Wo Menschen sind, ist auch er nicht weit: Der Haussperling (Passer domesticus domesticus) beobachtet uns vom Gartenzaun aus, brütet in den Nischen unter unseren Dächern und pickt fleißig unsere fallengelassenen Krümel vom Boden auf. Als sogenannter Kulturfolger ist er perfekt an das Leben in unmittelbarer Nähe des Menschen angepasst. Seine ursprüngliche Heimat sind menschliche Siedlungen in West- und Zentraleuropa. Weil er uns mitunter sogar auf unseren Reisen begleitet, kommt der Spatz inzwischen jedoch auch im südlichen Afrika, in Australien, Neuseeland und Amerika vor. Der kleine Singvogel ist uns so vertraut wie wohl kein zweiter – und doch wissen wir erstaunlich wenig über seine Geschichte. Wo liegen seine evolutionären Wurzeln? Wann kam er nach Europa? Und wann entdeckte er das Zusammenleben mit dem Menschen für sich?
Um mehr über diese Hintergründe zu erfahren, haben Mark Ravinet von der Universität Oslo und seine Kollegen nun einen Blick in das Genom des Haussperlings geworfen. Sie verglichen das Erbgut “unseres” Spatzen mit dem von eng verwandten Arten. Neben dem Weidensperling und dem Italiensperling nahmen die Wissenschaftler dabei auch Passer domesticus bactrianus unter die Lupe. Diese vor allem im Iran und in Kasachstan verbreitete Spezies gilt als Unterart des in Europa heimischen Haussperlings, zeigt jedoch ein deutlich anderes Verhalten. So ist sie im Umgang mit Menschen schüchterner und mitten in Dörfern oder Städten so gut wie gar nicht anzutreffen. Zudem zieht sie im Winter in den Süden, anstatt wie unser Spatz vor Ort zu bleiben.
Eine neue ökologische Nische
Der Genvergleich lieferte eine Erklärung für diese frappierenden Unterschiede. Demnach trennten sich die Abstammungslinien dieser beiden Unterarten bereits vor rund 11.000 Jahren. Die heute bei uns verbreitete Unterart Passer domesticus domesticus breitete sich in der Folge bis nach Europa aus, wo sich die Vögel im Laufe der Zeit immer mehr an ein Leben in der Nähe des Menschen anpassten. Interessanterweise fiel diese Entwicklung mit einer prägenden Phase der Menschheitsgeschichte zusammen, wie die Forscher berichten: der neolithischen Revolution. Vormalige Jäger und Sammler begannen damals Landwirtschaft zu betreiben, Vorräte anzulegen und sesshaft zu werden. Genau dadurch entstand eine neue ökologische Nische, die der Spatz zu besetzen wusste.
In der Nachbarschaft menschlicher Siedlungen mit ihren Äckern und gut gefüllten Kornkammern fanden die Singvögel optimale Bedingungen vor. Nach und nach hinterließ dieser neue Lebensraum auch Spuren in ihrem Erbgut. Vor allem in zwei Positionen unterscheidet sich das Genom des europäischen Haussperlings deutlich von dem seines Verwandten aus Asien: In den Genen COL11A und AMY2A auf Chromosom 8 stellten Ravinet und seine Kollegen mutmaßliche Auswirkungen der natürlichen Selektion fest. Demnach sorgen Mutationen im COL11A-Gen dafür, dass unsere Spatzen einen robusteren Schädel und einen größeren Schnabel haben – womöglich eine Anpassung an neue Ernährungsweisen.





