In Großbritannien und Irland wird der Baummarder wieder zu einem wichtigen Akteur im Wald. Wo der heimische Räuber zurückkehrt, geraten vielerorts invasive Grauhörnchen unter Druck – und rote Eichhörnchen bekommen neue Chancen.
Sie haben noch 2 von 3 kostenlosen Artikeln übrig1/3
Text: Roman Goergen
Der Videoclip einer Kamerafalle im Südwesten Englands sorgt für Freude unter Naturfreunden: Zwei verspielte junge Baummarder springen ins Bild. Sie hüpfen über einen mit Flechten bewachsenen Ast und jagen sich gegenseitig hin und her. Die Aufnahme stammt aus der Moor- und Waldlandschaft Dartmoor, datiert im Sommer 2025. Sie ist für den Artenschutz ein Meilenstein. Denn sie zeigt nicht nur, dass der Baummarder in den Süden der Insel zurückgebracht wurde. Sie zeigt auch: Er vermehrt sich dort wieder.
Im Herbst 2024 waren 15 Baummarder aus Schottland an geheimen Orten im Dartmoor freigelassen worden. Im darauffolgenden Sommer filmten Kamerafallen dann Jungtiere – ein Novum für England in über einem Jahrhundert. Einst war Martes martes in Großbritannien weit verbreitet, dann ließen Waldverlust und Verfolgung seine Bestände einbrechen. Der kleine Räuber wurde wegen seines Fells gejagt, aber auch, weil er Geflügel, Wildvögel und Niederwild riss. Die Wiederansiedlung soll eine heimische Art und ihre Rolle in die Wälder von Devon und Somerset zurückholen. „Es geht darum, das Gleichgewicht unseres Waldökosystems wiederherzustellen“, sagt Simon Clarke vom Devon Wildlife Trust.
Denn die Wälder, in die der Baummarder nun zurückkehrt, sind nicht mehr dieselben wie vor seinem Verschwinden. In vielen Teilen Großbritanniens ist das rote Eichhörnchen zurückgedrängt oder verschwunden. An seine Stelle ist vielerorts das aus Nordamerika eingeführte Grauhörnchen getreten.
Wie schlecht es um das rote Eichhörnchen in England steht, zeigt ein neues Strategiepapier der Naturschutzbehörde Natural England zur Erholung der Art. Der im April 2026 veröffentlichte Bericht warnt, dass rote Eichhörnchen in England in den kommenden 25 Jahren komplett verschwinden könnten, wenn sich am Umgang mit Grauhörnchen nichts ändert. Das Verbreitungsgebiet der alteingesessen roten Art ist bereits um etwa 95 Prozent geschrumpft. Einige Tiere leben noch in kleineren Inselpopulationen; größere Vorkommen halten sich vor allem noch im Norden Englands auf sowie auf Inseln wie der Isle of Wight und auf Brownsea Island.
Viele Tiere können ein natürliches Bioplastik abbauen
21. August 2026
Natürliche Kunststoffe sollen konventionelles Plastik ersetzen. Eine neue Studie zeigt, dass neben Mikroorganismen auch viele Tiere diese Biokunststoffe wieder…
Biologie
Warum Geier inzwischen häufiger nach Deutschland kommen
12. August 2026
Immer häufiger ziehen Geier aus Südeuropa bis nach Deutschland. Der Klimawandel begünstigt diese Ausflüge – dauerhaft bleiben die Aasfresser aber wohl nicht.
Der italienische Ökologe Lucas Wauters von der Universität Insubrien hat mit Kollegen mehr als 100 Studien zur Konkurrenz zwischen roten und grauen Eichhörnchen in ganz Europa ausgewertet. „Der Austausch der Arten ist einer der am besten belegten Fälle invasionsbedingter Veränderungen – und zugleich ein Beispiel dafür, dass die Mechanismen dahinter komplexer sind als bislang angenommen“, sagt Wauters. Grauhörnchen wurden im 19. Jahrhundert aus Nordamerika nach Großbritannien gebracht, sind schwerer als rote Eichhörnchen, kommen in vielen Laubwäldern besser mit energiereicher Nahrung zurecht und erreichen dort höhere Dichten. Die Grundlage liege zunächst im Wald selbst: Nahrung, Baumarten, Lebensraum. Raubtiere können das Verhältnis zwischen den beiden Arten zusätzlich beeinflussen.
In Großbritannien und Irland kommt ein weiterer Treiber hinzu: das Squirrelpox-Virus, das Eichhörnchenpocken auslöst. Grauhörnchen tragen den Erreger häufig, ohne selbst schwer zu erkranken; für rote Eichhörnchen endet eine Infektion dagegen meist tödlich. In Anwesenheit dieser Krankheit könne die Verdrängung bis zu 25-mal schneller verlaufen, heißt es in dem von Wauters mitverfassten Überblick. Natural England nennt deshalb drei Haupttreiber des Rückgangs: Grauhörnchen, Eichhörnchenpocken sowie Verlust und Zerschneidung von Lebensräumen. Die Behörde hat 18 mögliche Strategien für die kommenden 25 Jahre modellieren lassen. Das Ergebnis ist unbequem: Nichts tun oder die bisherigen Maßnahmen fortführen reicht demnach nicht. Um rote Eichhörnchen in England zu halten, müssten Grauhörnchen großflächig unterdrückt werden. Das aber führt in einen Konflikt. Fallen, Abschuss und andere Formen der Tötung können wirksam sein, sind aber teuer, mit Tierschutzfragen verbunden und gesellschaftlich umstritten.
Vor diesem Hintergrund erhält die Rückkehr des Baummarders ein anderes Gewicht. Denn sie bringt einen Räuber zurück in die Wälder, der nicht nur das rote Eichhörnchen jagt, sondern auch dessen eingeführten Konkurrenten. Genau diese Dreiecksbeziehung macht den Fall so ungewöhnlich. Denn obwohl das rote Eichhörnchen ein Beutetier des Marders ist, könnte er ihm dennoch helfen.
In Irland begann diese Einsicht nicht mit einer Theorie, sondern mit Meldungen aus Wäldern. „Es kam durch Anekdoten von Leuten, die rote Eichhörnchen in ihrem lokalen Wald sahen und sagten: Ich habe die hier vorher seit 20 Jahren nicht mehr gesehen“, sagt die Biologin Ruth Hanniffy, die bis 2023 für den Vincent Wildlife Trust arbeitete.
Bis dahin war auch Irland der bekannten Entwicklung gefolgt: 1911 waren in der Grafschaft Longford zwölf Grauhörnchen ausgesetzt worden, ein Hochzeitsgeschenk aus England. Von ihnen sollen alle irischen Grauhörnchen abstammen – heutzutage schätzungsweise eine Viertel Million. Über Jahrzehnte breiteten sie sich aus, vor allem im Osten und in den Midlands. Wo sie ankamen, gerieten rote Eichhörnchen unter Druck. „Grauhörnchen erschienen, wurden zahlreicher, und dann wurde schnell deutlich, dass dies zum Nachteil der roten Eichhörnchen war“, sagt Emma Sheehy, eine Ökologin, die an der University of Aberdeen zur Dreiecksbeziehung zwischen roten Eichhörnchen, grauen Eichhörnchen und Baummardern forschte.
Auffällig wurde der Bruch mit diesem Muster bei statistischen Untersuchungen. Ende der 90er Jahre hatte es in Irland bereits eine landesweite Eichhörnchen-Erhebung gegeben; 2007 wurde sie wiederholt. Fragebögen gingen an Förster, Landbesitzer, Wildhüter und andere Menschen, die regelmäßig draußen unterwegs waren. Auch der Baummarder war in Irland lange selten gewesen. Anders als in Südwestengland musste er dort aber nicht neu ausgesetzt werden: Kleine Restbestände hatten vor allem im Westen und in den Midlands überlebt; nach gesetzlichem Schutz ab den 70er Jahren erholte sich die Art langsam. Aus verschiedenen Teilen der Midlands kamen nun unabhängig voneinander ähnliche Antworten. „Immer wieder sagten Leute dasselbe: Wir sehen keine Grauhörnchen mehr, oder weniger Grauhörnchen – und jetzt haben wir wieder Baummarder“, erinnert sich Sheehy.
Gerade der Ort machte die Meldungen bemerkenswert: Die irischen Midlands waren nicht Randgebiet der Grauhörnchen-Ausbreitung, sondern eine Region, in der sie lange etabliert waren. „Bis dahin war es völlig unerhört, dass Grauhörnchen verschwinden, nachdem sie irgendwo angekommen waren“, sagt Sheehy. Ebenso ungewöhnlich war die Vorstellung, dass rote Eichhörnchen zurückkehren könnten. Viele reagierten zunächst skeptisch: Das konnte eigentlich nicht stimmen.
Doch die Hinweise wiederholten sich. Hanniffy fasst das beobachtete Muster so zusammen: Wo Baummarder in Wäldern wieder eine bestimmte Dichte erreichten, gingen Grauhörnchen zurück; mit Verzögerung konnten dann rote Eichhörnchen zurückkehren. Obwohl der Räuber beide Eichhörnchenarten jagte, schien seine Rückkehr vor allem die Grauen zu treffen.
Vorteil der Co-Evolution
Emma Sheehy prüfte dieses Muster später auch in Schottland. Mit Kollegen kombinierte sie genetische Nachweise einzelner Baummarder mit Erhebungen zu Eichhörnchen-Vorkommen. Auch dort zeigte sich: Wo Landschaftsteile stärker von Baummardern genutzt wurden, sank die Wahrscheinlichkeit, dort Grauhörnchen zu finden. Rote Eichhörnchen dagegen profitierten indirekt, weil ihr stärkerer Konkurrent zurückging.
Der Marder trifft diese Auswahl nicht bewusst. Er bringt aber eine Gefahr zurück, auf die die eine Art vorbereitet ist und die andere feststellbar nicht. Der Grund liegt in der unterschiedlichen Evolution bei beiden Hörnchenarten. In europäischen Wäldern teilen sich Baummarder und rote Eichhörnchen seit langer Zeit denselben Lebensraum. Für Sheehy ist das der entscheidende Unterschied: „Die eine Art hat über ihre gesamte Naturgeschichte hinweg mit dem Baummarder koexistiert“, sagt sie. Die andere komme von der Ostküste Nordamerikas, wo es keine vergleichbaren baumkletternden Säugetierräuber gebe. „Jetzt hat sie einen, und das läuft nicht gut.“
Das beweisen auch Verhaltensstudien. In einem Experiment des Biologen Joshua Twining, der an der Queen’s University Belfast zur Ökologie zurückkehrender Räuber forscht, wurden Futterstellen mit Baummarderkot markiert und mit Kameras überwacht. Rote Eichhörnchen mieden diese Plätze zunächst und kehrten erst nach zwei Tagen zurück, dann deutlich wachsamer. Grauhörnchen zeigten keine solche Vorsicht; sie besuchten die Futterstellen sogar häufiger. Sheehy sieht das als „sehr wichtigen Hinweis“. Rote Eichhörnchen erkennen Baummarder als Räuber, sagt sie, „Grauhörnchen nicht“.
Auch Fraßspuren passen zu diesem Bild. In den wenigen Marderkotproben aus Gebieten, in denen Baummarder und Grauhörnchen noch gemeinsam vorkamen, tauchten Grauhörnchen häufiger auf als rote Eichhörnchen. Sheehy warnt zwar davor, die Geschichte auf ein einfaches „Marder frisst Graue weg“ zu verkürzen. Doch Verbreitung, Verhalten und Fraßhinweise zeigen in dieselbe Richtung. Grauhörnchen verlieren in seiner Nähe einen Teil jenes Vorsprungs, der sie zuvor so erfolgreich gemacht hat.
Keine Lösungsschablone
Auch in Italien verdrängen eingeführte Grauhörnchen ihre roten Verwandten – könnte der Baummarder hier ebenso helfen? Lucas Wauters warnt vor zu einfachen Erwartungen. Der irisch-schottische Befund ist keine einfache Schablone für den Rest Europas, die Bedingungen sind andere. In Italien spielt nicht das Squirrelpox-Virus die zentrale Rolle, sondern unter anderem der aus Nordamerika eingeschleppte Fadenwurm Strongyloides robustus, der rote Eichhörnchen schwächen kann. Auch Waldtypen, Nahrung und Stadtlandschaften verändern die Konkurrenz. Für Wauters folgt daraus keine Absage an den Baummarder, aber: „Die Ökologie ist nie so einfach“, sagt er.
Sheehy hält den Ansatz dennoch für sinnvoll. „Baummarder wieder anzusiedeln, um roten Eichhörnchen zu helfen, halte ich für eine sehr gute Idee“, sagt sie. „Aber es wird nicht schnell passieren, und es ist kein Grund, alles andere einzustellen.“ Wer auf Baummarder setzt, müsse in Zeiträumen denken, wie sie eher aus der Forstwirtschaft vertraut sind: „zehn, zwanzig, dreißig oder fünfzig Jahre.“
Gerade darin liegt für Sheehy aber der entscheidende Unterschied zu Fallen, Abschuss oder künftig vielleicht Verhütungsmitteln für Grauhörnchen. Solche Maßnahmen können Bestände senken, müssen aber dauerhaft organisiert, bezahlt und wiederholt werden. „Wenn Baummarder fehlen, dann werden sich Grauhörnchen einfach wieder erholen, sobald man mit der Kontrolle aufhört“, sagt Sheehy. Sind Baummarder dagegen dauerhaft in der Landschaft etabliert, kann ihr Einfluss ohne laufende Projektkosten weiterwirken.
Ob dies neben den Midlands auch in Südwestengland gelingt, entscheidet sich auch an den Reaktionen der Menschen. Der Umweltsozialwissenschaftler Roger Auster von der University of Exeter hat vor der Wiederansiedlung untersucht, wie die Leute vor Ort auf die Rückkehr des Baummarders blicken. Zustimmung gab es ebenso wie Sorge um Geflügel und Niederwild. Ein Teilnehmer der Umfrage unterstützte die Rückkehr nur, „wenn es gut gemacht und gut geplant ist“. Genau daran hängt viel. Ein Räuber kehrt nicht in eine leere Wildnis zurück, sondern in eine genutzte Landschaft. Dort braucht Wiederansiedlung Monitoring, Ansprechpartner und Vertrauen.
Die jungen Baummarder von Dartmoor sind deshalb kein Happy End. Sie sind der erste sichtbare Nachwuchs eines Projekts, dessen Wirkung sich erst über Jahre zeigen wird. Der Baummarder rettet das rote Eichhörnchen nicht absichtsvoll. Er bringt eine alte ökologische Beziehung zurück – und damit eine Möglichkeit, dass sich ein lange entschieden wirkender Wettbewerb noch einmal verschiebt. //
Biologie
Rechts- oder Linksrüssler: Auch Schmetterlinge haben eine bevorzugte Richtung
5. August 2026
Menschen bevorzugen meist eine bestimmte Hand. Auch Taubenschwänzchen sind Rechts- oder Linksrüssler. Das hilft den Faltern, ihr Gehirn effizient zu nutzen.
natur PlusBiologie
Kleine Räuber, große Wirkung
3. August 2026
Wie Fuchs, Waschbär und Marderhund von Kulturlandschaften profitieren und seltene Arten unter Druck setzen.