ist.“
Ein besonderer Naturraum
„Wir empfinden es als Privileg, Zugang zu diesem Naturraum zu haben, der sonst nicht betreten werden darf. Die Insel nur mit den Vögeln zu teilen, ist fantastisch“, schwärmt Gitta Grot. „Das Watt und die Weite der Salzwiese direkt vor der Tür zu haben, tut so wohl. Die Möglichkeit, jederzeit, zumindest bei Niedrigwasser, stundenlang ohne Wege und ohne anderen zu begegnen, draußen umherzulaufen, ist ein unfassbares Privileg“, fügt Nora Hinrichs hinzu.
„Allerdings ist das Leben auf Mellum nicht abgeschnitten vom Rest der Welt“, erklärt sie, „übers Telefon und Internet sind wir genauso verbunden wie alle anderen Menschen. Auf dem Festland wird für uns eingekauft, Post empfangen und versandt, und alle zwei Wochen kommt ein Versorgungsboot mit allem, was wir brauchen.“ Etwas extra geht auch, darum kümmern sich die Ehrenamtlichen in Wilhelmshaven. Die Familien und Freunde würden selbst gemachte Marmeladen und Honig oder auch Geburtstagsgeschenke schicken, ergänzt Gitta Grot.
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Es bleiben also keine Wünsche offen? „Frische Erdbeeren – auf die mussten wir eine Weile warten“, sagt Nora Hinrich lachend „Im Ernst“, betont sie: „uns mangelt es hier wirklich an nichts. Im Haus gibt es Zimmer für alle und eine große Küche mit allen gängigen Geräten. Unsere Speisekammer ist voller Gemüse, wir backen täglich frisches Brot und im Tiefkühler sind vier verschiedene Eissorten und gefrorene Himbeeren.“ Vermissen sie trotzdem etwas? „Abends mal in eine Kneipe zu gehen und ein paar andere Gesichter zu sehen“, meint Henrike de Boer.
„Wir haben uns aktiv für Zeit in der Natur entschieden und machen das hier nicht, um dem Stress an Land zu entfliehen“, betont Henrike de Boer. „Wir genießen durchaus auch unser Festlandleben.“
Zwei der diesjährigen Freiwilligen sind studierte Landschaftsökologen und arbeiteten, bevor sie sich für diesen Dienst an der Natur entschieden haben, die Dritte hat gerade ihr Studium der Umweltwissenschaften abgeschlossen. Die Vierte im Bunde absolvierte vorher eine handwerkliche Ausbildung im Orgelbau.
Kein Mangel an Bewerbern
Mathias Heckroth ist Geschäftsführer von Mellumrat e.V. mit Sitz im niedersächsischen Varel-Dangast. Der Verein kümmert sich im Auftrag der Nationalparkverwaltung um das Naturschutzfachliche und die Verwaltung der Insel Mellum. Dazu gehört auch die Auswahl der Freiwilligen, die Dienst auf Mellum tun wollen. Heckroth selbst hat wohl inzwischen mehr als 100 von ihnen mit ausgewählt. Not, die Stellen auf der Insel zu besetzen, gebe es nicht. Wer kann sich bewerben? Alle, die sich für die Insel und ihre Natur begeistern: Studenten, Wissenschaftler, Handwerker. „Das können ebenso Leute in Ausbildung sein wie solche, die sie schon abgeschlossenen haben“, sagt Heckroth.
Es gehe darum, mit den begrenzten Ressourcen auf der Insel umzugehen und auch das Unerwartete zu meistern, sagt Heckroth. „Man kann nicht mal einfach eben los und etwas besorgen, man muss planen. In dieser Intensität gab es das im bisherigen Leben der meisten Freiwilligen wohl noch nicht und das wird im weiteren Leben auch kaum wieder so sein.“ Auch ein Urlaub sei beispielsweise nicht immer möglich, sondern muss sich nach dem Takt des Versorgungsschiffs richten.
Alle 14 Tage kommt die „MS Seehecht“ aus der Hafenstadt zur Insel. Das Schiff landet vor Mellum im Watt an, dann muss der Einkauf mit Bollerwagen auf Ballonreifen anderthalb Kilometer über das Watt und den Sandweg zur Station gezogen werden. Müll und Schmutzwäsche gehen auf umgekehrtem Weg zurück an Land.
Das Stationshaus wurde 1952 erbaut und bietet Platz für bis zu acht Personen. Im eingedeichten Grünland steht auch die Handschwengelpumpe zur Frischwasserversorgung – unter der Insel befindet sich ein Süßwasservorkommen. „Wenn es lange trocken ist, wird das Wasser schon mal knapp“, berichtet Mathias Heckroth. Dann müsse man für 20 Liter Trinkwasser bis zu 20 Minuten pumpen.
Verantwortungsvolle Aufgaben
„Mellum ist einer der sehr wenigen Orte in Deutschland, die vom direkten menschlichen Wirken nahezu unbeeinflusst sind“, sagt Mathias Heckroth, „es gibt dort keine Igel, Katzen, Ratten, Füchse oder Waschbären, die die Vogelwelt stören oder beeinflussen können. Deshalb ist Mellum ein ideales Freiluftlabor. Wir können natürliche Abläufe dokumentieren, diese können dann auch Vergleichswerte sein. Zum Beispiel um zu sehen, wie ein beeinflusster und ein unbeeinflusster Lebensraum aussehen. Ob der Bruterfolg durch das Fehlen der Prädatoren so viel besser ist.“ Der Mellumrat arbeitet eng mit der Universität Oldenburg zusammen sowie dem Institut für Vogelforschung in Wilhelmshaven und auch mit der Nationalparkverwaltung.
Auf der Insel nimmt die Vogelkunde viel Zeit der Freiwilligen in Anspruch – zum Beispiel Brutbestandserfassung oder das Sammeln von Eiern der Silbermöwe für die Umweltprobenbank, um die Belastung mit Schadstoffen zu dokumentieren. Dazu kommt das Müllmonitoring. „Wir finden immer noch Plastikorchideen vom Containerverlust der ‚MS Zoe‘ von 2019“, berichtet Heckroth. Auch havarierte Skipper mit Motorschaden wurden schon aufgenommen. Nur in einem solchen Fall darf man außer der Reihe die Insel betreten. Darauf zu achten, dass niemand verbotenerweise auf die Insel kommt, gehört auch zu den Freiwilligen-Aufgaben.
Mellum sei als Insel lagestabil und ändere ihre Form grundsätzlich nur noch wenig, berichtet Mathias Heckroth. Aber an der südlichen Salzwiese gäbe es nach einer Sturmflut bisweilen schon auch deutliche Abbrüche und Verluste. „Es sind Prozesse außerhalb unserer Kontrolle“, sagt Heckroth, „die kann man nicht steuern. Tja – wer weiß! Eine heftige Sturmflut, und der Deich um das Stationshaus bricht. Das kann im nächsten Winter sein, oder in ein paar Jahren.“
Insel Nummer 2: Memmert
Zwischen Juist und dem Festland Niedersachsens, rund 13 Kilometer von der Festlandküste entfernt, liegt die Insel Memmert. Rechnet man neben dem Inselkern aus Dünen auch die Salzwiesen hinzu, umfasst die Inselfläche etwa 617 Hektar.
Große Teile der Insel werden jedoch bei jeder Sturmflut überflutet. Memmert ist nicht durch Küstenbauwerke befestigt und erodiert durch die Strömung an der Westseite. Der von Wasser und Wellen abgetragene Sand wird an der Ostseite abgelagert, dort wächst die Insel, und es haben sich ausgedehnte Salzwiesen entwickelt, berichtet Martin Schulze Dieckhoff, Aufgabenbereichsleiter für Landschaftspflege und Seevogelschutz beim Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) in Norden.
Die Insel Memmert befindet sich in der am strengsten geschützten Zone des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer und darf nur mit gesonderter Genehmigung betreten werden. „Neben dem allgemeinen Schutz der Natur geht es auf Memmert vor allem um den Schutz der Seevögel“, erklärt Schulze Dieckhoff. „So siedelte sich dort 1995 die erste Kolonie von Löfflern im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer an.“
Eiersammler und Vogeljäger
Die Insel Memmert entwickelte sich nach und nach von einer Sandbank zu einer richtigen Insel mit Dünen, Salzwiesen und Gehölzen und gewann eine besondere Bedeutung für Seevögel, die sich dort ansiedelten. Früh kamen jedoch Küstenbewohner zum Eiersammeln auf die Insel, da Möweneier eine Bereicherung ihres oft kargen Speiseplans darstellten. Dazu kamen Vogeljagden. Als es um die vorletzte Jahrhundertwende immer mehr Badebetrieb auf den Ostfriesischen Inseln gab, wurden solche Jagden zur Unterhaltung der Gäste selbst in der Brutzeit veranstaltet. Auf Betreiben von Vogelschützern wurde daher im Jahr 1906 das Betreten Memmerts von Mai bis August verboten, 1924 wurde die Insel ein staatliches Naturschutzgebiet und seit 1986 gehört sie zum Nationalpark. „Anfänglich gab es nur während der Brutzeit eine Überwachung“, berichtet Schulze Dieckhoff, „ab 1921 erfolgte sie ganzjährig. Vor allem, um die rücksichtslose Eiersammelei und den ‚Schießsport‘– für den Vögel aller Arten und zu allen Jahreszeiten als lebende Zielscheiben herhalten mussten – zu stoppen.“ Seit 2003 wird die Insel aus Sicherheitsgründen während der Sturmflutsaison im Winter nicht mehr bewohnt.
Der Inselvogt
Jeweils von März bis November lebt hingegen Enno Janßen seit über 20 Jahren als Inselvogt – so seine offizielle Bezeichnung – auf Memmert. Er ist hauptamtlicher, fest angestellter Mitarbeiter des NLWKN. Zu seinen Aufgaben gehören Brutvogelerfassung, das Zählen von Wasser- und Watvögeln und die Überwachung der Insel – die gesamte Betreuung des Schutzgebietes.
Enno Janßens Haus auf Memmert hat schon einige Vorgänger. Da die Insel von West nach Ost wandert, stand seit 1908 jedes Gebäude irgendwann an einer abbruchgefährdeten Stelle und musste aufgegeben werden. Wie lange das Haus an der jetzigen Stelle sicher sei, ließe sich nicht vorhersagen.
Der Inselvogt erreicht seine Insel mit einem fünf Meter langen Dienstboot, die Überfahrt dauert rund eine Dreiviertelstunde. „Ich fahre diese Strecke unregelmäßig, ungefähr jede zweite Woche. Je nachdem, was hier auf Memmert zu erledigen ist und wie es um meine Bevorratung mit Lebensmitteln steht“, sagt Enno Janßen. Unregelmäßig auch deshalb, weil niemand wissen soll, ob er auf der Insel ist oder nicht. Ein-, zweimal pro Saison landet ein großes Versorgungsschiff auf Memmert, es kann sich trockenfallen lassen, und bringt die schweren, sperrigen Sachen wie etwa Gasflaschen, Kanister mit Trinkwasser oder Baumaterialien für das Haus.
Zwar verfügt auch Memmert über ein unterirdisches Süßwasservorkommen, ganz belastbar ist das aber nicht. Es kann sich schnell erschöpfen, zudem ist es eisenhaltig, was es in Mengen ungenießbar macht und Wäsche rostfleckig. „Das wurde immer nur als Brauchwasser genutzt, also für die Toilette, zum Waschen oder den Abwasch“, berichtet Janßen. „Seit dem Jahr 2007 haben wir eine Zisterne mit dem Regenwasser vom Dach des Schuppens, vom Reetdach des Hauses funktioniert das ja nicht. Das ist ein schönes, klares, weiches Wasser, damit kann ich auch helle Wäsche waschen.“
Jede Jahreszeit habe ihre eigenen Reize, sagt Enno Janßen, die Insel selbst sowieso. „Eigentlich ist alles schön; die Sonnenuntergänge, das Werden und Vergehen. Wenn ich im Frühjahr nach einem langen, düsteren Winter an Land wieder nach Memmert komme, beginnt hier das Leben mit Vollgas, die riesigen Vogelschwärme, das Brutgeschehen. Das hört und sieht man nicht nur, das spürt man. Diesen Neubeginn, wie das Leben zurückkehrt“, sagt Enno Janßen. „Der Herbst ist auch deshalb schön, weil sich die Farben ändern, ins pastellige. Und weil dann die Grenze zwischen Himmel und Wasser oft unscharf wird, sich aufzulösen scheint. Es scheint, als ob sich beides vereinigt.“
Es gebe natürlich auch nicht so schöne Momente. Kein Traumjob sei durchgehend toll, sagt Enno Janßen. „Es sind Herausforderungen, die man meistert.“ Schwerer, langer Regen gehöre etwa zu. „Hier ist das Wetter der Chef, und allein danach muss ich mich richten.“ Im November des Jahres 2006 sei es beispielsweise ganz dicke gekommen, die Allerheiligenflut: „Gemeldet war ein schwerer Sturm“, berichtet Enno Janßen, „aber schon am Nachmittag hat das Ding voll aufgedreht.“ Der Orkan habe die ganze Nacht gewütet und die Insel überflutet. „Drei Meter Wasser über normal, da hätte ein Schiff über die Insel fahren können.“ Es gebe keine hundertprozentige Sicherheit, für nichts und niemanden, nirgendwo, meint Enno Janßen, „… aber wenn irgendwas ist, kann ich jederzeit mit dem Festland Kontakt aufnehmen oder mit dem Boot an Land. Nein, ich habe keine Angst, hier allein zu sein.“
Insel Nummer 3: Scharhörn
José Wenzel ist in der Saison 2025 der Vogelwart des Vereins Jordsand auf Scharhörn. Er beschäftigt sich schon eine Weile mit Ökologie, hat einen Bachelor in „Natural Areas and Environmental Engineering“ und schreibt während der Zeit auf der Insel an seiner Masterarbeit. Vogelbeobachtung interessiere ihn seit seiner Jugend, sagt er. Scharhörn ist rund 86 Hektar groß und liegt ungefähr 15 Kilometer nordwestlich von Cuxhaven nahe der Elbfahrrinne im Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer. „Es ist ein Privileg“, meint auch José Wenzel, „so nah an der Natur und ihren Spektakeln zu sein.“ Gleich vor der Station habe er beispielsweise einen Seeadler beobachten können, wie er eine Eiderente schlug.
Wenzel berichtet von den riesigen Schwärmen an Watvögeln – wie etwa Knutts oder Alpenstrandläufern –, die zu Zigtausenden auf Scharhörn leben oder rasten und im umliegenden Watt auf Nahrungssuche gehen. „Ich kann das intensiv erleben, bin mittendrin“, sagt José Wenzel, „zum Beispiel, wenn ich zur Erfassung und Kartierung der Brutvögel unterwegs bin. Wenn ich mich einem Nest der Silbermöwe nähere, fliegen die Vögel Scheinattacken. Sie sind ziemlich groß, da erschrickt man sich schon sehr – aber sie berühren einen nie. Oder wenn ich mich einem Trupp Austernfischer nähere, dann ist das Schreien und Getöse so groß, dass es beinahe in den Ohren schmerzt.“
Eine große Faszination also, dieses Leben im Einklang mit der Natur – aber fehlt auch etwas? „Meine Freundin“, sagt er, aber glücklicherweise gebe es die Videocalls über den Laptop. Wenzels Unterkunft auf Scharhörn besteht aus zwei Stahlcontainern, die sturmflutsicher auf Pfählen stehen. Seine Versorgung läuft über Neuwerk. Bestellt wird online in den Geschäften von Cuxhaven, von dort fahren täglich Kutschen und Trecker nach Neuwerk, im Schnitt einmal pro Monat kommt dann ein Trecker von Neuwerk nach Scharhörn. Es gibt aber auch ein Zwischendurch: „Manchmal gehe ich auch mit dem Rucksack nach Neuwerk rüber, wenn mir die Treckerfahrer etwas außer der Reihe mit nach Neuwerk bringen. Ich muss allerdings genau auf die Gezeiten achten.“ Für den rund sechseinhalb Kilometer langen Weg durch das Watt braucht er rund zwei Stunden. Anstrengend wurde es letztens, als er Gasflaschen und mit Trinkwasser gefüllte Kanister im Handwagen von Neuwerk nach Scharhörn schob.
Ohne Mobiltelefon, mit dem er gegebenenfalls einen Notruf absetzen könnte, und mit dem er aktuelle Wettervorhersagen empfangen kann, geht Wenzel nicht raus. „Die Natur ist hier der Chef“, sagt Wenzel genau wie Enno Janßen auf Memmert. Er berichtet von Starkregen, der in einer Geschwindigkeit aufzog, die er noch nicht kannte. Von Gewittern, die um vieles gewaltiger wirkten als anderswo.
Es ist jedoch nicht nur die Natur, mit der José Wenzel auf Scharhörn konfrontiert ist. An den Stränden, aber auch mitten in den Dünentälern der Insel, oder unter dem Sand begraben, eigentlich überall, stößt er auf Müll, vor allem Plastik. „Es tut mir weh, zu sehen, wie viel Müll auf Scharhörn liegt“, sagt José Wenzel „am Flutsaum ist das ja leider völlig normal, aber in den Dünentälern bedeutet das eben auch eine Verschlechterung des Habitats – Brutvögel und ihr Nachwuchs können dadurch gefährdet sein, können Plastik fressen oder sich darin verheddern.“ Er habe seit seiner Ankunft geschätzt zwei Tonnen Müll gesammelt.
An diesem Tag besteht seine Arbeit jedoch darin, drinnen Daten und Kartierungsergebnisse in den Computer einzugeben. Zum Sonnenuntergang will er noch einmal hinaus. Das gehöre zu den schönsten Momenten auf der Insel, schwärmt er. Später ziehe dann der Sternenhimmel auf, und der würde hier so prachtvoll funkeln wie sonst kaum irgendwo in Deutschland. //
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