Schillernde Fische, prächtige Anemonen: Im Ozeaneum der Hansestadt Stralsund erleben Besucher die geheimnisvolle Welt der nördlichen Meere.
em geht es gut. Das ist ganz normales Verhalten”, beruhigt mich Alexander von den Driesch, Abteilungsleiter Aquarium am Ozeaneum Stralsund. Er hat den besorgten Blick gesehen, mit dem ich einen etwa 30 Zentimeter großen Fisch in einem kleinen Aquarium beobachte. Das Tier ist fast rund und sehr flach, wie ein auf die Seite gestellter Teller mit großen Flossen. Aus seinem Rücken ragen Stacheln, die beinahe so lang sind wie er selbst, und auf seiner Körpermitte prangt ein dunkler Fleck mit goldenem Rand. Dieser seltsame Fisch scheint auf einmal tot umzufallen: Er kippt zur Seite und bleibt schräg und schlaff liegen.
Wir befinden uns hinter den Kulis-sen des Ozeaneums, in der Quarantäne- station. Hier muss jedes neue Tier durch, bevor es in einem Schauaquarium dem Publikum gezeigt wird. Über 7000 Tiere leben in den 45 Salzwasseraquarien des Ozeaneums und vermitteln den Besuchern einen Eindruck vom Leben im Meer. Die Reise geht zum Beispiel ins Hafenbecken von Stralsund oder an den Grund der offenen Nordsee – Illusionen, die extrem gut gelungen sind. Doch in der eindrucksvollen Meereslandschaft gibt es Türen, die der Besucher kaum wahrnimmt. Verschwindet man dahinter, landet man in einer völlig anderen Welt.
Beton, Neonlicht, Röhren, Leitungen, Leitern und Treppenhäuser: Hinter den Kulissen ist die Einrichtung des Ozeaneums zweckmäßig. Das gilt auch für die Becken des Quarantänebereichs. Die Tiere haben hier alles, was sie brauchen, etwa Futter und Versteckmöglichkeiten. Felsattrappen oder Tangwälder wie in den Schauaquarien gibt es aber nicht. Denn hierher kommt kein Besucher.
„Wildgefangene Tiere können krank sein”, erklärt von den Driesch. „Sie haben oft Parasiten, zum Beispiel winzige Krebse, die auf ihnen leben, oder Darm- und Kiemenwürmer. Entwurmung und Behandlung mit Antiparasitenmitteln sind bei uns daher Standard.”
Deshalb befindet sich auch der seltsame flache Fisch mit dem dunklen Punkt auf der Quarantänestation. „Das ist ein Heringskönig”, sagt von den Driesch. „Das merkwürdige Gebaren gerade gehört zu seinem Jagdverhalten. Wahrscheinlich kann er sich so unbemerkt an seine Beute heranpirschen.” Der Heringskönig lebt am Grund der Nordsee, des Ostatlantiks und des Mittelmeers, in Tiefen von 200 Metern. Seine Lieblingsbeute ist – wie der Name verrät – der Hering, aber er frisst auch andere Schwarmfische. Wenn „Zeus faber”, wie der Heringskönig mit wissenschaftlichem Namen heißt, sich seiner Beute genähert hat, sprintet er nicht auf sie zu, um sie zu packen, sondern saugt sein Opfer blitzschnell ein. Zu diesem Zweck verfügt sein Maul über eine ungewöhnliche Kieferkonstruktion mit mehreren Gelenken. Diese stülpt er bei der Jagd zu einer Art Saugröhre vor.
In der Quarantänestation können sich die Fische in Ruhe an ihr neues Leben gewöhnen. Schließlich befinden sie sich seit Kurzem in einer ihnen völlig unbekannten Umgebung. Diese macht ihnen zunächst Angst – zum Beispiel die Pumpen im Becken, die das Wasser strömen lassen, oder die Ozeaneum-Mitarbeiter, die immer wieder an das Becken herantreten. Und dann gibt es viele Dinge, die sie lernen müssen, zum Beispiel wann und wo es Futter gibt.
Rochen etwa suchen in der Natur den Boden ab, wenn sie Aas riechen. Das ist sinnvoll, denn tote Tiere sinken meist nach unten. Doch im Ozeaneum kommt das Futter von oben – es wird mit einer Zange gereicht. „Das beunruhigt die Fische am Anfang”, sagt Birthe Schlichter, die gerade Glatthaie, Katzenhaie und Rochen an die neue Ernährungsweise gewöhnt.
„Trotzdem setzen wir die Zange gerne ein”, erklärt von den Driesch. „Wenn die Fische zum Fressen nach oben kommen, können wir sie uns von allen Seiten ansehen und feststellen, ob sie verletzt oder krank sind.”
Um den Neulingen die Eingewöhnung zu erleichtern, setzen die Tierpfleger oft erfahrene Tiere als „Lehrer” mit in die Quarantänebecken. Zurzeit zeigt ein alter Steinbutt fünf neuen Glattbutts, wie der „Laden läuft”. In der Regel dauert es drei bis vier Wochen, bis sich die Neulinge eingewöhnt haben.
Haie – zaghaft und vorsichtig
Wer meint, Haie seien wilde, ungestüme Räuber, die sich sofort auf ihre Beute stürzen, wird hier eines Besseren belehrt. Die Tiere nähern sich vorsichtig, fast zaghaft, dem Futter, berühren es kurz und schwimmen wieder weg, bevor sie es sanft von der Zange nehmen. Obwohl einige Haie über einen halben Meter lang sind, muss man sich um seine Finger keine Sorgen machen. Alexander von den Driesch lehnt entspannt am Haibecken.
„Beim Nachbarbecken würde ich das nicht tun. Das könnte übel ausgehen”, sagt er und deutet mit einem Kopfnicken auf ein kleineres Becken nebenan. Auf den ersten Blick befindet sich darin nichts als ein dickes Abflussrohr aus dem Baumarkt. Doch das Rohr hat einen Bewohner. Und der hat gemerkt, dass sich jemand seinem Revier nähert. Ein schlanker Kopf mit langer, runder Schnauze schiebt sich heraus. Den Blick fortwährend auf die Menschen am Beckenrand gerichtet, lässt er nun auch seinen schlangenförmigen, blaugrauen Körper herausgleiten. Es ist ein Meeraal, ein Conger. In freier Wildbahn leben die Tiere im Ostatlantik und in der Nordsee.
Das Exemplar im Becken, das auf den ersten Blick einer Muräne ähnelt, ist etwa einen Meter lang und so dick und muskulös wie der Oberarm eines sportlichen Mannes. Conger-Weibchen werden über zwei Meter lang und über 100 Kilogramm schwer. Über ihre Fortpflanzung weiß man sehr wenig. Die Weibchen sind nur ein einziges Mal am Ende ihres Lebens paarungsbereit. Dazu baut sich ihr Körper komplett um – und genau dies geschieht gerade im Becken nebenan.
Die Eierstöcke wachsen gewaltig
Hier ruht ein riesiges Meeraal-Weibchen auf dem Boden. Sein Verhalten ist ganz anders als das der kraftvollen, agilen und ständig etwas aggressiv wirkenden jüngeren Geschlechtsgenossinnen. „Bei dem Tier werden die inneren Organe zurzeit zurückgebildet. Gleichzeitig wachsen die Eierstöcke derart an, dass sie bald die gesamte Bauchhöhle ausfüllen werden. Da sich Meeraale nur einmal im Leben paaren, produzieren sie so viel Laich wie möglich.”
Die Tierpfleger haben das Conger-Weibchen daher aus dem Schauaquarium genommen. In der Quarantänestation wollen sie beobachten, wie sie sich verändert. Natürlich würden sie ihrem Schützling gern eine erfolgreiche Paarung ermöglichen. Aber da niemand weiß, welche Bedingungen dafür notwendig sind, wird es dazu wohl nicht kommen. Das Ozeaneum zeigt fast ausschließlich Tiere aus der Nord- und Ostsee und dem Nordatlantik. Viele Arten kann man tot in jedem gut sortierten Fischladen bekommen. Doch wer sie lebend haben möchte, steht vor einem Problem. „Im Gegensatz zu tropischen Aquarien gibt es für Kaltwasseraquaristik kein dichtes Händlernetz. Wir müssen die meisten Tiere selbst fangen oder mithilfe von lokalen Fischern besorgen”, sagt von den Driesch.
Das klingt einfacher, als es ist. Heringe und Makrelen etwa gibt es zwar in großen Schwärmen in der Ostsee, nicht weit von Stralsund. Für die Märkte werden sie in Netzen gefangen. Doch mit dieser Fangmethode kann das Ozeaneum nichts anfangen. So robust die Tiere in der Natur sind, so empfindlich sind sie in Menschenhand. „Makrelen darf man nicht anfassen. Sie bekommen sonst sehr schnell Hautentzündungen. Auch Heringe verlieren bei Berührung Schuppen, was zum Tod führen kann”, sagt Henning May, Chef der Tauchertruppe des Ozeaneums. Er und seine Mitarbeiter sind regelmäßig im Meer unterwegs, um neue Tiere zu fangen.
Die meisten Fangtechniken mussten sie selbst entwickeln. Bei Heringen haben sich simple Eimer als patente Fanghilfen entpuppt. Die Taucher fahren zusammen mit Fischern hinaus auf See und benutzen Netze wie bei einer normalen Fangfahrt. Aber sie heben die Netze nicht aus dem Wasser, sondern nutzen sie nur, um die Fische nah ans Boot zu holen. Dann schöpfen sie die Heringe mit Eimern an Bord.
Beim Rotbarsch, einem beliebten, aber stark gefährdeten Speisefisch, sieht die Situation völlig anders aus. Die etwa einen halben Meter großen Tiere leben in Wassertiefen unter 50 Metern an den Küsten des Nordatlantiks. Da ihre Haut sehr robust ist, kann man sie ohne Weiteres anfassen. Trotzdem muss man beim Fangen aufpassen. Wie andere Fische auch haben Rotbarsche eine luftgefüllte Schwimmblase, mit der sie den Auftrieb in verschiedenen Wassertiefen präzise austarieren können. Werden sie aber mit einem Fischernetz rasch an die Wasseroberfläche gezogen, nimmt der Druck so stark ab, dass sich die Luft zu schnell ausdehnt und die Blase platzt.
Lebensrettende Pausen
Das Team um Henning May hat entdeckt, dass man die recht zutraulichen Rotbarsche sehr gut mit Keschern fangen kann. Viele Taucher des Ozeaneums haben eine spezielle Qualifikation, um als Forschungs- und Expeditionstaucher in große Tiefen tauchen zu können. Die sanfte Fangmethode durch Taucher hat einen großen Vorteil: Beim Aufstieg aus über 50 Meter Tiefe müssen die Taucher Pausen einlegen, damit die Gase in ihrem Blut durch den Druckabfall nicht als Bläschen ausperlen – wie beim Öffnen einer Sprudelflasche –, sondern gelöst bleiben. Die Bläschen könnten das Körpergewebe verletzen und Blutgefäße verstopfen.
Diese sogenannten Dekompressionspausen schützen auch die Schwimmblase der gefangenen Rotbarsche. Während der Ruhephasen senkt sich der Innendruck in der Blase, die dadurch vor Platzen geschützt ist. Bei Tauchgängen in 80 Meter Tiefe, wie sie Mays Team dieses Jahr in Norwegens Fjorden durchführten, beträgt die Arbeitszeit am Grund nur etwa 10 bis 15 Minuten, die Aufstiegszeit aber 75 Minuten. Sobald sich die Fische aus der Tiefe an die neuen Druckverhältnisse gewöhnt haben, kommen sie gut damit klar. Umso empfindlicher reagieren sie, wenn Wassertemperatur oder Salzkonzentration nicht stimmen. „Zu DDR-Zeiten hat man das Meerwasser noch in den Ballasttanks der Schiffe aus der Nordsee geholt. Heute mischen wir unser Wasser selbst”, sagt Harald Benke, Direktor des Deutschen Meeresmuseums, zu dem das Ozeaneum gehört.
Selbst das nur schwach salzhaltige Brackwasser für jene Schauaquarien, die die Gewässer direkt um Stralsund simulieren, wird eigenhändig hergestellt – auch wenn man nur eine wenige Hundert Meter lange Leitung in den nahe gelegenen Meeresarm Strelasund legen müsste. Zu groß ist die Gefahr, sich Verschmutzungen oder Krankheitserreger ins Haus zu holen.
Um Meerwasser aus demineralisiertem Wasser und Salzen herzustellen und andere technische Prozesse durchführen zu können, gibt es unter den Aquarien ein Kellergeschoss, in das sogar Laster fahren können. Hubwagen holen die Ladungen, etwa riesige Salzpackungen, ab und bringen sie zu den entsprechenden Stationen. Über diese Unterwelt erfolgt die gesamte Versorgung des Ozeaneums.
Gold und Silber braucht kein Fisch
„In unser Meerwasser kommen alle Salze und chemischen Elemente, die es im Meer gibt – außer Gold und Silber. Die braucht kein Fisch”, erklärt von den Driesch. Nach dem Mischen von Wasser und Salz muss das künstlich hergestellte Meerwasser zunächst mehrere Tage „reifen”. „Bis dahin ist es für die Tiere nur eine giftige Brühe. Bei den Fischen ist der Schaden nicht so offensichtlich, aber bei Seeanemonen und Korallen erkennt man ihn sofort”, sagt von den Driesch.
Manche Tiere haben je nach Jahreszeit unterschiedliche Ansprüche an ihre Umgebung. Geschlechtsreife Heringe etwa ziehen jedes Frühjahr in die Flüsse, um dort zu laichen. Das ist genetisch festgelegt. Der Zug lässt sich nicht durch irgendwelche Tricks verhindern. In den Tieren wachsen die Geschlechtsorgane kräftig an, und die Weibchen bilden große Mengen Laich. In der Natur warten die Heringe an den Flussmündungen, bis das Wasser warm genug geworden ist, und ziehen dann ins Süßwasser. Im Ozeaneum wird dieser Prozess simuliert. Die Tierpfleger erhöhen die Wassertemperatur und senken den Salzgehalt. Die Heringe kommen dadurch in Paarungsstimmung und laichen ab.
Das Ganze macht das Ozeaneum-Team aber nicht, um den Tieren eine wilde Hochzeitsorgie zu ermöglichen. Es geht vor allem um die Gesundheit der Tiere. Wenn die Weibchen Laich gebildet haben, muss dieser anschließend irgendwo hin. Er kann zwar im Körper zurückgebildet werden, aber das funktioniert nicht immer. Die Folge wäre „Laichverhärtung”: Der Leib des Weibchens wird immer praller und härter, und im Inneren beginnen die ungelegten Eier quasi zu verfaulen. Der Bauch des Tiers kann dabei platzen.
Die Zuschauer bekommen von all den Arbeiten im Hintergrund in der Regel nichts mit. Sie schauen gebannt in das blau oder grün schimmernde Wasser und auf das faszinierende Treiben seiner Bewohner. Nur selten stört etwas die Illusion vom natürlichen Leben im Meer – zum Beispiel die Flossen von Kevin Kleemann.
Er steigt gerade in das Helgolandbecken, um Taschenkrebse zu füttern. In voller Tauchermontur sinkt Kleemann neben den Zuschauern hinab auf den Boden. Füße und Taucherflossen bleiben dabei immer nach oben gerichtet. Kleemann beherrscht eine Tauchtechnik, bei der kein Sediment vom Boden aufgewirbelt wird. So bleibt das Becken klar.
Der Taucher füttert die Krebse, weil sie ansonsten vom Futter, das von oben ins Becken gegeben wird, nichts abbekämen: Die Fische schnappen sich alle Happen, bevor sie den Boden erreichen. Wenn die Fütterung die Zuschauer auch aus ihren Meeresträumen reißt – sie ist ausgesprochen spektakulär. •
THOMAS WILLKE (links) ist bdw-Korrespondent in Lübeck. Wenn er nicht gerade schreibt, dreht er Filme oder ist mit seinem Segelboot unterwegs. Die Bilder stammen vom Fotografen-Ehepaar HEIDI und HANS-JÜRGEN KOCH, die mehrfach mit international renommierten Preisen ausgezeichnet wurden.
Text von Thomas Willke, Fotos von Heidi und Hans-Jürgen Koch





