natur: Johann, du und deine Frau Nanni habt euer Leben in überraschend kurzer Zeit umgekrempelt. Wie hat dein Alltag vor eineinhalb Jahren ausgesehen?
Johann Struck: Wir haben tatsächlich unser Leben auf den Kopf gestellt. Vor eineinhalb Jahren hatte ich eine gut laufende Firma, und Nanni hat gerade ihr Studium abgeschlossen, um Lehrerin zu werden. Wir lebten in einer großen Wohnung in der Dortmunder Innenstadt. Ich besaß drei VW Käfer, einen Firmenwagen und einige gut gefüllte Schränke und Kisten mit Kleidung, Erinnerungsstücken usw. Meine Firma war nur ein Ein-Mann-Unternehmen, und so musste ich jeden Tag kräftig arbeiten. Mir hat die Arbeit nie viel Spaß gemacht. Ich wollte aber keine Mitarbeiter einstellen, weil ich wusste, dass wir bald unser Sabbatjahr starten würden. Und so freute ich mich am Ende über jeden vom Kunden abgesagten Auftrag. Ich bin der Arbeit 60 bis 70 Stunden pro Woche nur nachgegangen, um Geld zu verdienen. Erfreulicherweise habe ich nicht alles direkt ausgegeben, sondern viel gespart, um unsere Pause und den Neustart zu finanzieren.
Du hast im Sommer 2012 dein Unternehmen verkauft, und ihr habt eure Wohnung gekündigt, um ein Jahr lang zu reisen.
Genau so haben wir das gemacht. Viele Leute meinten, das muss man machen, wenn man noch jung ist und nichts aufzugeben hat. Ich habe allerdings eine gut laufende Firma verkauft. Und auch wenn wir kein eigenes Haus hatten, mussten wir etwas aufgegeben. Es hat sich ohne Frage gelohnt. Von dem Geld, das wir auf der Reise ausgegeben haben, hätte ich mir auch einen richtig schönen Oldtimer kaufen können, aber die Erinnerungen und unsere persönliche Entwicklung sind unbezahlbar. Wir sind zu Fuß und per Anhalter durch Europa gereist. Manchmal haben wir auch einen Fernbus, einmal sogar 24 Stunden am Stück von Kroatien nach Dortmund, eine Fähre oder ein Flugzeug benutzt. Die weitesten Strecken haben wir aber per Anhalter zurückgelegt. Wir sind etwa 15.000 Kilometer im Uhrzeigersinn rund um Deutschland getrampt und haben so 17 Länder gesehen. Wen die Tour interessiert, kann gerne die Reiseberichte auf unserem Blog lesen.
Warum seid ihr nicht um die Welt gejettet, wie es andere junge Menschen tun?
Der entscheidende Faktor war, dass ich erstmal Europa kennenlernen wollte. Die große weite Welt kann warten. Eine solche Reise durch Europa hat noch einige andere Vorzüge gegenüber einer Fernreise: Erstens, wir brauchten nie an einem Grenzübergang warten, geschweige denn ein Visum beantragen. Zweitens, wir mussten keine Angst vor Krankheiten haben, gegen die wir als Europäer nicht resistent sind. Und drittens, die Wege waren nicht so weit von Land zu Land und Stadt zu Stadt. Ganz Europa ist nur etwa so groß wie Kanada.






Das Gespräch führte Christof Herrmann. Auf seiner Seite 
