Ob sich eine Maus wie ein Weibchen oder ein Männchen verhält, entscheidet ihre Nase. Das haben amerikanische Forscher bei Mäuseweibchen beobachtet, denen ein bestimmtes Sinnesorgan in der Nasenscheidewand fehlte. Anstatt sich um ihren Nachwuchs zu kümmern, imitierten die Tiere typisch männliches Balzverhalten: Sie schnüffelten an den Hinterteilen ihrer Artgenossen, und manchmal bestiegen sie diese sogar ? unabhängig davon, ob es Weibchen oder Männchen waren. Für die Forscher ist das ein Beleg, dass auch weibliche Mäuse über Gehirnstrukturen verfügen, die für typisch männliches Verhalten zuständig sind.
Bis auf die Menschen und andere Primaten besitzen fast alle Wirbeltiere in ihrer Nase ein sogenanntes Vomeronasales Organ. Es besteht aus Sinneszellen, die dafür zuständig sind, Duftstoffe zu registrieren, sie weiterzuleiten und auf diese Weise beispielsweise das Geschlecht von Artgenossen zu erkennen. Schon früher hatten die Forscher beobachtet, dass Mäusemännchen, bei denen diese Sinneszellen ausgeschaltet waren, sowohl mit weiblichen als auch mit männlichen Käfignachbarn balzten. Sie verhielten sich also genauso wie die Mäuseweibchen in der neuen Studie, denen ebenfalls das Vomeronasale Organ fehlte.
Demnach verfügen sowohl Männchen als auch Weibchen über Gehirnstrukturen, die typisch männliches Verhalten steuern. Bislang gingen Wissenschaftler davon aus, dass sich diese nur bei männlichen Tieren bilden. Dafür machten sie Hormone wie das Testosteron verantwortlich. Die Forscher um Tali Kimchi vermuten nun jedoch, neben den Hormonen auch die Verarbeitung von Duftstoffen das Sexualverhalten von Mäuseweibchen beeinflusst.
Normalerweise unterdrückt das Vomeronasale Organ demnach bei Weibchen die Schaltkreise, die für männliches Verhalten zuständig sind. Kann es bestimmte Duftstoffe aber nicht wie gewohnt weiterleiten, verhält sich das weibliche Tier typisch männlich und kann darüber hinaus nicht unterscheiden, ob sein Partner ein Männchen oder ein Weibchen ist.
Tali Kimchi et al. (Howard Hughes Medical Institute, Harvard-Universität): Nature, Online-Vorabveröffentlichung, DOI: 10.1038/nature06089 ddp/wissenschaft.de ? Larissa Kessner





