Der Boden – die mit organischem Material angereicherte Schicht zwischen Felsuntergrund und Erdoberfläche – beherbergt eine Vielzahl von Organismen und spielt eine wichtige Rolle für die Stoffkreisläufe unseres Planeten. Denn der Boden speichert in Form von Pflanzenresten, tierischen Ausscheidungen und Kadavern und weiterem Relikten große Mengen an organischer Substanz und damit den in ihr enthaltenen Kohlenstoff. Gleichzeitig setzt der mikrobielle Abbau des organischen Materials durch Bodenorganismen reichlich Treibhausgase wie Kohlendioxid und Methan frei. Die Lebenswelt des Bodens ist deshalb bedeutsam für Klima, Atmosphäre und Biosphäre.
Bestandsaufnahme im Organismenreich
Doch wie viele Organismen leben im Boden? Und welchen Anteil haben sie an der irdischen Artenvielfalt? Weil die Bewohner des Bodens bisher nur unvollständig erforscht sind, gibt es dazu wenig verlässliche Daten. Eine frühere Schätzung, die aber nur bodenlebende Tierarten umfasste, kam auf einen Anteil von rund einem Viertel an der irdischen Biodiversität. Dabei blieben allerdings Mikroorganismen, Viren, Pilze und Pflanzen außen vor. “Unsere Arbeit ist nun ein erster, aber wichtiger Versuch abzuschätzen, welcher Anteil der globalen Artenvielfalt im Boden lebt”, erklärt Erstautor Mark Anthony von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL.
Für ihre Studie sammelten Anthony und seine Kollegen zunächst Informationen zur Gesamtartenzahl der großen Organismengruppen – vom kleinsten Bakterium bis zum Baum oder Säugetier. Dabei bezogen sie bewusst auch Hochrechnungen und Schätzwerte mit ein. “Wenn wir nur die bekannten Arten aller Gruppen miteinbeziehen würden, dann würde uns die große Mehrheit der kleinen und verborgenen Lebensformen – beispielsweise bei den Arthropoden, Nematoden, Pilzen, Protisten, Bakterien, Archaeen oder Viren – entgehen”, erklären die Wissenschaftler. Ausgehend von diesen Informationen ermittelten sie anhand der bekannten Lebensweisen für jede Großgruppe den ungefähren Anteil der im oder auf dem Boden lebenden Spezies. Dabei zählten sie auch die Arten dazu, die nur einen Teil ihres Lebenszyklus im Boden verbringen.
Artenreicher als jeder andere Lebensraum
Die Auswertung ergab, dass im Mittel mehr als zehn Milliarden Spezies entweder ganz oder teilweise im Boden leben – Viren nicht mit eingerechnet. Setzt man dies ins Verhältnis zur möglichen Gesamtartenzahl auf der Erde, entspricht dies rund 58,5 Prozent aller Spezies. Damit könnte die Artenvielfalt im Boden höher sein als in jedem anderen Lebensraum unseres Planeten. “Unsere Resultate demonstrieren, dass der Boden das artenreichste Habitat der Erde ist”, konstatieren Anthony und seine Kollegen. Doch selbst die neuen Werte könnten noch zu niedrig sein: “Tatsächlich sind unsere Werte wahrscheinlich sogar eher eine Unterschätzung für viele Gruppen, weil die überirdische Lebenswelt bisher weit besser untersucht ist als die im Boden”, so das Team.





