Der Mensch vernichtet momentan so viele Säugetierarten, dass der bewährte Kompensationsmechanismus der Natur – die Evolution – nicht mithalten kann, berichten Forscher. Wenn Naturschutzbemühungen nicht greifen, werden ihren Berechnungen zufolge allein in den nächsten 50 Jahren so viele Säugetierspezies aussterben, dass die Natur drei bis fünf Millionen Jahre brauchen wird, um sich zu erholen.
Die evolutionäre Entwicklung der Biodiversität auf unserer Erde lässt sich am besten durch das Bild eines wachsenden Baumes begreifen: Im Laufe der Evolution sind aus bestehenden Arten immer neue hervorgegangen – dieser Effekt repräsentiert die Verzweigungen im Baum des Lebens. Aus manchen Gabelungen haben sich in den Jahrmillionen große Äste mit vielen weiteren Verästelungen entwickelt. Einen solchen Hauptast des Lebensbaums repräsentiert auch die Gruppe der Säugetiere. Er besteht aus vielen Unterästen und feinen Verästelungen, die zu den Spezies führen. Und noch immer entwickelt sich der Ast weiter – die Evolution ist ein stets fortlaufender Prozess.
Der Baum des Lebens wurde allerdings auch immer wieder gestutzt – manchmal kräftig: In den vergangenen 450 Millionen Jahren hat es fünf große Umwälzungsprozesse gegeben, welche die Umwelt auf unserem Planeten so dramatisch änderten, dass ein Großteil der Arten ausgestorben sind – ihre evolutionären Äste wurden gleichsam abgeschnitten. Wie bei einem gestutzten Baum kam es dann allerdings zu einem Nachwachsen: Nach jedem Massensterben hat die Evolution die Lücken langsam wieder mit neuen Tiergruppen und Arten aufgefüllt.
Der Mensch schneidet und sägt am Baum des Lebens
Diesen Prozess haben nun Forscher um Matt Davis von der Universität Aarhus im Fall des sechsten Massensterbens untersucht, das momentan voll im Gange ist. Im Gegensatz zu den bisherigen Aussterbewellen der Erdgeschichte wird es nicht durch Naturkatastrophen verursacht, sondern durch die Machenschaften eines Lebewesens – des Menschen. Als sich unsere Spezies über den Planeten ausbreitete, begannen bereits ungewöhnlich viele Arten auszusterben – ein Prozess der sich zunehmend verschärfte und aktuell ein enormes Ausmaß erreicht hat. Neben der Bejagung machen nun Lebensraumverlust und der Klimawandel vielen Arten den Garaus.
Im Rahmen ihrer Studie konzentrierten sich die Forscher nun auf die Stutzungen an unserem eigenen Ast des Lebensbaumes – die Verluste bei den Säugetieren. Ihre Ergebnisse beruhen auf umfassenden Datenanalysen über die evolutionären Beziehungen und Merkmale existierender und ausgestorbener Säugetiere. Sie entwickelten zudem evolutionäre Simulationen, aus denen hervorgeht, welchem Verlust an evolutionärer Entwicklungszeit vergangene und mögliche zukünftige Aussterbefälle entsprechen. Letztlich konnten sie so auch einschätzen, wie lange eine Erholung durch den Kompensationsmechanismus der Evolution dauern würde. Auf das Bild des Baumes übertagen, bedeutet das: Die Forscher konnten kalkulieren, wie lange der Ast der Säugetiere brauchen würde, um sein Entwicklungsniveau vor dem Stutzen durch den Menschen erneut zu erreichen.





