Text: Bettina Wurche
Vor dem Bug der „Tomorrow“ schwimmt eine Orca-Familie eng beieinander, wie auf einer Kette aufgefädelt. Die Köpfe der schwarz-weißen Wale durchstoßen nahezu synchron die Wasseroberfläche, parallel stoßen sie warme Atemluft aus ihren Blaslöchern, die als kleine Dampfsäulen in der kalten Luft sichtbar sind.
Es sind Northern Residents, vor British Columbia lebende Schwertwale, die außergewöhnlich viel kommunizieren. An Bord des Boots arbeitet ein deutsch-kanadisches Forscherteam. Es nimmt die Lautäußerungen der Schwertwale mit acht Unterwassermikrofonen auf, die an zwei Leinen hinter dem Boot hergeschleppt werden. Einige Wissenschaftler stehen am Bug, beobachten die Wale per Fernglas und sprechen dabei Kommentare zu deren Verhalten in ein Aufnahmegerät. Andere erproben vor Bildschirmen unter Deck neue Computerprogramme für Lautaufnahmen und zur Orca-Identifikation.
Das Team aus Informatikern der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), der Kognitionsforscherin Rachael Xi Cheng vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin und kanadischen Orca-Experten hat eine besondere Mission: die Entschlüsselung der Schwertwal-Sprache. Während es für die Übersetzung menschlicher Sprachen bilinguale Experten gibt, sind uns die Sprachen der Wale noch vollkommen fremd. Darum suchen die Forscher jetzt mit Hilfe von Machine Learning und Künstlicher Intelligenz nach Mustern in den Lautäußerungen der Tiere, die auf eine Sprache hinweisen.
Für ihre Datenanalysen brauchen die Wissenschaftler zunächst noch mehr Daten von Orcas, die sie auf der Tomorrow sammeln. Manchmal kommen die Schwertwale von selbst neugierig heran, und das Forschungsteam kann sie beim Wandern, Spielen oder Jagen beobachten. In anderen Fällen suchen die Forscher eine Walgruppe, der sie dann mit dem Boot folgen.
Eine Orca-Sprache, verschiedene Dialekte
Pionier in der Orca-Sprachforschung ist der Neurowissenschaftler Paul Spong. Er hatte in den 1960er Jahren durch seine Arbeit mit Orcas in Gefangenschaft die engen sozialen Bindungen der Wale, ihre Intelligenz und ihre komplexe Kommunikation kennengelernt. Darum lehnte er, wie viele Forscher, ihre Aquarienhaltung ab und erforscht seitdem wilde Schwertwale. 1972 gründete er auf Hanson Island in British Columbia das OrcaLab. Da Orcas nur etwa fünf Prozent ihrer Zeit an der Wasseroberfläche verbringen, installierte Spong dort ein ganzes Netzwerk aus Unterwasserkameras und -mikrofonen. So hat das OrcaLab mittlerweile ein gigantisches Archiv von Orca-Rufen zusammengetragen – das „Orchive“.
Mit Hilfe der Aufzeichnungen fanden Spong und sein Team schnell heraus, dass gewisse Orca-Rufe in manchen Gruppen immer wieder vorkommen, und nannten sie darum „stereotype Rufe“. Diese Rufe sind laut und tragen weit durchs Wasser, deshalb sind sie von allen Orca-Tönen am einfachsten aufzuzeichnen. Passend zu den Lautäußerungen notierten die Biologen, welche Walindividuen riefen und wie sie sich dabei verhielten. So erkannten sie schnell Muster in den Rufen, etwa dass die Resident-Familien nach der Geburt eines Kalbes erst einmal auffallend oft die familienspezifischen Rufe abgeben, wohl damit der Nachwuchs die akustische Familienkennung lernt und seine Gruppe immer wiederfindet.





