Text: Oliver Abraham
Die See geht hoch und Schaum liegt auf den Wellen. In den stürmischen Böen fliegen die Vögel, die nicht längst Schutz gesucht haben, wie verwehtes Konfetti. Wo aber Schutz finden? Der Wind trifft ungebremst auf die Nordseeküste Nordfrieslands und jagt meist ebenso ungebremst darüber hinweg. Kaum ein Baum bietet Schutz – Wälder schon gar keine, denn die gibt es hier nicht. Jedenfalls nicht von Natur aus. Hier aber in der Vogelkoje – derer gibt es sechs auf der 8,5 auf 12,5 Kilometer messenden Insel Föhr – kehrt eine Ruhe ein in dieses herbeigezauberte Wäldchen. Der Sturm weht darüber hinweg und man spürt ihn doch. Dieses Refugium der Ruhe wurde einst vom Menschen angelegt.
Boldixum
Ein Weg führt unter Ulmen und Pappeln, Eschen und Nordischen Mehlbeeren hindurch zum alten Kojenhaus, dann zum Teich. Zwar hört man den Wind in den Blättern rauschen, hier aber herrscht eine seltsame Form der Stille. „Willkommen in der Boldixumer Vogelkoje“, sagt Arend Godbersen. Der 85-Jährige führt seit Jahren Besucher herum, in der Regel finden solche Führungen zwischen April und Oktober statt. „Willkommen in unserer historischen Fanganlage für Wildenten. Unsere Boldixumer Vogelkoje wurde 1879 angelegt und sie ist die jüngste auf der Insel Föhr.“
Seit fast 25 Jahren kümmern sich außer Godbersen auch Bernd Fritsch und Arwin Nahmens als moderne Kojenmänner um das Instandhalten von Gebäude und Fanganlage, das Freischneiden vom Gebüsch, das Freihalten der Wasserflächen, das Bewahren dieses Erbes. „Ich bin oft hier“, sagt Godbersen, „eigentlich fast jeden Tag.“ Ohne Leute wie sie würde es Vogelkojen wie diese, solche Orte der friesischen Geschichte, vielleicht nicht mehr geben.
Arend Godbersen führt durch die Vogelkoje und erklärt die Anlage. „Von den vier Enden des quadratischen Teiches führen sich verengende, gebogene Kanäle ab, das sind die sogenannten Pfeifen. Diese Pfeifen sind mit Netzen und Wänden aus Schilf versehen. Hinter dieser Wand aus Schilf stand am Ende der Entenfänger.“ Zuvor wurden die Enten vom Teich, auf dem sie sich niedergelassen hatten, in die Pfeifengelockt oder getrieben. Damit die Enten nicht fliehen konnten und nicht sahen, was sie erwartete, wurden diese bogenförmig angelegt. „Früher wurden immer ein paar Wildenten gefangen, um sie anzufüttern und handzahm zu machen – und um sie im folgenden Jahr zu Lockenten abzurichten.“ Historische Kojenmänner lebten früher zeitweilig in den Kojen, fingen Enten und kümmerten sich um den Erhalt der Gebäude, der Anlage und der Gewässer, hielten Büsche und Bäume so kurz, dass die Enten gut einfliegen konnten.
Einst wurden in den Kojen während des Vogelzuges Zigtausende Enten pro Jahr gefangen, für die Alte Oevenumer Vogelkoje auf Föhr werden für den Zeitraum zwischen 1730 und 1983 gar mehr als drei Millionen gefangene Enten bilanziert. Aber niemals so viele, so berichten es moderne Kojenmänner, dass der Bestand der jeweiligen Art gefährdet war.





