Die norwegische Inselgruppe Spitzbergen ist eines der nördlichsten bewohnten Gebiete der Welt. Auch unter Kreuzfahrt-Touristen sind die eisigen Landschaften ein begehrtes Ziel. Doch die menschliche Präsenz in der Region hat Folgen, denn durch sie werden Pflanzenarten nach Spitzbergen eingeschleppt, die dort eigentlich nicht heimisch sind. Noch wachsen sie ausschließlich in der nährstoffreichen Umgebung von Siedlungen und alten Hütten, doch mit steigenden Temperaturen könnten diese neuen Pflanzen bald auch in Gegenden vorkommen, die für sie aktuell noch lebensfeindlich sind.
Das Potenzial ist da
Forschende um James Speed von der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Norwegens in Trondheim haben dieses Szenario nun wissenschaftlich durchgespielt. Dafür ermittelten sie die ökologischen Nischen von 27 nicht-einheimischen Pflanzenarten, die derzeit auf Spitzbergen wachsen, und analysierten, in welchen Gebieten der Inselgruppe sie optimale Bedingungen vorfänden – sowohl aktuell als auch mit voranschreitendem Klimawandel. Dabei half dem Team ein eigens für diese Fragestellung entwickeltes Umweltmodell.
Das Ergebnis: „In Bezug auf das derzeitige Klima haben wir drei Arten identifiziert, die ein besonders hohes Potenzial haben, in Spitzbergen neue Lebensräume zu finden. Wenn es ihnen gelingt, sich in diesen Gebieten auszubreiten, könnten sie eine Bedrohung darstellen“, sagt Speed. Bei diesen Spezies handelt es sich um die Rasen-Schmiele (Deschampsia cespitosa), die Gewöhnliche Alpenscharte (Saussurea alpina) und den gelb blühenden Ranunculus subborealis (Subspezies villosus).
Klimawandel schafft Invasionsbedingungen
Die besten Bedingungen fänden nicht-einheimische Pflanzen derzeit aber nicht auf der bewohnten Hauptinsel vor, sondern auf den abgelegenen östlichen Inseln des Archipels, wie die Forschenden berichten. So wäre das Klima auf Edgeøya im Moment zum Beispiel für 13 der 27 untersuchten Pflanzenarten geeignet – in Zukunft sogar für 25 von 27. Steigende Temperaturen und vermehrte Niederschläge könnten einigen Pflanzenarten wie dem Wiesen-Rispengras (Poa annua), dem Kriechenden Hahnenfuß (Ranunculus repens) und dem Weißklee (Trifolium repens) sogar eine Ausbreitung auf 100 Prozent der nicht vergletscherten Regionen Spitzbergens ermöglichen, wie das Umweltmodell zeigt.
Speed und seine Kollegen fordern daher, so schnell wie möglich strengere Kontrollen für Besucher der Inselgruppe einzuführen. Während Touristen in der Antarktis selbstverständlich daraufhin überprüft werden, ob sich an ihren Schuhsohlen Pflanzenreste befinden oder ob importierte Erde Samen enthält, findet auf Spitzbergen derzeit nichts dergleichen statt. „Das Umweltmanagement auf Spitzbergen hat die Möglichkeit, proaktive Maßnahmen zu ergreifen, um die Neueinführung und Ansiedlung nicht-heimischer Pflanzen zu minimieren und die weitere Ausbreitung bereits etablierter nicht-heimischer Arten zu verhindern“, schreiben die Forschenden und hoffen, dass diese Möglichkeit auch genutzt wird.





