Schonungslos gehen manche Menschen beim Sport bis an ihre körperlichen Grenzen. Wissenschaftler suchen nach den Auslösern der bisweilen tödlichen Sucht.
Der Tod macht Geschichte. Hätte er den Boten Eukles, der fast 40 Kilometer weit von Marathon nach Athen gewetzt war, um den glorreichen Sieg der Athener gegen das übermächtige persische Heer zu verkünden, nach getaner Pflicht nicht hinweggerafft, der Mann wäre wohl längst in Vergessenheit geraten. Auch heute, knapp 2500 Jahre später, sorgen Eukles’ Erben immer wieder für Schlagzeilen: Marathonläufer, deren Herz auf der Strecke bleibt (wie beim New York Marathon im November vergangenen Jahres, als zwei Teilnehmer nach dem Rennen zusammenbrachen), Bergläufer, die an Unterkühlung sterben (wie beim Rennen auf die Zugspitze am 13. Juli 2008) und Bergsteiger, die in Gletscherspalten umkommen (wie bei der Besteigung des Nanga Parbat im Himalaya zwei Tage später). Geradezu getrieben scheinen manche Menschen bis an ihre Grenzen zu gehen. Sie muten sich mehr zu, als sie vertragen, blenden Gefahren aus und haben nur noch ihr Ziel vor Augen. „Ich definiere für mich den Grenzgänger so, dass er unterwegs ist zwischen Durchkommen und Umkommen. Das Ziel ist das Nicht-Umkommen”, so drückt es der Südtiroler Extrembergsteiger Reinhold Messner aus.
Warum aber macht sich ein Mensch auf einen so gefährlichen Weg? Was sucht er im Extrem? Was spielt sich dabei in seinem Kopf und Körper ab? „Ein schlüssiges Modell dafür gibt es noch nicht”, sagt Oliver Stoll, Professor für Sportpsychologie an der Universität Halle-Wittenberg. „Nur jede Menge Erklärungsansätze.” Man könnte die Lust am Laufen und den Hang zum Abenteuer als natürliches Erbe ansehen. Die Vorfahren des Menschen, allen voran Homo erectus, taten gut daran, sich aufzurichten und ausgiebig zu laufen. Auf diese Weise – so die These der amerikanischen Wissenschaftler Dennis Bramble und Daniel Lieberman – konnten die Steinzeitjäger verletzten oder kranken Tieren so lange nachsetzen, bis denen die Puste ausging und sie zur leichten Beute wurden.
Der „ODYSSEUSFAKTOR”
Auch der Drang in unbekannte Dimensionen scheint dem Menschen im Blut zu liegen. „Odysseusfaktor” haben Anthropologen die Rastlosigkeit getauft, die den Menschen in allen Zeiten weitergebracht hat – wahrscheinlich wäre er ohne sie nie über den afrikanischen Hausberg hinausgekommen. Doch nicht jeder ist zum Draufgänger geboren und gewillt, bis zum Äußersten zu gehen. Für den Amerikaner Marvin Zuckerman sind diese Eigenschaften Teil der Persönlichkeit. Jeder Mensch, postulierte der Psychologe bereits in den 1960er-Jahren, brauche ein gewisses Maß an Erregung, um sich wohl zu fühlen – mancher mehr, mancher weniger. Die Suche nach dem Kick sei zu etwa 60 Prozent angeboren, zu etwa 40 Prozent anerzogen, schloss Zuckerman aus Studien an Zwillingen. Außerdem bemerkte er: Männer suchen das Extrem in der Regel stärker als Frauen, Junge stärker als Alte, Geschiedene stärker als Verheiratete und Singles, Ungläubige stärker als Religiöse.
Welche Gene und biochemischen Cocktails im Körper den Menschen seit Urzeiten antreiben, darüber wissen die Wissenschaftler allerdings noch so gut wie nichts. Als eine mögliche Erklärung haben sie seit Langem das sogenannte Beta-Endorphin im Visier – eine körpereigene Droge, die das Schmerzempfinden im Gehirn blockiert. Außerdem sorgt sie für die Ausschüttung von Substanzen, die dem Cortisol sehr ähnlich sind. Cortisol wiederum hilft, Zucker in Energie umzuwandeln.
LÄUFER IM ENDORPHIN-RAUSCH
Bei extremer körperlicher Anstrengung, so die Vermutung, wird Endorphin im Körper freigesetzt und lässt – wenigstens für ein paar Minuten – die Situation erträglich wirken. Den Zusammenhang zwischen Endorphin und dem viel zitierten Höhenflug beim Laufen (dem „Runner’s High”) dingfest zu machen, ist jedoch schwierig, da Endorphin schnell zerfällt und nur über abgezapftes Blut, nicht aber im Gehirn selbst gemessen werden kann. Erst im vergangenen Jahr gelang es einer Gruppe von Neurologen und Nuklearmedizinern aus München und Bonn, die Endorphin-Ausschüttung im Kopf nachzuweisen. Sie verabreichten 20 Probanden eine radioaktive Substanz, die im Gehirn an denselben Stellen andockt wie Endorphin. Dann mussten die Testpersonen laufen – zwei Stunden lang. Vor und nach dem Training wurde mithilfe der sogenannten Positronen-Emissions-Tomographie (PET) kontrolliert, wie viel der radioaktiven Substanz an die entsprechenden Rezeptoren gekoppelt war.
Das Ergebnis: Nach dem Laufen hatte sich viel weniger davon angelagert als vor dem Start – ein indirekter Beweis dafür, dass in der Zwischenzeit Endorphin ausgeschüttet worden war, das die radioaktive Substanz verdrängt hatte. Der plötzliche Höhenflug bei langem Laufen könnte also tatsächlich endorphingesteuert sein. Nüchtern betrachtet ist er jedoch nichts anderes als eine kurze Erleichterung selbst gemachter Strapazen. Ist es dieses Gefühl, was manche Menschen immer wieder an die Grenzen des Erträglichen treibt? „Endorphin allein erklärt die Sache nicht”, sagt Sportpsychologe Stoll, der gemeinsam mit seinem Kollegen Arne Dietrich von der American University of Beirut untersucht, was bei extremen Belastungen im Gehirn sonst noch abgeht. „Ab einem bestimmten Punkt, der je nach Alter und Kondition von Mensch zu Mensch verschieden ist, muss das Gehirn mit dem Sauerstoff, der ihm zur Verfügung steht, stark haushalten, weil die meiste Energie im Körper in die Muskeln fließt”, erklärt Stoll. „Haushalten heißt: Bestimmte Hirnareale bleiben aktiv, andere werden heruntergefahren.” Die bisherigen Erkenntnisse zum Sparprogramm im Oberstübchen zeigen, dass ein Teil des Zwischenhirns – etwa jener Bereich, der für die automatische Steuerung der Laufmotorik zuständig ist – und der hintere Okzipitalbereich, der unter anderem das Sehen koordiniert, geschäftig bleiben, während der Präfrontale Kortex weniger agiert, weil er nicht gebraucht wird. Seine Aufgabe besteht sonst darin, Informationen zu verarbeiten und Probleme zu lösen. Nicht nur bei Sportexzessen, sondern auch bei einem Alkoholrausch kann dieses Areal lahmgelegt werden (siehe Grafik „Das Sportlerhirn”). „Den Präfrontalen Cortex auszuschalten, wird von vielen Menschen als angenehm empfunden”, erklärt Stoll, „weil sie dann nicht mehr grübeln müssen.”
Als „Flow” bezeichnet der ungarisch-italienische Psychologe Mihály Csikszentmihályi einen Zustand, in dem alltägliche Gedanken und Sorgen vertrieben werden, das Zeitgefühl verloren geht und nur noch der Augenblick zählt. „Gelegentlich im Hier und Jetzt zu leben, ist wichtig in einer Gesellschaft, die stark an der Zukunft orientiert ist oder an der Vergangenheit hängt”, sagt der Sportsoziologe Robert Gugutzer von der Universität Frankfurt am Main. „In einem solchen Moment muss sich der Mensch nicht mehr fragen, was er getan hat oder was er noch zu tun hat, sondern kann sich selbst intensiv erleben.” Sich durch den Sport selbst zu spüren – dieser Wunsch rückt Extremsportler aus tiefenpsychologischer Sicht in die Nähe von Borderline-Patienten, die sich manchmal Schmerz zufügen, um sich ihrer selbst zu vergewissern. Und: Durch außergewöhnliche sportliche Leistungen lässt sich auch Anerkennung gewinnen, Unsicherheit überwinden, das Selbstwertgefühl steigern. Nicht zuletzt kann der Sport dem Leben einen Sinn geben. Ob ein immer schnellerer Marathon oder ein immer höherer Berg – das gesteckte Ziel gilt es zu erreichen. Doch was kommt danach? „Mit dem Abstieg beginnt sich für mich nicht selten eine Leere in mir aufzutun – eine verlorene Utopie –, die auch durch das Erfolgsbewusstsein nicht ausgefüllt werden kann”, gestand Reinhold Messner. Unter Umständen hilft nur noch eins: erneut an den Start zu gehen.
RADPROFIS TODESFAHRT
Obwohl es eine offizielle Diagnose bislang nicht gibt: Manche Sportler zeigen Symptome einer Sucht. Der Übergang zwischen Leidenschaft und Abhängigkeit ist fließend, die Anzeichen aber sind unverkennbar: Damit sich nach dem Training das ersehnte Wohlgefühl einstellt, muss die Dosis ständig etwas erhöht werden. Kann nicht gesportelt werden, treten Entzugserscheinungen wie Unruhe, Gereiztheit, Aggressivität oder Ängstlichkeit auf. Und: Der Sport wird über alles gestellt – den Alltag, die Familie, den Beruf und die Gesundheit. Warnsignale des Körpers, die auf eine Überlastung oder eine Verletzung hinweisen, werden einfach ignoriert oder schon vor dem Start mit Schmerzmitteln unterdrückt.
Mitunter gehen Menschen sogar an ihre letzte Grenze – und wollen selbst dort noch nicht aufgeben. Legendär ist das Beispiel des britischen Radprofis Tom Simpson, der sich bei der Tour de France am 13. Juli 1967 auf den 1912 Meter hohen Mont Ventoux hinaufquälte. Es war brütend heiß, und Simpson war vollgepumpt mit Amphetaminen und alkoholhaltigen Aufputschmitteln. Rund drei Kilometer vor dem Gipfel brach der Sportler zusammen. Bevor er starb, soll er geflüstert haben: „Setzt mich wieder auf mein Rad.” ■
BETTINA GARTNER kann sich – allen biochemischen Verlockungen zum Trotz – nicht vorstellen, jemals einen Marathon zu laufen.
von Bettina Gartner
Das Sportlerhirn
Viele Gehirnzentren sind beim Sport gefordert: Der Hirnstamm reguliert Grundfunktionen wie die Atmung, der Hypothalamus das Hormonsystem. Der Thalamus verschaltet Sinneseindrücke und Motorik. Die Basalganglien steuern automatisierte Bewegungsabläufe, das Kleinhirn übernimmt die Feinsteuerung. Weil Kampf- und Fluchtverhalten eine Rolle spielen, ist der Mandelkern aktiv, ebenso große Teile des Großhirns, etwa die Sehrinde. Nur in zwei Regionen des Präfrontalen Cortex, des Stirnhirns, herrscht Dunkelheit: Sie sind für komplexe Gefühle (Region 1) und die Lösung von Problemen (Region 2) zuständig.
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Horst W. Opaschowski XTREM Der kalkulierte Wahnsinn. Extremsport als Zeitphänomen Germa-Press, Hamburg 2000, € 4,80
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WAS PASSIERT BEI EINEM MARATHON IM KÖRPER?
Bereits auf den ersten fünf Kilometern schießt der Puls in die Höhe – bei Amateuren teils auf 180 Herzschläge pro Minute. Die Verbrennung von Kohlenhydraten und Fetten beginnt, weil die Beinmuskeln jede Menge Energie verbrauchen.
Etwa 15 Kilometer nach dem Start beginnt der Körper, Blut aus den Bauchorganen abzuziehen, damit die Skelettmuskulatur besser versorgt werden kann.
Bei Kilometer 20 hat sich der Körper auf etwa 38 Grad erwärmt. Weil die Kohlenhydratspeicher langsam aufgebraucht sind, beginnt der Stoffwechsel mit der Verbrennung von Fett. Der Cortisol-Wert ist deutlich höher als beim Start. Dieses Hormon hindert Immunzellen daran, sich zu vermehren. Die Zahl der weißen Blutkörperchen kann bei einem Marathon auf das Vierfache ansteigen. Im Körper sieht es aus wie bei einem Infekt. Etwa drei Tage braucht das geschwächte Immunsystem, um sich davon zu erholen.
Ab Kilometer 30 sind die gespeicherten Kohlenhydrate endgültig aufgebraucht. Fettzellen müssen verbrannt werden – ein Vorgang, der viel Sauerstoff und Energie verbraucht. Der Laktat-Wert im Körper hat sich seit dem Start mehr als verdoppelt und macht das Blut sauer. Da die Muskeln überlastet sind, beginnen sie zu verkrampfen.
Bei Kilometer 42 hat sich der Puls auf etwa 145 eingependelt. Das Herz wird maximal belastet. Wenn es bereits vor dem Start geschädigt ist, kann das Rennen tödlich enden. Die Körpertemperatur ist auf 39 Grad gestiegen. Im Ziel hat der Läufer rund vier Liter Flüssigkeit verloren und drei Kilo abgenommen. Außerdem ist er im Schnitt um rund 1,5 Zentimeter geschrumpft, weil die Zwischenwirbelscheiben entwässert wurden.
Kompakt
· Die Ausschüttung von Endorphin erklärt den Reiz des Extremsports nicht vollständig.
· Manche Sportler scheinen auch den Zustand zu genießen, in dem das Grübeln abgeschaltet ist.





