„Amphibien fressen nur, was lebt“, sagt der Biologe Dennis Wiegard. Er trägt einen Karton mit Heimchen zum Becken mit den jungen Gelbbauchunken und wirft ein paar Handvoll der Insekten durch die groben Maschen. Das Gitter ist nötig, damit sich keine Vögel wie zum Beispiel Störche in der Amphibienzuchtstation wie an einem Buffet bedienen – Kröten und Co. haben es in freier Wildbahn schwer genug, da müssen sie nicht schon hier gefressen werden.
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Text: Oliver Abraham
„Amphibien fressen nur, was lebt“, sagt der Biologe Dennis Wiegard. Er trägt einen Karton mit Heimchen zum Becken mit den jungen Gelbbauchunken und wirft ein paar Handvoll der Insekten durch die groben Maschen. Das Gitter ist nötig, damit sich keine Vögel wie zum Beispiel Störche in der Amphibienzuchtstation wie an einem Buffet bedienen – Kröten und Co. haben es in freier Wildbahn schwer genug, da müssen sie nicht schon hier gefressen werden.
Die jungen Gelbbauchunken im Becken sehen von oben betrachtet dunkelgrün-oliv aus, charakteristisch ist ihre gelbe Färbung am Bauch. „In NRW stehen Gelbbauchunken auf der Roten Liste und sind mit Eins S klassifiziert, das heißt, sie sind auf Schutzmaßnahmen angewiesen, damit die Art nicht ausstirbt“, sagt Dennis Wiegard. In freier Wildbahn gibt es kaum mehr stabile und sich selbst reproduzierende Populationen. Daher sind die Unken jetzt auf menschliche Hilfe angewiesen – und darauf, dass ihnen ihre Lebensräume zurückgegeben werden.
Diese sind in den durchstrukturierten und für menschliche Zwecke optimierten Landschaften in den letzten Jahrzehnten immer weniger geworden. Bäche und Flüsse sind heute meist begradigt und oft ohne freies Ufer. Habitate für Amphibien – Fehlanzeige. Doch im Kreis Höxter gibt es eine Chance. Mit rund fünf Millionen Euro hat das Landesumweltministerium im Februar 2026 erneut Fördermittel für Renaturierungsmaßnahmen bewilligt, ein Teil des Geldes kommt von der EU.
Lange Zeit glaubte man, Steinzeitmenschen hätten die Mammuts bereits vor mehr als 11.000 Jahren ausgerottet. Doch so einfach ist die Geschichte wohl nicht.
Landschaftsschutz und Amphibienschutz können damit optimal zusammenwirken, betont Frank Grawe, wissenschaftlicher Leiter der Landschaftsstation.
Die Renaturierung umfasst verschiedene Maßnahmen: Ufer verflachen, Auwälder schaffen, Kleingewässer anlegen, Feuchtgebiete reaktivieren. Für die Amphibien sind dabei vor allem Kleingewässer wie temporäre Tümpel und Bäche wichtig. Denn wo sie in den letzten Jahren verschwunden sind, verschwanden auch die Amphibien.
Wertvolle Relikt-Biotope werden heute eher zufällig noch gefunden. Etwa vor einiger Zeit ein Teich, in dem Geburtshelferkröten leben. Ein Mitarbeiter der Station hatte sein Taschenmesser verloren und es abends im Wald gesucht – dabei hörte er in der Dämmerung plötzlich dieses typische, glockenähnliche Klingeln, das die Geburtshelferkröten von sich geben. Ein Anruf beim Forstamt, und bald war das Biotop umzäunt und geschützt. Die Zusammenarbeit mit der Forstverwaltung und auch mit Landwirten funktioniere gut, sagt Frank Grawe, das Verständnis sei da. Zudem sei der Nutzungsdruck in dieser ländlich geprägten Region nicht ganz so hoch wie in anderen Landesteilen.
Und er ist sich sicher, dass es in dem 1.200 Quadratkilometer großen Kreis mit seinen weitläufigen Wäldern und verstreut liegenden Feuchtgebieten noch mehr solcher Relikt-Biotope gibt. Die Tiere dort aus ihrem Schattendasein herauszuholen, ist ein Ziel der Amphibienstation in Modexen, genauso wie die Populationen an anderen Standorten zu stärken oder neu aufzubauen.
Vermehrt und gezüchtet werden vorrangig die stark gefährdeten Arten Kreuzkröte, Geburtshelferkröte und Gelbbauchunke. Im Mai 2026 wurden von der NRW-Stiftung zudem 120.000 Euro für ein Laubfrosch-Zuchtprogramm bereitgestellt.
In der Aufzuchtstation
Jeder Schritt auf das Gelände der Tongrube beginnt mit Desinfektion. Die Schuhsohlen werden mit Alkohol abgesprüht. Auch im Laufe des Tages, wenn Dennis Wiegard in der Station immer wieder zwischen Schuhen, Gummistiefeln und barfuß wechselt, wird jeweils desinfiziert. Schläuche oder Einweghandschuhe werden ebenfalls wieder und wieder gewechselt – denn es gibt eine ansteckende Krankheit, die die ganze Arbeit zunichte machen kann. Auch die Tiere, die in die Station kommen, unterliegen strengen Kontrollen. Bei Entnahmen aus der freien Natur werden Gruppen-PCR-Tests durchgeführt und alle Tiere bleiben zuerst in Quarantäne.
In der Station wird mit Wildtieren gezüchtet, um einen möglichst großen Teil des Genpools der Wildpopulation einzubeziehen. Dabei werden die Zuchttiere regelmäßig ausgewechselt, die alten Tiere werden in ihr Ursprungsgebiet zurückgebracht. Die Jungtiere werden ebenfalls an die Ursprungsorte ihrer Eltern gebracht, um dort die Populationen zu stärken, aber auch in neue beziehungsweise ehemals besiedelte Gebiete, die sich als Habitate eignen.
„Ob das hierfunktioniert, sehen wir frühestens im kommenden Jahr“, meint Wiegard. Für all das Praktische, was die Mitarbeiter in der Station tun, gibt es wenig Erfahrungswerte, es ist ein Ausprobieren und ein Austausch mit anderen Projekten. Man werde sehen, ob es klappt, ob die Unken und Kröten – einige Hundert wurden schon ausgesetzt – sich vermehren. In 80 Naturschutzgebieten gibt es derzeit Habitate, und es werden im Laufe der kommenden Jahre noch mehr werden, die für bedrohte Amphibien passen. Dafür wird gezüchtet.
Vier Becken und ein größeres Gehege der Zuchtstation befinden sich unter freiem Himmel. In einem Holzgebäude gibt es weitere kleine Becken mit Filter- und Umwälzanlagen, dazu einen Kühlschrank und Wärmelampen. In einer Plastikwanne schwimmen mehrere Hundert Kaulquappen der Kreuzkröte. „Sie sind drei Wochen alt und stammen von unseren Zuchttieren, die draußen im Becken leben und dort laichen“, erklärt Dennis Wiegard. Nachdem er die Schläuche und seine Hände desinfiziert hat, wechselt er das Wasser in der Wanne. Jeden zweiten Tag kontrolliert er die Zucht.
Auf einer Herdplatte verkocht Löwenzahn zu einem Brei, „Amphibien im Stadium der Kaulquappe ernähren sich vegetarisch“, berichtet der Biologe, „wenn sie aber an Land kriechen, müssen sie etwas Lebendes fressen.“ So wie die Gelbbauchunken, die in einem kleinen Terrarium im Gebäude leben, sie haben schon alle vier Beinchen und den Schritt vom Wasser ans Land gerade hinter sich – Wiegard gibt ihnen kleine Fruchtfliegen, „… das Futter ist immer so groß, wie es ins Maul passt. Die müssen jetzt üben, wie man frisst.“
Drinnen wachsen die Kleinen heran, draußen leben die Großen und werden an die natürlichen Bedingungen gewöhnt. „Dies hier ist ein typisches Unken-Gewässer“, sagt Dennis Wiegard und zeigt auf ein angelegtes Außenbecken von zwei mal vier Metern. „Das maximal knietiefe Wasser erwärmt sich rasch, die Unken haben Verstecke unter Stock und Stein und können sich tief im Sand vergraben. Unken sind zwar wechselwarm, brauchen aber frostfreie Zonen. Wir haben unsere kleinen Unken hier einen Winter draußen überwintern lassen, sie haben es gut gemeistert.“ Für einen Teil der Brut, der noch schwächer war, haben die Biologen – mit einem Unterschlupf aus Moos und Kies – den Winter im Kühlschrank simuliert. Auch die haben das gut überstanden.
Das Leben in Freiheit
Gewässer in freier Wildbahn als Lebensraum für Amphibien müssen dynamisch sein, etwa mit unterschiedlichen Wasserständen: Für die Eiablage und während des zwei, drei Monate dauernden Stadiums als Kaulquappe sind sie auf ein Gewässer angewiesen. Während dieser Zeit haben Kröte & Co. den Tümpel in der Regel für sich, weil Fressfeinde wie Fische oder Insektenlarven ihn noch nicht besiedelt haben. Dann brauchen sie den Tümpel nicht mehr. Erwachsene Kröten suchen sich tagsüber kühle, feuchte Verstecke, etwa unter Steinen oder Totholz, oder graben sich im Boden ein. In der Dämmerung kommen sie aus ihren Verstecken hervor und suchen nach Nahrung wie Insekten und Schnecken.
Die Mitarbeiter der Aufzuchtstation kennen günstige Habitate, in die sie die Tiere bringen. Für eine Handvoll der Gelbbauchunken ist es heute soweit, und ein Entlassungstag ist immer mit Aufregung verbunden.
Zunächst müssen Wiegard und Grawe die Unken aus dem Becken keschern. Einfach ist das nicht, und das ist gut so – die Tiere fliehen und verhalten sich damit natürlich. 150 junge Gelbbauchunken leben im Becken, für 20 von ihnen geht es heute in die Freiheit. „Da! Die! Die fangen schon an zu rufen und sich zu umklammern“, sagt Dennis Wiegard und versucht einige in Richtung Frank Grawe zu scheuchen, der sich mit dem Kescher über die Brüstung beugt, „die sind schon in Stimmung und versuchen zu balzen. Die können vielleicht direkt für Nachwuchs sorgen, sie sollten dringend raus.“ Nach ein paar Versuchen sind alle gewünschten Tiere im Netz und auf dem Weg ins neue Leben. Dieses beginnt auf einer nur dünn mit Gräsern, auch mit Kamille oder Kuckuckslichtnelke, bewachsenen Fläche. Dort befinden sich flache Tümpel. Es ist eine Pionierzone, die sich ständig verändert und genau richtig für die Kröten ist. Ob es für die Tiere dort gut ausgehen wird, wird sich zeigen – die Feinde sind vielfältig und die Gefahren sind selbst im idealen Habitat groß.
Amphibien fressen sich auch gegenseitig, manche Großen manche Kleinen. Von oben droht Gefahr durch Vögel, an Land werden sie von Igeln, Mardern oder Füchsen gejagt, auch von Reptilien wie Ringelnattern. Einige Tümpel sind von den Naturschützern mit einem Verhau aus Baustahlmatten oder Ähnlichem geschützt. „Da passt der Waschbär nicht durch, und sie sind so hoch, dass er auch nicht ins Wasser greifen kann.“ Wenn die Biologen im Uferschlamm die Pfotenabdrücke von Waschbären entdecken, sind sie besonders wachsam. „Waschbären sind ein großes Problem für die einheimische Tierwelt, auch für Amphibien. Sie packen sie, häuten sie und fressen die Schenkel. Ich habe hier schon gestapelte Leichen von Erdkröten und Grasfröschen gefunden“, sagt Dennis Wiegard, „in unserer Station lebt eine Kröte, der hat ein Waschbär ein Bein abgerissen.“
Die Unken hüpfen nur zögerlich aus der Transportbox ins trübe Wasser, doch dann hat es auch der Letzte geschafft. Augenblicke später sitzen sie auf dem festen Uferschlamm. „Kuck mal, die hat was im Maul, die hat schon ein Insekt gefangen“, ruft Grawe. Ein gelungener Start. //
Die Nieheimer Tongruben lagen nach Aufgabe des Abbaus einige Jahrzehnte brach, und die Ufer der Teiche wuchsen völlig zu – ungeeignet für Amphibien, die es offen brauchen. Seit ein paar Jahren fressen zwei Esel die Fläche frei. Seitdem ist der Grasfrosch wieder da, er kam auf natürlichem Wege zurück. Aber auch Kröten und Co. haben hier gute Bedingungen. Das Gebiet ist zwar nicht an einen Bach angebunden, aber mit neun Hektar Fläche, einigen gut strukturierten Teichen und vielen temporären Tümpeln ideal. Zudem funktionieren manchmal auch lediglich wassergefüllte Reifenspuren oder sogar nur Hufabdrücke der Esel als Mini-Biotop.
Kröten, Unken und Frösche
Kröten, Unken und Frösche gehören alle zur Untergruppe der Froschlurche (Anura). Sie durchlaufen die Metamorphose vom Kaulquappen-Stadium zum Landlebewesen.
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