Das war das Milieu, das den jungen Carlowitz prägte. Vermutlich wusste er über alle praktischen Aspekte beim Umgang mit Holz Bescheid: wie man Bäume pflanzt und sie fällt, wie man Holzstämme flößt und wie man einen Holzkohlemeiler auf 1000 Grad Temperatur bringt. Und er kannte von Kindesbeinen an das Gespenst, das damals in deutschen Landen und in ganz Europa umging: die Holznot. Lang anhaltender Raubbau an den Wäldern hatte die Reserven des wichtigsten Energieträgers auf ein Minimum schrumpfen lassen. Die Aussichten waren düster.
Im Alter von 20 Jahren brach Carlowitz zu einer ausgedehnten, fast fünf Jahre dauernden Studienreise durch Europa auf. Er sah, dass der Holzmangel überall ein akutes Problem geworden war. Binnen wenig Jahren ist in Europa mehr Holtz abgetrieben worden, schrieb er, als in etzlichen seculis erwachsen. Das Ende dieser Entwicklung sei leicht abzusehen. Schon Melanchthon habe ein Zorn-Gericht des großen Gottes prophezeit, daß nehmlich am Ende der Welt man an Holtze große Noth leiden werde.
Die Bilanz seiner Studien und seiner Lebenserfahrung veröffentlichte Carlowitz, der seit 1711 den einflussreichen Posten des Oberberghauptmanns innehatte, nachdem er bereits 34 Jahre lang Stellvertreter gewesen war, im Jahr 1713 in einem dicken Buch: „Sylvicultura oeconomica – Anweisung zur Wilden Baum-Zucht”. Darin sagt er voraus, dass der einreissende Grosse Holtz-Mangel das Land in den Ruin treiben werde. Und er fordert die nachhaltende Nutzung der Wälder, weil sonst das Land in seinem Esse – in seinem Sein also – bedroht sei.
Der Vorgang entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie. Ein hoher Beamter des wegen seiner notorischen Verschwendungssucht berüchtigten August des Starken argumentiert im Interesse des gemeinen Wesens, also der Allgemeinheit, und der lieben Posterität, also der kommenden Generationen – und kritisiert das auf kurzfristigen finanziellen Gewinn, auf Geld lösen, ausgerichtete Denken seiner Zeit.
Weil es eine unentbehrliche Sache ist
In einer barocken und für unsere Ohren etwas schwülstigen Sprache, in Wahrheit aber mit erstaunlicher Kühnheit und Klarheit, entfaltet Carlowitz die Beziehung zwischen Ökonomie und Ökologie. Nicht der Markt und die Nachfrage dürften den Verbrauch bestimmen, sondern wieder wachsen, das Nachwachsen des jungen Holzes. Die Consumtion des Holtzes müsse sich im Rahmen dessen bewegen, was der Wald-Raum / zu zeugen und zu tragen vermag. Dass man das Holz, das so wichtig sei wie das tägliche Brot, mit Behutsamkeit nutze, sodaß eine Gleichheit zwischen An- und Zuwachs und dem Abtrieb des Holtzes erfolget und die Nutzung immerwährend, continuirlich und perpetuirlich stattfinden könne.




