Der Mensch verdankt seine Intelligenz seinem im Vergleich zur Körpergröße ungewöhnlich voluminösen und komplexen Gehirn. Über die evolutionären Wurzeln dieser einzigartigen Eigenschaft ist bisher jedoch kaum etwas bekannt. “Wir wissen nur wenig darüber, wann sich dieses Schlüsselmerkmal zu entwickeln begann”, erklärt Xijun Ni von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking. “Dies liegt auch daran, dass gut erhaltene Schädel unserer urzeitlichen Verwandten rar sind.” Eines der wenigen Fossilien, die einen Einblick in die frühe Entwicklungsgeschichte unseres Denkorgans liefern könnten, ist Chilecebus carrascoensis. Dieser kleine Primat lebte vor rund 20 Millionen Jahren im heutigen Chile und gehört zu den frühesten bekannten Vertretern der Neuweltaffen. Diese taxonomische Gruppe bildet mit den Altweltaffen, zu denen auch der Mensch gehört, die Teilordnung der Anthropoidea – gemeinhin schlicht Affen genannt.
Seine Position im Stammbaum sowie sein guter Erhaltungszustand machen Chilecebus für die Frage nach der Gehirnentwicklung besonders interessant. Aus diesem Grund haben sich die Forscher um Ni nun den Schädelausguss dieses Primaten mittels Computertomographie genauer angesehen und auf Basis dieser Aufnahmen die einstige Anatomie seines Gehirns rekonstruiert. “Der Endocast liefert uns nicht nur generelle Informationen über die Form und Größe des Denkorgans. Er offenbart auch Details über die Position und Form von Nerven, Blutgefäßen, Nebenhöhlen und sogar die Struktur von Hirnfurchen”, erläutern sie.
Klein, aber komplex
Die Analysen offenbarten: Das Gehirn von Chilecebus war wie erwartet zwar noch relativ klein, aber schon erstaunlich komplex. So stellten die Wissenschaftler fest, dass der Primat bereits über die für moderne Affen typischen gefalteten Hirnwindungen verfügt haben muss. Demnach hatte sein Gehirn eine überraschend entwickelte Oberflächenstruktur und verfügte über mindestens sieben Hirnfurchen-Paare. Ein weiteres spannendes Detail waren die Proportionen bestimmter Hirnregionen: Bei heutigen Primaten sind die Größe des visuellen und des olfaktorischen Zentrums im Gehirn oft negativ korreliert. Das bedeutet, dass Affen, die sich besonders stark auf ihre Augen verlassen, dafür schlechter riechen können – Kapazitäten für den Geruchssinn wurden im Laufe der Evolution offenbar zugunsten eines besseren Sehsinns eingetauscht. Dieser Zusammenhang aber findet sich bei Chilecebus nicht, wie das Team berichtet. Er hat zwar einen verhältnismäßig kleinen Riechkolben, jedoch keine analog vergrößerten visuellen Strukturen.
Dies deutet nach Ansicht der Wissenschaftler daraufhin, dass das olfaktorische und das visuelle System während der Evolution des Gehirns weniger stark aneinander gekoppelt waren als bisher gedacht. Sie scheinen sich vielmehr unabhängig voneinander entwickelt zu haben. Auf eine voneinander unabhängige Entwicklung einzelner Hirnbereiche deuten auch die Vergleiche mit Schädeln anderer früher Affen hin. So stellten die Forscher dabei fest: Einzelne Gehirnregionen wuchsen mit dem größer werdenden Gehirn nicht etwa gleichmäßig mit und behielten so ihre ursprünglichen Proportionen. “Stattdessen haben sich viele cerebrale Merkmale mosaikartig verändert”, berichten sie. “Dabei kam es mehrmals und unabhängig voneinander zu Vergrößerungen einzelner Strukturen und manchmal auch zu erneuten Verkleinerungen.”





