Ein heißes Klima, Meere und Sümpfe prägten die Lebensräume Mitteleuropas während des Erdmittelalters.
Die Erde war wüst und leer. Die größte Katastrophe der Erdgeschichte hatte vor 251 Millionen Jahren fast das gesamte Leben auf der Erde vernichtet. Weit über 90 Prozent aller im Meer lebenden Arten und etwa 80 Prozent der Landarten starben aus. Wahrscheinlich hatten gewaltige Vulkanausbrüche das Klima extrem verändert. Die Durchschnittstemperatur war um sechs Grad gestiegen, der Sauerstoffgehalt der Luft auf weniger als die Hälfte gesunken. Giftiger Schwefelwasserstoff perlte aus den Meeren. Vermutlich erstickte ein Großteil aller Lebewesen.
Doch als die Temperaturen allmählich wieder sanken, kehrte das Leben nach und nach zurück und eroberte die Wüstengebiete Ur-Deutschlands. Bislang unbedeutende Lebensformen nutzten ihre Chance und besiedelten die freien Landschaften. Riesenlurche – Verwandte unserer heutigen Frösche – beherrschten die Sümpfe und Flüsse, Saurier eroberten zunehmend Erde, Meer und Luft. Ihre größten Konkurrenten in vielen Ökosystemen waren die Therapsiden, bis zu wolfsgroße Ahnen der heutigen Säugetiere.
Forscher haben in den letzten Jahren nicht nur bei Grabungen viele neue Details entdeckt, sondern auch Tiere, Nahrungsketten und Biotope rekonstruiert. Jetzt hat das Naturkunde- und Forschungsmuseum in Stuttgart anhand der neuen Erkenntnisse die Ökosysteme in publikumswirksamer und doch wissenschaftlich korrekter Weise dargestellt. Fest steht: Die Tiere und Pflanzen der Urzeit waren keine schlichten Geschöpfe. „Sogar manche Forscher glauben, dass heute das Leben seine Blüte erreicht hat und alle vorherigen Organismen nur einfache Vorformen gewesen sind. Aber das stimmt nicht”, sagt Rainer Schoch, Geologe und Paläontologe am Naturkundemuseum Stuttgart. „Natürlich waren die Organismen am Anfang des Lebens primitiv, und bei den Aussterbe-Ereignissen brach die Artenvielfalt zusammen. Aber schon bald danach war alles so komplex wie heute – nur anders.”
Im Gebiet des heutigen Deutschlands begann vor 250 Millionen Jahren eine abwechslungsreiche Zeit. Es lag auf dem Riesenkontinent Pangäa, in dem alle heutigen Kontinente einschließlich Australien und Antarktis vereinigt waren. Pangäa hatte etwa die Form eines C und umschloss das urzeitliche Tethys-Meer. Dieses Ur-Meer ragte mit einer Bucht fast bis zum Gebiet des heutigen Elsass. Der nahe Kontakt zum Meer bestimmte das Schicksal Ur-Deutschlands, denn die See brach immer wieder durch und überflutete die Region, versalzte das Land oder verwandelte es in Rifflandschaften mit Meereskrokodilen und Ichthyosauriern.
Den Untergrund der Schweiz und von Österreich gab es im Erdmittelalter noch nicht. Südlich von Ur-Deutschland lag zwar ein Gebirge – das Vindelizische Gebirge –, aber es hatte nichts mit den heutigen Alpen zu tun. Die Vindelizischen Berge wurden im Laufe der Jahrmillionen immer weiter abgetragen, bis sie verschwanden. Die Alpen entstanden sehr viel später – vor ungefähr 35 Millionen Jahren –, als der afrikanische Kontinent gegen Süddeutschland stieß und sich durch die Wucht des Aufpralls Teile Nordafrikas zu einem Gebirge auffalteten und an Europa hängen blieben, als Afrika wieder nach Süden driftete.
Vor 250 bis 150 Millionen Jahren war es sehr viel wärmer als heute. An den Polen herrschte ein gemäßigtes Klima ähnlich wie heute in Mitteleuropa. Rund um das Tethys-Meer waren die Temperaturen tropisch. Im Großen und Ganzen blieb das so in den nächsten 110 Millionen Jahren und prägte die Entwicklung der Lebewesen und Biotope.
Die urzeitlichen Dinosaurier hat VOLKER STEGER für bdw fotografiert. Er war mit seiner Kamera auf Pirsch in der Ausstellung „Saurier – Erfolgsmodelle der Evolution” des Stuttgarter Naturkundemuseums. Die Texte stammen von bdw-Redakteur THOMAS WILLKE.
Vor 250 Millionen Jahren
Riesige Wälder hatten Mitteleuropa vor der Katastrophe überwuchert. Die Steinkohlevorkommen im Ruhrgebiet sind ihre fossilen Überbleibsel und zeigen, wie mächtig der Pflanzenwuchs gewesen sein muss. Doch das große Artensterben vor 251 Millionen Jahren hinterließ nur leblose Wüste. In den folgenden Jahrhunderttausenden sanken die Temperaturen wieder, und aus dem Norden drangen erneut Flüsse nach Ur-Deutschland vor. Mit ihnen kamen die ersten Pionierpflanzen. Allen voran eroberte der Bärlapp Pleuromeia eroberte die Ödnis und bereitete den Boden für Farne und Nadelbäume. Trotzdem: Der Buntsandstein, wie die Geologen diesen Zeitraum nach der damals entstandenen Gesteinsschicht nennen, war eine karge und raue Zeit. Gut überleben konnte nur, wer an den schmalen Grünstreifen entlang der wenigen Flüsse und Seen siedelte. Draußen in der Halbwüste hatten bloß Tiere und Pflanzen eine Chance, die sehr gut an das trockene Klima angepasst waren. Hier lebten das drachenartige Scheinkrokodil Arizonasaurus, ein Verwandter der heutigen Krokodile, und das urtümliche Parareptil Sclerosaurus.
• Klima: ähnlich wie heute im Sahel
Vor 243 Millionen Jahren
Weltweit stieg der Meeresspiegel. Das war für Mitteleuropa eine gefährliche Situation, denn zur gleichen Zeit senkte sich die Erdkruste in Südosteuropa. Schließlich brach das Tethys-Meer in der Höhe von Böhmen durch und überflutete Deutschland bis weit hinein in das Becken der heutigen Nordsee. Es dauerte jedoch einige Millionen Jahre, bis sich daraus der Golf von Mitteleuropa bildete, denn am Anfang riss der Wasserzufluss immer wieder ab, und das Meer trocknete aus. Zurück blieben jedes Mal große Salzpfannen. Ihre Reste findet man noch heute, zum Beispiel in den Salzstöcken im Norden Baden-Württembergs. Für viele Tiere und Pflanzen war dieser ständige Wechsel tödlich. Nur wenige Arten überlebten. Doch ab 239 Millionen Jahre vor unserer Zeit stabilisierte sich die Lage: Nun überflutete das Tethys-Meer auch die Landbarriere im heutigen Burgund, und Deutschland wurde von einem flachen Randmeer bedeckt, ähnlich wie heute der Persische Golf. Gehäuse bildende Tiere wie Seelilien, Muscheln und Armfüßer formten gewaltige Riffe. Sie boten Nahrung für Haie und Knochenfische, die sich auf die schwer zu knackendenden Schalentiere spezialisiert hatten. Die eindrucksvollsten Tiere dieser Zeit waren die Meeressaurier. Von ihnen gab es ganz unterschiedliche Spezialisten für jede ökologische Nische: darunter die Muschel knackenden Pflasterzahnechsen, die schnellen, Delfin ähnlichen Ichthyosaurier und die wendigen Nothosaurier.
• Klima: ähnlich wie heute am Persischen Golf
Vor 235 Millionen Jahren
Das Ökosystem des Mitteleuropäischen Golfs brach wieder zusammen: Das Meer zog sich zurück. In Thüringen und Süddeutschland blieben riesige Brackwassersümpfe zurück. Insgesamt ähnelte die Lebenssituation der im heutigen Irak. Im Norden waren Wüsten, durch die sich ein paar Flüsse nach Süden schlängelten und dort – wie heute Euphrat und Tigris – ein reich bewachsenes Delta bildeten. Hier gediehen mehrere Meter hohe, armdicke Schachtelhalme. Es war die Blütezeit der Amphibien. Große Raubtiere, Verwandte unserer heutigen Frösche, standen an der Spitze der Nahrungskette. Unter Wasser lauerten fünf Meter lange Raublurche mit dem irreführenden Namen Mastodonsaurus (siehe „Was ist denn nun ein Saurier?” auf Seite 36). Ihr Maul war mit über 500 Zähnen gespickt, darunter ein halbes Dutzend Reißzähne, die auch harte Schädel von großen Beutetieren durchstoßen konnten, wie Fossilienfunde belegen.
• Klima: ähnlich wie Heute im Irak
Vor 212 Millionen Jahren
Das Meer zog sich immer weiter zurück und konnte schließlich die Landbarrieren im Süden nicht mehr überwinden. Den großen Flüssen fehlte damit der Zugang zum Ozean. Die Folge: Die Sümpfe und Deltas trockneten aus oder wurden zu großen abflusslosen Binnenseen, ähnlich wie heute der Aralsee. Um sie herum bildeten sich steppenähnliche Landschaften. „Steppen” im heutigen Sinn waren das allerdings nicht, da die für diesen Lebensraum typischen Pflanzen noch nicht existierten. Vor allem gab es keinerlei Gräser, den Boden bedeckten vielmehr Farne und Nacktsamer. Vereinzelt standen Nadelbäume, Ginkgo-Verwandte und Araucarien in der offenen und leicht hügeligen Landschaft. In der Tierwelt kam es zu einem Machtwechsel: Aus Südamerika wanderte eine neue Tiergruppe ein – die Dinosaurier. Sie entwickelten sich zur erfolgreichsten Tiergruppe der folgenden 150 Millionen Jahre. Markante Vertreter der Dinosaurier in Deutschland waren vor über 200 Millionen Jahren so unterschiedliche Tiere wie der etwa büffelgroße Plateosaurier („schwäbischer Lindwurm”), ein vierbeiniger langhalsiger Pflanzenfresser, und der über zwei Meter große Liliensternus, ein zweibeiniger gefiederter Raubsaurier.
• Klima: ähnlich wie Heute in Zentralasien
Vor 183 Millionen Jahren
Der Riesenkontinent Pangäa zerfiel – Eurasien und Afrika trennten sich von Amerika. Zwischen Grönland und Skandinavien entstand dadurch ein Meer – der Atlantik – und überflutete Deutschland von Norden her. Im Süden durchbrach das Tethys-Meer erneut die Landbarrieren. Mitteleuropa wurde wieder zu einem flachen Ozean, aus dem nur wenige Inseln herausragten. Auf ihnen sorgte ein tropisches Klima für üppigen Pflanzenwuchs. Es war jetzt viel feuchter als in den vergangenen Jahrmillionen. Das neu entstandene Meer war allerdings ein tückischer Lebensraum: Die Tiere durften nicht zu tief in ihm tauchen. Denn ähnlich wie heute im Schwarzen Meer durchmischte sich das Wasser wohl nicht bis zum Grund. Die Folge: Am Boden fehlte Sauerstoff. Tote Tiere und Pflanzen verwesten nicht vollständig in der schwefeligen Todeszone. Für Paläontologen ist das ein Glücksfall: Was damals in den giftigen Schlamm fiel, blieb bis heute im Ölschiefer erhalten. Im freien Wasser und an den Riffen blühte dagegen das Leben: Ammoniten (Kopffüßer mit schneckenartigen Kalkschalen), mit den Tintenfischen verwandte Belemniten, Muscheln, Medusenhäupter, Fische, Paddelechsen, Meereskrokodile und – bis zu zehn Meter lange – Ichthyosaurier. An den Küsten dieses Meeres – im heutigen Grönland und Russland – begann die Blütezeit der Dinosaurier.
• Klima: ähnlich wie heute in der Karibik
COMMUNITY Ausstellung
Auf eine spannende Expedition in Deutschlands Urzeit nimmt das Staatliche Museum für Naturkunde in Stuttgart seine Besucher mit. Vom 31. März bis zum 30. September 2007 zeigt es die große Landesausstellung Baden-Württemberg 2007: „Saurier – Erfolgs- modelle der Evolution”
Das Museum präsentiert nicht nur seine spektakulären Fossilienfunde, sondern hat die Lebensräume in Ur-Deutschland und etliche Dinosaurier auch nach den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen rekonstruiert und effektvoll in Szene gesetzt. Bemerkenswert: Das Stuttgarter Museum ist nicht nur Ausstellungshalle, sondern auch Forschungsstätte. Vor allem bei der Rekonstruktion der Keuper- und Buntsandstein-Zeit konnte man dort auf eigene neue Untersuchungen zurückgreifen. Die Museumsforscher führen auch vor, wie sie mit Fossilien arbeiten. Kinder können sogar selbst zu Ausgräbern werden.
Adresse:
Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart
Museum am Löwentor
Rosenstein 1
70191 Stuttgart
Öffnungszeiten:
Di – Fr: 9.00 – 18.00
Mi: 9.00 – 20.00 Uhr
Sa, So und Feiertags: 10.00 – 19.00 Uhr
Mo: Geschlossen
Öffentliche Führungen für
Erwachsene:
Mi: 15.45 und 18.45 Uhr
So: 13.15 Uhr
Führungen für Familien: So: 11.45 und 15.15 Uhr
Gruppenführungen kann man anmelden unter:
Tel: 0711/ 8936 134
LESEN
Aktuell und gut verständlich:
Rainer Schoch (Hg.)
SAURIER
Expedition in die Urzeit
Jan Thorbecke
144 S.,€ 19,90
Aktion
Zur Eröffnung der Ausstellung verlosen bild der wissenschaft und das Naturkundemuseum Stuttgart 12 Exemplare des Saurier-Buchs von Rainer Schoch. Dazu müssen Sie die folgenden beiden Fragen richtig beantworten:
1. Welche Tiergruppe ist am nächsten mit den Vögeln verwandt?
a) Säugetiere
b) Krokodile
c) Amphibien
2. Was war die wichtigste Funktion der Dinosaurier-Federn?
a) Sie hielten die Tiere warm.
b) Sie dienten zum Fliegen.
c) Sie hatten keine Funktion, sondern waren nur ein Fehler der Evolution.
Eine Postkarte mit Ihren hoffentlich richtigen Antworten schicken Sie bitte an:
bild der wissenschaft
Stichwort: Saurier
Ernst-Mey-Str. 8
70771 Leinfelden-Echterdingen
Internet
Die Landesausstellung im World Wide Web:
www.saurier2007.de
Aktuelle Meldungen zur Saurier- und Urzeitforschung finden Sie auf der Homepage von bild der wissenschaft:
www.wissenschaft.de





