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Der Wandel muss von innen kommen
Mithilfe der Inner Development Goals soll ein neues Bewusstsein im Kampf für eine gerechte und nachhaltige Welt geschaffen werden. Nur durch die Entwicklung jeder und jedes Einzelnen und die Einbeziehung der Ethik können globale Ziele erreicht werden.
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Text: Geseko von Lübke
Zehn Jahre ist es her, dass die Vereinten Nationen sich entschieden, der ökologischen Krise ein globales Maßnahmenpaket entgegenzusetzen, das die Welt retten sollte. Doch bei der Umsetzung der 17 Ziele, um bis 2030 eine globale Nachhaltigkeit zu erreichen, läuft etwas gewaltig schief! Das ist in erster Linie an den Daten zum CO2-Ausstoß sichtbar, die seit Jahren reduziert werden sollen, aber jüngst mit 37,4 Milliarden Tonnen auf ein neues Rekordhoch gestiegen sind. Kaum anderes gilt bei der Verringerung der Armut, der Bekämpfung des Hungers, der Steigerung der Weltgesundheit und einer Bildung für alle.
Die Zwischenbilanz zu den Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, kurz SDGs) war mehr als ernüchternd: Bei 80 Prozent der 17 Ziele und den 169 Unterzielen sei kaum ein Fortschritt messbar, vermeldete jüngst die UN. Die Weltgemeinschaft ist demnach weit davon entfernt, ihre selbst gesteckten Ziele im Kampf gegen Armut, Hunger und Ungleichheit zu erreichen. Was läuft da so furchtbar schief?
„Wir setzen beim großen Wandel zu einer nachhaltigen Zukunft auf das falsche Pferd“, sagt eine wachsende Zahl von Kritikern und Vordenkerinnen: Statt für 2030 – in knappen fünf Jahren – kaum erreichbare politische Mega-Ziele zu proklamieren, müsse der Fokus auf etwas ganz anderes gerichtet werden. Der Wandel – so der neue Ruf – muss von innen kommen, bevor er außen greifen kann. Was die Menschheit dringend braucht, sei eine Transformation im Weltbild, im Wahrnehmen, im Sein, betont Katharina Moser, Aktivistin für die sogenannten inneren Entwicklungsziele (Inner Development Goals, kurz IDGs): „Die IDGs geben einen Rahmen, unsere Persönlichkeit so weiterzuentwickeln, damit wir über die menschlichen Fähigkeiten verfügen, die es uns erst ermöglichen, mit all den neuen Herausforderungen umzugehen. Das ist die Kernthese der Bewegung.“
Eine globale Bürgerbewegung
Unter dem neuen Begriff der IDGs hat sich in den vergangenen drei Jahren tatsächlich eine globale Bürgerbewegung für innere Entwicklungsziele gebildet, die mit Tausenden Menschen in mehr als 100 Ländern aktiv ist. Aktivisten in knapp 700 dezentralen Büros und Initiativen – sogenannte Hubs – reichen nicht nur in große Konzerne herein, sondern führen auch Gespräche mit der EU in Brüssel und in der New Yorker UN-Zentrale.
Ihren Anfang nahm die Bewegung 2018 im schwedischen Stockholm, wo drei einflussreiche private Stiftungen zusammengekommen waren, um über die schleppende Umsetzung der globalen Nachhaltigkeitsziele zu beraten und nach Lösungen zu suchen. Sie formulierten die Frage, welche inneren Fähigkeiten und Kapazitäten es brauche, um diesen Mangel zu beenden, und schickten diese an die Pioniere der Nachhaltigkeit in aller Welt.
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Aus mehr als 1.000 Antworten filterten die Skandinavier zusammen mit Wissenschaftlern aus aller Welt 23 Fähigkeiten heraus, die sie in fünf Kategorien zusammenfassten. Auf einer Konferenz in der schwedischen Hauptstadt stellten sie diese 2021 als Ziel-Katalog vor. Er liest sich wie eine Wunschliste für die seelische Reife der Changemaker der Zukunft: „Sein ist die erste Kompetenz, also sich zu spüren, die Welt wirklich – auch gefühlsmäßig – zu verstehen, nicht nur verstandesmäßig“, sagt Alfred Strigl, Nachhaltigkeits- und Unternehmensberater in Wien und Mitbegründer des IDG-Hubs im österreichischen St. Pölten.
„Denken ist die zweite Dimension, denn die Vernunft darf mitspielen, aber multiperspektivisch, systemisch, neu.“ Dabei gehe es in allen Lebensbereichen darum, die Abtrennung von der lebendigen Welt zu überwinden, erklärt Strigl: „In Beziehung sein bedeutet, in dem Bewusstsein, dass wir von der Erde abhängig sind, anders miteinander umzugehen.“
Daraus folgt viertens eine Kompetenz der Kooperation, der Zusammenarbeit und des gemeinsamen Wirkens. Die fünfte und letzte Säule ist Handeln für die Transformation“, sagt der Managementberater. „Nicht wie bisher! Anders wahrnehmend, denkend, handelnd!“
Innere Entwicklung für äußere Veränderung
Die Idee hinter allem ist, dass innere Arbeit unverzichtbar ist, um äußere Ziele zu erreichen. Für die benötigte Veränderung sind Dutzende von Fähigkeiten gefordert, etwa Integrität und Authentizität, Offenheit und Lernbereitschaft, Selbsterkenntnis und Gegenwärtigkeit. Bewusstsein für Komplexität, langfristige Orientierung und Visionen, andere Beziehungsformen, Mut und Beharrlichkeit beim aktiven Tun. Die fünf Kompetenzen Sein, Denken, Beziehung, Kooperation und Handeln zielen dabei sowohl auf ein verändertes Bewusstsein als auch ein aktives Tun ab.
Individueller und gesellschaftlicher Wandel
Bislang spielen diese Kompetenzen im Alltag, im Arbeitskontext und an Schulen kaum eine Rolle. Es sind Kulturtechniken der anderen Art, die neu gelernt werden müssen, sagt Otto Scharmer, deutscher Wissenschaftler am amerikanischen MIT in Cambridge, der die Initiative der IDGs berät und begleitet.
„Wir müssen lernen, wie wir zukünftige Potenziale erspüren und realisieren können. Dafür brauchen wir innere Fähigkeiten und diese müssen wir auch in unseren Teams schulen und verstärken. Sonst kommt nichts Neues in die Welt und wir halten an alten Ideen und Strukturen fest.“ So auch an der naiven Fehleinschätzung, dass die Menschheit technisch eine zukunftsfähige Welt erschaffen, aber im Leben, im Denken, Handeln alles weitgehend beim Alten bleiben könne.
Die Inner Development Goals wollen vielmehr darauf hinweisen, dass sich jeder Einzelne für die Veränderung der Welt ändern muss: intensiveres Sein, Denken mit Weitblick, mehr Mitgefühl, beherzteres Handeln. Anders gesagt: ein Bewusstseinswandel! Ein solcher Aufruf ist nicht neu. Doch er wurde bislang eher am Rande des gesellschaftlichen Dialogs laut, galt als verträumt oder gar esoterisch, wurde in die Nischen der Ethik und Metaphysik delegiert – oder den Religionen und spirituellen Traditionen zugeschoben.
Klaus Mertens, Coach für System Transformation und Begründer der IDG-Gruppe im Köln-Bonner Raum, räumt ein, dass die ethischen Werte der IDGs sich bei großen Vorgängern bedienen: „Sie greifen durchaus auf klassische Werte aus Christentum, Buddhismus, Hinduismus zurück – und vereinfachen sie als Richtlinie zum Handeln radikal.“ Sie verbinden sie zudem strategisch mit den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen, auf die sich die gesamte Menschheit trotz aller religiösen Konflikte und Streitigkeiten bereits verbindlich hat einigen können.
Die IDGs würden damit auf eine Art säkularer Ethik bauen, so der Münchner Theologe Markus Vogt, Sozialethiker und Berater der katholischen Bischofskonferenz in ökologischen Fragen. „Die Nachhaltigkeitsziele der UN sind ein revolutionäres Programm und fordern einen neuen Gesellschaftsvertrag. Das hat man politisch beschlossen. Aber sie brauchen auch eine Tiefendimension, eine ethische Präzision.“ Und Vogt geht noch weiter: „Ich denke, die Kirchen sollten sich hier einklinken. Wenn sie mit ökologisch engagierten Menschen dynamisch zusammenwirken, dann kann man gemeinsam schlafende Potenziale wecken.“
Wissenstraditionen als Gerüst
Die inneren Entwicklungsziele sind nicht der erste Versuch, die ökologische Krise und eine globale Ethik miteinander zu verbinden. In den 70er Jahren kam ebenfalls aus Skandinavien über den Philosophen Arne Naess der Ansatz der Tiefenökologie. Der forderte wissenschaftlich und ethisch ein neues Welt- und Menschenbild, setzte ethische Maßstäbe und prägte die Ökologie-Bewegung. In den 80er Jahren entfaltete der Tübinger Theologe Hans Küng die Idee eines interreligiösen „Projekt Weltethos“. „Kein Zusammenleben auf dem Globus ohne ein globales Ethos und kein Friede unter den Nationen ohne einen Frieden unter den Religionen“, waren seine Leitideen. In den 90er Jahren wurde im Vorfeld des ersten Erdgipfels von Rio versucht, über das Projekt einer Erd-Charta ethische Normen als völkerrechtlich verbindlichen Rahmen für nachhaltige Entwicklung durchzusetzen. Sie scheiterte am Widerstand der ärmeren Länder, die sich durch den globalen Norden dominiert sahen.
Das aktuelle Projekt der Inner Development Goals stammt zwar auch aus dem „weißen“ Norden, knüpft aber an die indigenen Wissenstraditionen in aller Welt an. „Wir sind zurzeit dabei, mehr Fachwissen aus dem globalen Süden zu sammeln, aus Asien, Afrika und Lateinamerika, um den Rahmen der IDGs zu verbessern“, sagt die brasilianische Aktivistin Laila Martins, die am IDG-Hub in Bonn mitarbeitet. Es gibt indigene Gemeinschaften auf der ganzen Welt, die ein ähnliches Konzept haben. Der kleine Himalaja-Staat Bhutan kommt den IDGs mit seinem Konzept des Brutto-Nationalglücks nahe, welches das Wohlbefinden seiner Bürger und den Schutz der Natur zum Staatsziel erklärt – und auf inneres Wachstum setzt. „Ohne einen Bewusstseinswandel kann es keine dauerhafte Veränderung von Systemen und Strukturen geben“, sagt der Psychologe Ha Vinh Tho, der lange das dortige „Glücks-Zentrum“ geleitet hat und heute die europäischen IDG-Initiativen berät: „Die IDGs sind ein Versuch, allgemein menschliche Werte kultur- und traditionsübergreifend zu formulieren.“
Wirtschaft und Ethik
All das konkret umzusetzen, ist Aufgabe der bisher knapp 700 Hubs – dezentrale Stützpunkte der Initiative in rund 100 Ländern: Lokale Netzwerke, in denen viele Tausend engagierte Menschen selbstorganisiert daran arbeiten, die IDGs in die Gesellschaft zu bringen. Unter ihnen sind Nachhaltigkeitsexperten, Unternehmens- und Organisationsberater, Psychologen, Pädagogen, Kulturwissenschaftler, Philosophen und Theologen. Es werden Workshops und Vorträge in Universitäten und Unternehmen angeboten, Institutionen beraten, Behörden gecoacht.
Auch Konzerne wie Ikea, Novartis und Google zeigen Interesse daran, ihre Unternehmen gemäß den IDGs umzubauen und neu auszurichten. In Deutschland arbeitet die Telekom seit 2024 mit dem Ansatz. „Lasst uns Produkte entwickeln, die das Leben der Menschen besser machen, und mit Technologie etwas erbauen, worauf wir stolz sind“, sagt deren Spezialistin für Innovation und Künstliche Intelligenz, Tatjana Wittig: „Als Konzerne müssen wir das Thema Ethik im Blick behalten. Frage dich bei all den kleinen Entscheidungen, die du machst: Wirst du vor deinen Enkelkindern stolz darauf sein?“ Das sind neue Töne aus einer Welt, die im globalen Wettbewerb bislang meist ethische Fragen ausgeklammert hat, wenn es um Marktanteile und „Shareholder Value“ ging. Parallel dazu signalisieren die UN und die EU ihr Einverständnis und es kommt Interesse aus den Unternehmensverbänden. Alfred Strigl sieht in den Inner Development Goals deshalb ein gewaltiges Potenzial für die Transformation der Wirtschaft: „Wenn die UNO, die EU und der World Business Council zustimmen, kann kein Manager mehr sagen: ‚Was ist denn das für ein esoterischer Mumpitz?‘“, meint er lachend. „Ich erlebe in den Augen der Vorstandsvorsitzenden eher ein ,Endlich seid ihr da!‘“
Vielleicht können die inneren Entwicklungsziele ein gemeinsamer ethischer Nenner für nüchterne Wirtschaftsbosse und Rationalisten sein, die solche Themen sonst der Religion zuordnen und für eine Privatsache halten. Dann könnten unter dem Dach der IDGs Managementberater und Öko-Aktivisten, Benediktinermönche und Zen-Buddhisten, Indigene und KI-Experten gemeinsam nachhaltige Transformation ethisch ermöglichen. „Die IDGs erfinden nichts völlig Neues. Vielmehr geht es darum, verschiedene Bewegungen zusammenzubringen und einen Rahmen zu schaffen, der es den Menschen ermöglicht, es in die Tat umzusetzen“, betont die brasilianische IDG-Aktivistin Laila Martins. „Wir brauchen ein solches Konzept der inneren Entwicklung als zentrales Element der Umwelt- und Nachhaltigkeitsbewegung.“ //
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