Rund 30 Prozent der Fläche Deutschlands sind mit Wald bedeckt. Wie alle Wälder Mitteleuropas, leidet auch der hiesige Wald unter dem Klimawandel. Bei den Ideen zur Rettung werden jedoch Interessenskonflikte deutlich.
Sie haben noch 2 von 3 kostenlosen Artikeln übrig1/3
„Wird das je wieder gut?“, titelte eine bekannte deutsche Tageszeitung im vergangenen Jahr und zeigte Bilder vom großflächigen Baumsterben im Harz. Die Fotos wirken tatsächlich apokalyptisch, doch ein wichtiger Aspekt wurde im Beitrag nur am Rande gestreift: Die Waldwelt an den Hängen von Brocken und Wurmberg ist schon sehr lange nicht mehr in Ordnung, von „gut“ erst gar nicht zu sprechen. Der Massentod der vergangenen Jahre betraf fast ausschließlich Fichten, und die gibt es im Harz lediglich um des Menschen Willen. Man pflanzte sie vermutlich ab dem 18. Jahrhundert als schnellwüchsige Holzlieferanten, vor allem um den Holzbedarf der Erzindustrie zu bedienen. Zu besseren Zeiten gediehen die Nadelbäume dort gut, dann aber kam der Klimawandel. Fichten vertragen keine Trockenheit. Die auf den wissenschaftlichen Namen Picea abies getaufte Baumart war ursprünglich im kühlen Nordeuropa, in den Alpen und den Karpaten heimisch – überall da, wo es genügend Niederschläge gibt.
Regen und Schnee indes werden in vielen Regionen Europas knapper, nicht nur im Süden. Mitunter kommt es auch diesseits der Alpen zu echten Dürreperioden. Und darunter leiden nicht nur die Fichten. Laut der aktuellen Waldzustandserhebung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft sind deutschlandweit etwa 80 Prozent der Bäume krank oder geschwächt. Das auffälligste Symptom: Sie verlieren zunehmend Blätter beziehungsweise Nadeln, die Kronen lichten sich. Forstleute, Naturschützer und Teile der breiten Bevölkerung sind inzwischen in großer Sorge. Wird es den sagenumwobenen, geliebten „deutschen Wald“ in Zukunft noch geben? Steht ein Schlüssel-Ökosystem bald vor dem Kollaps, oder lässt sich die Katastrophe vielleicht noch abwenden – und wenn ja, wie?
Christian Ammer, Forstwissenschaftler und Professor für Waldbau und Waldökologie an der Universität Göttingen, sieht keine Alternative zum Wandel. „Die Wälder, die wir jetzt kennen und schätzen, werden sich verändern.“ Unausweichlich. Sie dürften anders strukturiert sein, lichter, und vielleicht nicht mehr alle Anforderungen und Erwartungen erfüllen, meint der Experte. Gerade der letzte Punkt bereitet der Fachwelt Kopfzerbrechen. Wälder sollen heute nicht nur Holz liefern und dank ihrer Schönheit Erholung bieten, sondern auch Wasser binden, Artenvielfalt schützen, Erosion Einhalt gebieten und, ganz wichtig, möglichst viel klimaschädliches CO2 speichern. Zukünftig könnten einige dieser Funktionen ins Stottern geraten, zumal diese in der bisher gängigen Forstpraxis teilweise widersprüchlich sind und manche einander entgegenwirken.
Monokultur-Forste sind eigentlich Plantagen
Früher stand vor allem die Holzproduktion im Fokus. Um diese möglichst auf Hochtouren laufen zu lassen, pflanzte man oft in Massen die besagten Fichten oder, auf sandigen Böden, Waldkiefern der Art Pinus sylvestris. Baum an Baum, Reihe an Reihe überzogen deren Monokulturen riesige Flächen. Bis heute. Aus ökologischer Sicht sind solchen Forste eigentlich keine Wälder, sondern Plantagen.
Die Menschen indes gewöhnten sich an sie und lernten sie sogar schätzen. Schön ordentlich und aufgeräumt sah das meistens aus. Umso größer der Schock, wenn dann plötzlich überall tote Stämme herumliegen. Bloß nicht wegmachen, fordern die meisten Naturschützenden und viele Wissenschaftler. Der Wald solle wieder wilder werden, man müsse den natürlichen Prozessen freie Hand lassen. Wenn Fichten großflächig absterben oder Kiefern abbrennen, sei dies die logische Folge früherer forstwirtschaftlicher Sünden. Mit der Zeit werde es die Natur schon richten. Wahrscheinlich stimmt das, aber diese Regeneration dürfte ohne menschliches Zutun lange dauern. Christian Ammer bittet jedoch um Nachsicht mit den Forstleuten der Vergangenheit. „Wälder spiegeln die gesellschaftlichen Verhältnisse, aber mit einem Zeitversatz“, betont er. So wurden zum Beispiel viele der heutigen Nadelbaum-Monokulturen nach dem Zweiten Weltkrieg gepflanzt. Damals benötigte man enorme Mengen Holz für Reparationszahlungen und um die zerstörten Städte wieder aufzubauen. Aber auch das NS-Regime hatte schon die Steigerung der Holzproduktion durch das Schaffen von Reinbeständen propagiert.
Jetzt soll, nein muss alles anders werden. Und weil der Wald so fest an gesellschaftliche Entwicklungen gekoppelt ist, kann dies nur mit Interessenskonflikten einhergehen. Jede Menge Zündstoff für heftige Debatten also. Dass etwas geschehen muss, darüber sind sich die meisten Beteiligten immerhin einig. Zahlreiche Waldbesitzende fürchten gleichwohl um ihre Einnahmen aus der lukrativen Nadelholzproduktion und möchten weiterhin kräftig Fichten und Kiefern ernten. Ergo wollen sie die Bestände dieser Arten so gut wie möglich schützen. Für Pinus sylvestris stellt die zunehmende Waldbrandgefahr die größte Bedrohung dar, vor Hitzeschäden und Insektenfraß. Die Fichten wiederum leiden wie erwähnt vor allem unter der Trockenheit und dem oft darauf folgenden Schädlingsbefall.
Exotische Baumarten sollen den Wald resistenter machen
Die Zeit der Monokulturen ist deshalb vorbei, meint der Forstwirtschaftler Jonas Brandl von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW). Natürlich sei es besser, Holz aus heimischer Produktion zu nutzen, statt es zu importieren. Die SDW setze sich daher für eine nachhaltige, integrative Waldbewirtschaftung ein. „Aber man kann nicht gegen die Natur wirtschaften“, sagt Brandl. Mit Blick auf die Zukunft der Wälder ist inzwischen oft von einem „Umbau“ die Rede. Viele Fachleute möchten aktiv eingreifen, sprich Bäume pflanzen und pflegen, weil der natürliche Wandel womöglich nicht schnell genug ablaufen werde. Auch die SDW plädiert für eine Umgestaltung, erklärt Jonas Brandl. „Damit eine Art Mischwald entsteht.“ Die Frage sei nur, was gepflanzt werden soll. Eine kluge Waldpolitik muss stets weit nach vorne schauen, doch niemand weiß genau, wie sich das mitteleuropäische Klima bis Ende des Jahrhunderts entwickelt. Klar ist nur: Es wird wärmer. Angesichts dieses Trends denkt die Forstwirtschaft nun zunehmend über den Einsatz exotischer Baumarten nach – über die Küstentanne (Abies grandis) und den Tulpenbaum (Liriodendron tulipifera) aus Nordamerika bis hin zur nordafrikanischen Atlaszeder (Cedrus atlantica). Drohen sich so die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen?
Christian Ammer steht der Pflanzung neuer Spezies nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber. Das Gerüst des zukünftigen Waldes sollte nach Möglichkeit aus heimischen Arten bestehen, meint der Forscher. Zusätzlich könne man aber, in begrenztem Umfang, mit Exoten experimentieren. „Das ist schon sinnvoll.“ Er hält zum Beispiel die Baumhasel (Corylus colurna) und die Silberlinde (Tilia tomentosa) für geeignet. Beide kommen natürlich auf dem Balkan vor. Als europäische Spezies könnten sie sich bei steigenden Temperaturen vermutlich gut in unsere Ökosysteme einfügen. Dasselbe dürfte für mehrere mediterrane Eichenarten gelten. Die Flaumeiche, botanisch Quercus pubescens, ist besonders widerstandsfähig bei Trockenheit. Südwestdeutschland gehört sogar noch zu ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet. Solche Arten könnte man gezielt fördern, erklärt Ammer. Große Flächen mit Monokulturen aufzuforsten, sei es mit Zedern oder anderen ähnlichen Exoten, lehnt der Experte dagegen ab.
Douglasien können geschickt mit Buchen kombiniert werden
Ein verstärkter Einsatz der aus Nordamerika stammenden Douglasien (Pseudotsuga menziesii) ist ebenfalls im Gespräch. Diese schnellwüchsigen und als ökologisch flexibel geltenden Nadelbäume werden schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa angepflanzt. Sie gedeihen hier meist gut. In Reinbeständen sind Douglasien allerdings problematisch, berichtet Christian Ammer. An einigen Standorten können solche Monokulturen unter anderem zu steigenden Nitratkonzentrationen im Grundwasser führen. Die Ursachen hierfür wurden noch nicht ausreichend untersucht. Wenn man aber Douglasien zusammen mit Buchen pflanzt, bringt dies laut aktuellen Untersuchungen für beide Arten Vorteile – sofern der Anteil der Ersteren 30 Prozent nicht übersteigt. „Man sollte sie geschickt kombinieren“, sagt Ammer. Hinsichtlich des Wasserhaushalts profitiere die Buche von der Anwesenheit der Douglasie. „Ein unerwarteter Effekt, dem wir versuchen, auf den Grund zu gehen.“
Umstritten ist, inwiefern die Pseudotsuga menziesii zu invasivem Verhalten neigt. Manche Fachleute befürchten, die Douglasie könnte sich unkontrolliert ausbreiten und heimische Spezies verdrängen, während andere diese Gefahr als gering einstufen. „Bei der Biodiversität muss man enorm achtgeben“, betont dazu der Biologe Thomas Wohlgemuth von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft im schweizerischen Birmensdorf. Die mitteleuropäische Flora und Fauna sei nicht auf die Exoten eingestellt. Klar könnten zumindest einige fremden Arten dem Waldinventar beigemischt werden, meint Wohlgemuth. „Die Frage ist: zu welchem Prozentsatz.“ In Monokulturen jedenfalls sei mit einer deutlichen Verarmung der Tier- und Pflanzenwelt zu rechnen. Tatsächlich gibt es hierfür in Europa schon konkrete Beispiele. Wer eine portugiesische Eukalyptusplantage betritt, wundert sich sofort über die seltsame Stille. Kein Insektensummen, kein Vogelgesang – die ganze Landschaft scheint ausgestorben.
Monokulturelle Wälder sind besonders anfällig für Borkenkäfer
Reinbestände sind zudem sehr anfällig für Schädlingsbefall, gibt Thomas Wohlgemuth zu bedenken. Zwar könnten die üblichen heimischen Waldplagen den Exoten nichts anhaben, aber wenn dann doch mal ein angepasster Käfer kommt, drohen auch ihnen enorme Verluste. Ein solcher Effekt ist in vielen mitteleuropäischen Fichtenwäldern eingetreten. Sie wurden vom Borkenkäfer Ips typographus heimgesucht. Der legt seine Eier unter der Rinde; die Larven zerstören anschließend lebenswichtiges Leitbündelgewebe der Bäume. Normalerweise können gesunde Fichten diese Parasiten abwehren, geschwächte Exemplare dagegen sind relativ leichte Beute. Wärme und Trockenheit begünstigen zudem die Reproduktion der Käfer, die in einem dürregeplagten Fichtenforst eh schon genug Brutstätten finden. Es kommt zur Massenvermehrung. Irgendwann sind die Schädlinge so zahlreich, dass sie auch gesunde Bäume überwältigen. Am Ende dieses Teufelskreises stehen die eingangs beschriebenen Verheerungen im Harz und anderswo. Mit Laubbäumen dagegen kann Ips typographicus nichts anfangen. Die bleiben von diesen Käferscharen vollkommen verschont.
Artenreiche Mischwälder sind generell resistenter gegenüber Störungen, und das gilt auch für die Auswirkungen des Klimawandels, erklärt Thomas Wohlgemuth. „Man verteilt quasi das Risiko auf fünf bis zehn verschiedene Spezies.“ Dank deren unterschiedlichen Eigenschaften könne das Ökosystem besser auf unterschiedliche Stressfaktoren reagieren. Vielfalt schafft somit Stabilität, auch hier ergänzen sich die Baumarten gegenseitig. In weiten Teilen Europas allerdings neigt die Waldentwicklung von sich aus zu einer sogenannten Klimaxvegetation, die überwiegend aus Buchen (Fagus sylvatica) besteht – gewissermaßen eine natürliche Monokultur. Dennoch sind Buchenwälder sowohl ökologisch wie auch wirtschaftlich wertvoll. Forstexperten trauen der Art mehr Resistenz gegen Erwärmung zu als der Fichte, doch sie braucht jährlich mindestens 500 Millimeter Niederschlag; die Hälfte davon zwischen Mai und September. Trockene Sommer machen ihr den Garaus. Als Hoffnungsträgerin für die Forstwirtschaft taugt die Buche also nicht, aber in eher feuchten Regionen dürfte sie sich wohl halten können. Dort wäre möglicherweise auch das Anpflanzen der wärmeliebenden Esskastanie (Castanea sativa) sinnvoll. Die ist bereits in Südwestdeutschland heimisch und liefert gutes, erstaunlich hartes Holz.
Letztlich wird in Sachen Wald-Restrukturierung auch die Natur selbst noch ein Wörtchen mitzureden haben. „Bei so vielen Störungen werden die Pionierarten wie Birken und Pappeln kommen“, meint Thomas Wohlgemuth. Auf den von ihnen besiedelten Flächen könnten durch die natürliche Sukzession später Eichenwälder wachsen. „Man muss schauen, was man damit machen kann.“ Die Holzindustrie indes hat sich seit Jahrzehnten viel zu stark auf die schnellwüchsigen Nadelbäume fixiert. Die sind schön gerade und gleichmäßig, erläutert Jonas Brandl. Eichen und Buchen dagegen seien oft komplexer strukturiert, das erfordere technische Anpassungen. „Es muss mehr Sägewerke geben, die auch Laubholz verarbeiten“, betont der SDW-Experte. Und man sollte in Deutschland mehr damit bauen.
Lokale Bedingungen prägen den Wald der Zukunft
Aus welchen Baumarten die Wälder zukünftig bestehen, wird vor allem von den lokalen Bedingungen abhängen. „Je feuchter, desto Buche“, zitiert Thomas Wohlgemuth eine im Schweizer Forstjargon gängige Losung. Überraschenderweise scheint der Klimawandel mancherorts sogar positive Entwicklungen zu fördern. Im Nationalpark Berchtesgaden zum Beispiel wird seit 1987 aktiv an der Wiederherstellung von naturnahen Bergmischwäldern gearbeitet. Wo durch frühere Forstbewirtschaftung fast ausschließlich Fichten stehen, sollen vermehrt heimische Buchen und Weißtannen (Abies alba) wachsen. Letztere dürften als tiefwurzelnde Nadelbäume übrigens auch für den verstärkten Einsatz im Nutzwald interessant sein. In einigen Arealen werden die beiden gewünschten Arten von der Nationalparkverwaltung aktiv gepflanzt, andere Bereiche werden der natürlichen Wiederbewaldung überlassen. Und auch dort sprießen junge Buchen und Weißtannen. Das funktioniert, weil es im Schutzgebiet ausreichend Samenbäume gibt, erklärt die Biologin Christina Dollinger von der Technischen Universität München. So sei für stetigen Nachwuchs gesorgt.
Für einen Blick in die Zukunft haben Dollinger und zwei ihrer Kollegen die weitere Entwicklung der Nationalparkwälder mithilfe von Modellrechnungen untersucht. Als Grundlage dafür dienten Erhebungsdaten der bisherigen Renaturierungsmaßnahmen in Kombination mit verschiedenen Klimaprognosen. „Die Ergebnisse haben uns überrascht“, berichtet die Forscherin. Den Analysen zufolge werde der Klimawandel in der Region Berchtesgaden bis 2100 sowohl die strukturelle Diversität, sprich die Waldverjüngung, wie auch das Aufkommen von Buchen und Weißtannen begünstigen. Ihnen gegenüber verlieren die bisher so dominanten Fichten an Konkurrenzfähigkeit, erklärt Dollinger. Zusätzlich schaffen Borkenkäfer und vermehrt auftretende Stürme Lücken im Kronendach, in denen sich die beiden gewünschten Baumarten besser etablieren können.
Picea abies wird aber nicht das Feld räumen, betont die Biologin. Mit etwa 50 bis 60 Prozent Anteil bleibe die Fichte dank ausreichend Niederschlägen eine der wichtigsten Baumarten. Laut den Schätzungen des Weltklimarats sollen im Nationalpark Berchtesgaden sogar unter dem Worst-Case-Szenario noch immer knapp 1.700 Millimeter Regen jährlich fallen. Immerhin eine gute Nachricht – denn Fichten sind in den Alpen eine Schlüsselart. Nicht nur bieten sie besseren Lawinenschutz als andere Baumarten, sondern auch einen sehr speziellen Lebensraum sowohl für Borkenkäfer als auch für Vögel wie Fichtenkreuzschnäbel, Habichte, Sperber, Waldbaumläufer und Eulen.
natur Plus
Biologie
Kleine Räuber, große Wirkung
23. Juli 2026
Wie Fuchs, Waschbär und Marderhund von Kulturlandschaften profitieren und seltene Arten unter Druck setzen.
natur PlusBiologie
Auf Pirsch in der Vogelrepublik
23. Juli 2026
Wachtelkönig, Kampfläufer, Schwarzstorch und Trauerseeschwalbe: Mehr als 270 Vogelarten haben in den Feuchtgebieten im polnischen Nationalpark Warthemündung…
Biologie
Wie sich die ersten Landpflanzen vor Sonne schützten
13. Juli 2026
Eine Grünalge könnte erklären, wie die ersten Pflanzen vor 500 Millionen Jahren an Land überleben konnten und der UV-Strahlung widerstanden.