Wenn Jürgen Feder im Herbst durch die hiesige Landschaft streift, muss er nur auf verräterische Farbtupfer achten. „Was um diese Zeit noch blüht, sind meist Neophyten“, erklärt der Diplom-Ingenieur für Landespflege. „Neophyten“ – Feder spricht dieses schwer belastete Wort zutiefst gelassen aus. Der renommierte Pflanzenkundler und Autor des Buch-Bestsellers „Der Segen der Einwanderer“ sieht in den zahlreichen mehr oder weniger neuen Gewächsen hierzulande nicht bloß die botanische Realität, sondern eine echte Chance für unser Ökosystem: „Rund 500 Pflanzenarten sind hierzulande durch Klimawandel und andere Umweltfaktoren ausgestorben“, erklärt Feder, „allein deshalb ist es wichtig, neue, stressresistente Pflanzen zu haben.“
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Text: Rolf Heßbrügge
Wenn Jürgen Feder im Herbst durch die hiesige Landschaft streift, muss er nur auf verräterische Farbtupfer achten. „Was um diese Zeit noch blüht, sind meist Neophyten“, erklärt der Diplom-Ingenieur für Landespflege. „Neophyten“ – Feder spricht dieses schwer belastete Wort zutiefst gelassen aus. Der renommierte Pflanzenkundler und Autor des Buch-Bestsellers „Der Segen der Einwanderer“ sieht in den zahlreichen mehr oder weniger neuen Gewächsen hierzulande nicht bloß die botanische Realität, sondern eine echte Chance für unser Ökosystem: „Rund 500 Pflanzenarten sind hierzulande durch Klimawandel und andere Umweltfaktoren ausgestorben“, erklärt Feder, „allein deshalb ist es wichtig, neue, stressresistente Pflanzen zu haben.“
Als Neophyten bezeichnet man Gewächse, die in den letzten gut 500 Jahren absichtlich oder unabsichtlich in unsere Breiten eingeführt wurden und sich hier in der Natur etablieren konnten. Rund 450 solcher Arten sind derzeit bekannt, pro Jahr kommen bis zu zehn neue hinzu. Die meisten Neophyten vegetieren friedlich vor sich hin. Einige haben sich in Zeiten des Klimawandels und des Artensterbens als echte Verstärkungen für unsere geschwächten Ökosysteme erwiesen, etwa als Nahrungsquellen für die heimische Insektenwelt bis weit in den Herbst hinein, wie zum Beispiel der Sommerflieder. Manche Neophyten sind auch für den menschlichen Verzehr geeignet oder werden als Heilpflanzen genutzt, wie die Walnuss oder die Echte Kamille. Andere gelten gar als unverzichtbare Zukunftspflanzen, um in Wäldern und Wiesen die Bodenqualität, Wasserspeicherkapazität und Sauerstoffproduktion zu intensivieren. Auf Wiesen werden etwa die aus Nordamerika stammende Vielblättrige Lupine gezielt eingesetzt, im Wald wird die Gewöhnliche Robinie gepflanzt, die um 1800 ebenfalls aus Nordamerika importiert wurde – auch wenn beide in der Kritik stehen, lokal Monokulturen zu bilden und Biodiversität zu gefährden. Wieder andere Neophyten sind einfach nur schön anzuschauen.
Schon in vergangenen Jahrtausenden gelangten fremde Arten aus teils weit entfernten Weltregionen ins heutige Deutschland, etwa im Gefieder von Zugvögeln oder im Gepäck menschlicher Migranten. Jene Gewächse, die sich bereits vor der Entdeckung Amerikas bei uns etabliert haben, bezeichnet man heute als Archäophyten. Dazu zählen übrigens auch die als „preußische Blume“ titulierte Kornblume (Centaurea cyanus) und die Mohnblume (Papaver rhoeas). Beide stammen aus Kleinasien und gelangten im 6. Jahrtausend v.Chr. im Zuge der aufkommenden Ackerwirtschaft von Südosten nach Mitteleuropa, wie Bohrproben aus tiefliegenden Bodenschichten und die darin enthaltenen Pollenreste belegen.
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Für Schlagzeilen sorgen jedoch meist die invasiven Neophyten – jene, die so durchsetzungsstark sind, dass sie heimische Arten verdrängen. Laut dem Biologen Stefan Nehring vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) verhalten sich etwa 40 Neophyten hierzulande invasiv. Der Großteil dieser wuchernden Wüstlinge wurde in den letzten 100 Jahren als Zierpflanzen aus weit entfernten Weltregionen eingeführt, von Botanikern, vom Gartenbauhandel oder von Urlaubern. Bei manchen Neophyten lassen schon die Namen Übles erahnen: Kanadische Wasserpest, Bastard-Staudenknöterich oder Drüsiges Springkraut. „Diese und circa zehn weitere Arten bereiten zumindest regional große Probleme“, bekennt selbst der Neophyten-Anwalt Jürgen Feder. Aber schuld daran sei der Mensch: „Er hat diese Pflanzen hier eingeführt und ihnen tolle Bedingungen beschert. Viele Neophyten sind sehr nährstoffstoffliebend und gedeihen besonders im überdüngten ländlichen Raum, wo sich heimische Pflanzen oft schwertun.“ So wuchert die Kanadische Wasserpest vorzugsweise in Gewässern, die durch Gülle-Einleitung massiv gestört sind.
Andere, weniger exotische Neulinge nutzen einfach den Klimawandel und wandern sukzessive nordwärts. „Solche Pflanzen, die ihr Areal auf natürliche Weise erweitern, sind in der Regel friedlicher als Neophyten aus weit entfernten Erdteilen“, betont BfN-Biologe Nehring. „Mit mediterranen Pflanzen etwa haben wir kaum Probleme.“ Auch das vom Balkan stammende Mauer-Zimbelkraut (Cymbalaria muralis) macht keinem heimischen Pflänzchen etwas streitig. Es sucht sich lieber unbelebte Nischen: Die Pflanze siedelt in feuchten Spalten von Natursteinmauern, an Treppenabsätzen und Bordsteinkanten. Dort wird es mit seinen lilafarbenen Blüten zum lieblichen Hingucker in grauer Einöde und zur wahren Pionierpflanze, die Insekten und anderes Kraut wie die Mauerraute nach sich zieht.
„Grundsätzlich sollten wir froh sein über jede Pflanze, die bei uns Sauerstoff produziert“, betont Jürgen Feder. „Wenn sie obendrein attraktiv ist für die Tierwelt – was will man mehr?“ Zumal auch Arten aus fernen Kontinenten meist keine Probleme bereiten. Einige könnten angesichts der Klimakrise sogar Teil der Lösung sein: etwa das im 19. Jahrhundert aus der US-Prärie eingeführte Sparrige Gummikraut (Grindelia squarrosa), dessen Samen vermutlich mit Schafwoll-Lieferungen über den Atlantik gelangten.
Hierzulande gedeiht es vor allem in Sachsen und Sachsen-Anhalt auf trockenen Grasflächen entlang von Autobahnen. Das bis zu 80 Zentimeter hohe Gewächs aus der Familie der Korbblütler gilt bei indigenen Amerikanern als Heilpflanze zur Schmerz- und Fieberlinderung und ist hitze- wie dürrebeständig. Diese Resilienz könnte das Sparrige Gummikraut hierzulande immer wichtiger werden lassen, wenn heiße, trockene Sommer vielen heimischen Wiesengewächsen das Leben zusehends schwer machen.
Vor- und Nachteile kommen Hand in Hand
Und die neueren, teils noch viel exotischeren Zuzügler? Der vielleicht berüchtigtste unter ihnen ist der Bastard-Staudenknöterich (Fallopia × bohemica), ein in Europa entstandener Hybrid aus zwei ursprünglich fernöstlichen Knöterich-Arten. An manchen Flussläufen, etwa entlang von Neiße, Elbe oder Weser, haben die extrem wüchsigen Stauden mit ihrem dominanten Wurzelwerk in den letzten 25 Jahren viele heimische Gewächse wie Blutweiderich oder Mädesüß massiv verdrängt. Aber „zum Glück“, so Stefan Nehring, „haben die invasiven Stauden hierzulande noch kein komplettes Ökosystem zum Kippen gebracht.“ Ein durch Neophyten ausgelöstes Aussterben bestimmter Pflanzenarten lässt sich bei uns bislang nicht belegen, wie das BfN durch aktives Monitoring, aber auch dank der Daten populärer Pflanzenbestimmungs-Apps (siehe natur 03/22, S. 66–75) dokumentieren kann: „Hier in Deutschland haben wir dank der Heterogenität der Landschaft den Vorteil, dass heimische Gewächse der invasiven Konkurrenz zumindest teilweise ausweichen können.“ Der Staudenknöterich könnte jedoch zu einem echten Naturretter avancieren, zumindest an Orten, die so lebensfeindlich sind, dass sich kaum eine andere Pflanze dort ansiedeln würde. Hier bietet er Nutzen für seine Umwelt, etwa als Unterschlupf für Kleinsäuger oder Vögel sowie Nahrung für Bienen oder Fliegen. Außerdem laufen wissenschaftliche Versuche, die bis zu drei Meter hohen Stauden, die große Mengen an Schwermetallen aufnehmen können, als biologische Bodensanierer in kontaminierten Industriebrachen einzusetzen. Schaden und Nutzen Hand in Hand.
Die Karriere der Kartoffelrose (Rosa rugosa) verlief genau umgekehrt – vom Problemlöser zum Problemverursacher: Das zähe Rosengewächs wurde Ende des 19. Jahrhunderts aus Nordostasien importiert und an der Nordsee als wind- und wetterbeständige Küstenschutzpflanze für den Kampf gegen Dünen-Abgänge angesiedelt. Diesen Job erledigt der Neophyt, der auf sandigen Böden gut gedeiht, bis heute tadellos. Doch weil sich die Kartoffelrose dank ihrer samenreichen Hagebutten rasend schnell ausbreitet, ja ganze Dünen- sowie küstennahe Heidebereiche überwuchert und Monokulturen hervorbringt, gilt sie im Norden als Landplage. Insekten scheinen das etwas differenzierter zu sehen: „Sie lieben die Blüten und Früchte dieser Pflanze, aus denen man übrigens auch Gelee und Marmelade machen kann“, erklärt Jürgen Feder. „Man hat den Neophyten ja immer vorgeworfen, heimische Insekten könnten nichts mit ihnen anfangen. Aber auf jedem Neophyten sitzen heute Bienen, Schmetterlinge, Fliegen. Sie mussten sich nur daran gewöhnen. Als Mensch brauche ich ja auch etwas Zeit, bis ich scharfes Essen vertrage, wenn ich es vorher nicht gewohnt war.“
Auch beim aufgrund seines extrem invasiven Auftretens berüchtigten Sommerflieder (Buddleja) ist die Verbreitung zweischneidig. Spätestens in den 90er Jahren setzte sich diese als Zierpflanze importierte, sonnenliebende Art aus Fernost über sämtliche Gartenzäune hinweg, auch dank ihrer flugfähigen Samen. „Heute überwuchert der Sommerflieder ganze Güterbahnhöfe im deindustrialisierten Ruhrgebiet“, weiß Jürgen Feder. Die langen violetten (selten weißen) Rispenblüten des Exoten locken die Natur zurück in die Brachen, denn sie sind Magneten für Nektarsammler, auch für verschiedene Edelfalter – daher der Beiname Schmetterlingsstrauch. Dank seiner Blütezeit von Juli bis Ende Oktober liefert der Sommerflieder selbst im Herbst noch Nektar. Aber obwohl die invasive Blume eine beliebte Bienenweide ist, hat BfN-Biologe Stefan Nehring ein zwiespältiges Verhältnis zu dieser Pflanze: „Wo sie auftaucht, kommt es schnell zu Monokulturen, in denen die Spezialisten unter den Nektarsammlern leer ausgehen.“
Um den Sommerflieder aber zu eliminieren, ist es laut Jürgen Feder „ohnehin zu spät. Wenn die Sträucher erst mal verholzt sind, kommt man ihnen nicht mehr bei.“ Eindämmen lässt sich dieses Gewächs, ebenso wie der Staudenknöterich, allenfalls durch rechtzeitiges Mähen, am besten bis tief in den Boden hinein. Wichtig ist, dass das Mähgut anschließend in Biogasanlagen mit entsprechend hohen Temperaturen entsorgt wird, denn selbst kleinste Sprossteile können neues Wachstum hervorbringen. In Naturschutzgebieten, in denen Neophyten seltene heimische Pflanzen zu verdrängen drohen, versucht man deshalb, den Eindringlingen durch das Ausbaggern der Wurzeln Herr zu werden – oft mit mäßigem Erfolg.
Die Natur reguliert sich meist selbst
Wenn überhaupt jemand invasive Eindringlinge in die Schranken weisen kann, dann wohl nur die Natur selbst: Dem bis zu drei Meter hohen Drüsigen Springkraut (Impatiens glandulifera), das ganze Flusstäler zwischen Hamburg und Stuttgart besiedelt, geht es langsam an den Kragen. Seit 25 Jahren erobert dieses als Gartenschmuck aus Indien importierte Gewächs mit Riesenschritten Territorium, dafür sorgen schon seine Samen, die bei Berührung oder Erschütterung bis zu sechs Meter weit aus ihrer Kapsel katapultiert werden. Bislang waren gegen dieses Kraut ausschließlich frostige Winter gewachsen, doch die sind immer seltener. Stattdessen hat die Natur andere Gegenspieler aufgeboten, wie das Dexter-Rind. Vermutlich wichtiger jedoch: „Die Schwarze Bohnenlaus und die Raupe des Mittleren Weinschwärmers tun sich neuerdings am Springkraut gütlich“, erklärt Jürgen Feder. Und auch der Mensch kann zur Dezimierung beitragen, denn die Samen des Springkrauts sind laut Feder essbar: „Sie schmecken nach Walnuss“.
Dort, wo wild wuchernde Neophyten keine Fressfeinde vorfinden, kann man es auch mit Haustieren versuchen. Im Schweizer Kanton Zürich laufen Projekte mit Woll- und Turopolje-Schweinen, zwei robusten alten Rassen, die gern Problempflanzen mitsamt Wurzeln verspeisen: etwa das chinesische Immergrüne Geißblatt (Lonicera acuminata) und die aus Afrika stammende Erdmandel (Cyperus esculentus), die sich an der Oberfläche als circa
60 Zentimeter hohes Kraut zeigt und deren Knolle einen Erdnuss-ähnlichen Geschmack aufweist. Ob die Schweine die Triebe und Wurzeln gründlich genug abfressen, um den Neophyten nachhaltig zu Leibe zu rücken, muss sich noch zeigen. Und falls nicht? „Dann muss die Natur eben mit den neuen Pflanzen leben“, sagt Jürgen Feder achselzuckend.
Bewusst gärtnern
Das größere Problempotenzial aber blüht uns aus heimischen Gärten: Die als Sichtschutz beliebte, weil immergrüne Lorbeerkirsche (Prunus laurocerasus), auch als Kirschlorbeer bekannt, verwildert immer häufiger in stadtnahen Wäldern, wo sie den Waldboden so verdunkelt, dass erdnahe Frühblüher wie zum Beispiel das Leberblümchen (Hepatica nobilis) zu wenig Licht abbekommen. Einen Nutzen für die heimische Natur verspricht die ursprünglich asiatische Lorbeerkirsche kaum, weil sie in allen Teilen giftig ist – selbst für die meisten heimischen Vogel- und Insektenarten.
In der Schweiz ist der Verkauf dieser Problempflanze ab 1. September 2024 verboten. In Deutschland ist es noch nicht so weit, doch die Lorbeerkirsche steht unter Beobachtung, erklärt Stefan Nehring. Gärtnerinnen und Gärtner ruft Nehring zum Verzicht auf invasive Arten auf: „Am besten ist es natürlich, wenn solche Pflanzen gar nicht erst in die Natur gelangen. Gartenfreunde sollten sie weder aussäen noch pflanzen. Hier gilt es, die Empfehlungen vom Zentralverband Gartenbau, Bundesumweltministerium oder Bundesamt für Naturschutz zu beachten.“ Auch Jürgen Feder mahnt zur Vorsicht: „Man sollte keine Pflanzen oder Samen aus dem Urlaub mitbringen. Zudem dürfen Gartenabfälle nicht im Freien entsorgt werden.“ //
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