Humboldts Gedanken fallen in die Frühzeit der technischen Moderne und der Industrialisierung. Seither hat sich die Menschheit in den Industrienationen so verhalten, als stünde ihr die Natur zur beliebigen Nutzung zur Verfügung. Mensch und Natur schienen zweierlei.
Sie haben noch 2 von 3 kostenlosen Artikeln übrig1/3
Text: Andrea Stegemann
Humboldts Gedanken fallen in die Frühzeit der technischen Moderne und der Industrialisierung. Seither hat sich die Menschheit in den Industrienationen so verhalten, als stünde ihr die Natur zur beliebigen Nutzung zur Verfügung. Mensch und Natur schienen zweierlei.
Über Natur- oder Tierschutz wurde lange vor allem aus einer moralischen Perspektive heraus gesprochen. Viele erregten sich über Qualzuchten, Massentierhaltung oder Umweltverschmutzung, ihr Ruf war: So darf man mit der Natur nicht umgehen. Horst Stern zum Beispiel, 1980 Gründer des Magazins natur, wurde mit seinen Filmen als Mahner sehr bekannt. In vielen Beispielen kritisierte er das Verhalten der Menschen gegenüber ihren Mitgeschöpfen und schimpfte die Menschen üble Parasiten.
Der Paläontologe Volker Mosbrugger sah es 2008 als damaliger Direktor der Senckenberg Gesellschaft in Frankfurt im Welt-Interview nüchterner: „Der Mensch verhält sich auf der Erde ja nicht grundsätzlich anders als jedes beliebige Bakterium, jede Ameise oder jeder Vogel. Wir nutzen alle verfügbaren Ressourcen, um möglichst gut und zahlreich zu überleben. So machen das alle Lebewesen auf der Erde.“
Und auf die Frage, ob aus der Ausbeutung nicht auch Verantwortung entstehe, antwortete der Wissenschaftler: „Nein, evolutionsbiologisch gesehen nicht unbedingt. Nur weil wir erkennen, dass die Ressourcen nicht unendlich sind, sind wir nicht dazu verpflichtet, sie zu bewahren.“ Allerdings sei es irrsinnig, es nicht zu tun, fügte er hinzu. Seit 1972 der Club of Rome den Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ veröffentlicht hatte, war klar, dass ein „weiter so“ auf einen globalen Kollaps hinauslaufen würde. Wobei der Klimawandel zu dieser Zeit noch nicht einmal Thema war.
Die Menschheit schien sicher
Angesprochen auf die Klimaerwärmung erklärte der Wissenschaftler Mosbrugger im Jahr 2008: „Der Mensch kommt evolutionsgeschichtlich aus Afrika – mit wärmeren Temperaturen kommt unser Körper also gut zurecht. Und ob die Konzentration von Kohlendioxid ein wenig ansteigt oder nicht, belastet uns auch nicht weiter. Es wird vielleicht Hunger, Kriege und Völkerwanderungen geben, die verschiedenen Regionen und Gesellschaften werden leiden – und aus diesem Grunde sollten wir handeln. Aber wir müssen uns keine Sorgen um unser Überleben als Art machen.“
Rund 20 Jahre später machen sich durchaus viele Sorgen um das Überleben der Menschheit. Eine davon ist die Biologin Katrin Böhning-Gaese, bis 2024 ebenfalls Senckenberg-Direktorin in Frankfurt und heute Wissenschaftliche Geschäftsführerin am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). Als Wissenschaftlerin hat sie die ökologische Disziplin der Makroökologie in Deutschland etabliert, die größere Räume, viele Arten, Langzeittrends und globale Muster betrachtet. Sie spricht in einem SWR-Interview nicht mehr von der Ausbeutung der Natur, sondern von Übernutzung.
Mehr aus Erde & Umwelt
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Erde & Umwelt.
Der Mensch war nicht immer schlecht für die Artenvielfalt – im Gegenteil
17. Juli 2026
Die Landwirtschaft gilt heute als Bedrohung für die Artenvielfalt. Doch das war nicht immer so. Jahrtausendelang hat der Mensch die Pflanzenvielfalt dadurch…
Erde & Umwelt
Überlebenstrick der Braunbären steckt im Kiefer
10. Juli 2026
Braunbären haben als echte Anpassungskünstler mehrere Eiszeiten überlebt. Eine 3D-Analyse zeigt nun den Grund dafür - er steckt im Unterkiefer.
Artenverlust und Klimawandel seien dabei Symptome desselben Problems und müssten zusammen angegangen werden.
Biodiversität für menschliches Leben
Denn alles, was wir für unsere Existenz brauchen, beruht auf einer intakten Natur, so die Forscherin, angefangen bei sauberer Luft über Nahrungsmittel, Kleidung, Bauholz, Medikamente bis hin zu unserem Wohlbefinden und unserem Glück. Diese existenzielle Verflechtung mit der Natur würden wir als moderne Menschen unterschätzen, da wir oft sehr distanziert von der Natur leben.
Lebensmittel kennen viele nur noch aus dem Supermarkt und wissen nicht mehr, wo und wie sie wachsen. Oder man sieht in Medikamenten reine Chemie, dabei stammen die Wirkstoffe aus der Natur. Beispielsweise sind fast drei Viertel aller klinisch relevanten Antibiotika Naturstoffe – produziert von Bakterien.
„Die Biodiversität ist das Netzwerk in der Natur, das uns all die Leistungen für unser Leben zur Verfügung stellt“, betont Böhning-Gaese.
Und was bedeutet dann der Klimawandel? „Die Biodiversität bestimmt darüber, ob wir leben – der Klimawandel definiert, wie wir leben.“
Massive Eingriffe des Menschen
Biodiversität wird oft mit Artenvielfalt gleichgesetzt, umfasst jedoch die kompletten Ökosysteme, Arten, Gene, Lebensräume und deren Zusammenspiel – die nachhaltige Balance der Natur. In diese hat der Mensch jedoch in den letzten Jahrtausenden massiv eingegriffen.
Zum Beispiel Säugetiere: Vor 50.000 Jahren machte der Mensch ein Prozent der Landtier-Biomasse aus, 99 Prozent waren die anderen – wilden – Arten. Heute sind 34 Prozent die Menschen, 62 Prozent die Nutztiere des Menschen, und nur noch 4 Prozent Wildtiere. In 50.000 Jahren hat der Mensch das Verhältnis fast komplett umgedreht. Und nicht nur die Säugetiere sind betroffen. Es gibt heute auch mehr Hühner auf der Erde als wild lebende Vögel.
Die recht stabilen klimatischen Bedingungen der letzten 10.000 Jahre haben es den Menschen erlaubt, zu einer Weltbevölkerung von heute über acht Milliarden Individuen zu wachsen. Ein entscheidender Faktor dafür war, dass der einstmalige Jäger und Sammler in vielen Regionen der Welt zum sesshaften Bauern wurde, der Ackerbau und Viehzucht betrieb – zulasten der wilden Natur.
Die Entwicklung geht laut der Biodiversitätsforscherin Böhning-Gaese hin zu immer mehr von den gleichen Arten und weniger von den besonderen Arten. Für Deutschland bedeutete dies zuletzt: Im Zeitraum von 27 Jahren sind in Deutschland drei Viertel der Insekten verschwunden und in der Folge auch 30 Prozent der Vögel. Von Feldlerchen etwa ist nur noch die Hälfte da, vom Kiebitz unter zehn Prozent. Und dies ist nur ein kleiner Ausschnitt.
Mitten im Massenaussterben
Global gesehen befinden wir uns mitten in einem Massenaussterben, dem sechsten in 3,5 Milliarden Jahren, sagt Johannes Vogel, Direktor des Naturkundemuseums Berlin im WDR und erklärt weiter: „Dieses Massensterben ist nicht durch eine Naturkatastrophe ausgelöst worden, es geschieht auch nicht von selbst, es ist kein Sterben, sondern ein Massentöten. Keine Spezies vor uns hatte jemals die Kraft, ein Massenaussterben auszulösen. Jetzt kann das erstmals ein einzelnes Lebewesen durch seine Art zu leben, zu wirtschaften, zu konsumieren.“
Das letzte Massenaussterben war vor 65 Millionen Jahren, ausgelöst durch einen großen Meteoriten, mit den Dinosauriern als Opfern. Diesmal kann es den Menschen treffen, als Individuum nicht so groß wie ein Saurier, in der Masse aber größer. „Die Menschheit hat es bis heute geschafft, nach den Ameisen die zweitgrößte tierische Biomasse auf der Erde zu sein“, sagt Vogel. Doch anders als beim Aussterben der Dinosaurier ist heute kein großer Knall zu erwarten, die Prozesse verlaufen schleichend. Dabei startet das Artensterben auf einem hohen Niveau.
Schätzungen legen nahe, so Vogel, dass es niemals eine größere Artenvielfalt gab als in unserer Welt, weil nach jedem Massenaussterben das zurückkehrende Leben neue Höhen erreichte. Doch er stellt fest: „Wir killen das Leben mit einer Geschwindigkeit, die schneller ist, als es jemals in der Erdgeschichte gemessen wurde.“
Natur retten bedeutet Menschen retten
Die natürlichen Ökosysteme sind weltweit schon um rund die Hälfte zurückgegangen, mit schwerwiegenden Auswirkungen auf den Menschen. So sind funktionierende Ökosysteme in Zeiten des Klimawandels wichtige CO2-Speicher; fehlen sie, befeuert das die Erderwärmung. Artenvielfalt hilft aber auch bei laufender Klimaerwärmung. Sie bedeutet Anpassungschancen und mehr genetische Varianz für eine höhere Resilienz gegenüber Hitze und Trockenheit.
Der Verlust von Naturräumen hat bereits dazu geführt, dass in den letzten 150 Jahren Pandemien durch virale Zoonosen deutlich zugenommen haben. Wenn die Weltbevölkerung wächst und sich der Mensch überall hin ausbreitet, gibt es mehr Kontakte zwischen Menschen und den verbliebenen Wildtieren. „Covid war eine milde Pandemie in Bezug auf die Möglichkeiten, die die Natur für uns bereithält“, warnt Vogel. Sie habe uns ein Sechstel des Weltvermögens gekostet, ergänzt er.
Weiterhin nur auf Kosten der Natur zu leben, wird nicht mehr möglich sein. Laut einem Bericht vom Wirtschaftsforum in Davos hängen 44 Billionen Dollar an wirtschaftlicher Wertschöpfung – mehr als die Hälfte des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) – mäßig oder stark von der Natur ab. Sie zu erhalten, erfordert jetzt Investitionen in die Natur.
„Wir brauchen eine fundamentale sozial-ökologische Transformation“, sagt Böhning-Gaese. „Der Weg ist schwierig, aber er ist notwendig und grundsätzlich möglich.“
Einen wichtigen Hebel sieht sie in der Landwirtschaft. In Europa sei die landwirtschaftliche Produktivität in der Agrarlandschaft zu hoch und gehe auf Kosten der Biodiversität. In vielen Ländern des globalen Südens, insbesondere in Afrika, sei die Produktivität dagegen zu niedrig. Die vorhandenen landwirtschaftlichen Flächen würden nicht effizient genutzt, stattdessen würden immer wieder neue Waldflächen gerodet. Hier Veränderung zu schaffen, wäre nötig und möglich.
Am Beispiel Tierhaltung zeige sich auch, dass Politik und Wirtschaft durchaus auf öffentliche Debatten und Konsumverhalten reagieren würden. Bei der Orientierung hinsichtlich Artenschutz und Biodiversität könnten bestimmte Produktsiegel helfen. Noch gehe es um einen Nischenmarkt, aber wenn der Anteil solcher Produkte wachse, würde das einen großen Unterschied machen. Wichtig sei dies auch global. „Wenn etwa Kaffeebäuerinnen und -bauern in Südamerika einen Biokaffee anbauen und dafür fair vergütet werden, dann wird in den artenreichsten Regionen die Biodiversität geschützt, ein nachhaltiger Anbau gefördert, und das Produkt hat einen positiven sozialen Impact. Mir scheint, das wird öffentlich noch zu wenig wahrgenommen“, sagt Böhning-Gaese.
Eine Weltrettungsmaschine
Auch Johannes Vogel wird konkret. So sei es oft schwierig, die Klimakrise und Artensterbekrise als eine zusammengehörige Krise zu erkennen und als Menschen Verantwortung dafür zu übernehmen. Manche Tierschützer würden etwa Windkraftanlagen wegen der Gefahr des Vogelschlags ablehnen. Doch als Quelle für erneuerbare Energie brauche man sie. Ohne Bekämpfung der Klimakrise würden viel mehr Arten aussterben, als durch einzelne Windräder bedroht seien. Oft sei es jedoch nicht einfach, zu richtigen Entscheidungen zu kommen. Die große Idee von Johannes Vogel heißt daher Weltrettungsmaschine. Was das ist? „Ein digitaler Zwilling der Geo-Biosphäre.“ Vogel spricht vom Wetterbericht, der recht genau informiere, ob wir einen Regenschirm mitnehmen sollten. Auch für das Klima hätte man inzwischen relativ gute Vorhersagen. Dagegen fehlen völlig Prognosen, was geschieht, wenn eine bestimmte Vogelart ausstirbt.
Dabei gäbe es die Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen, mit deren Hilfe man ein digitales Modell der Welt bauen könnte. Vogel verweist auf die Naturkundemuseen in Berlin, Frankfurt, Bonn oder auch London und Paris, deren Sammlungen digital erschlossen werden könnten.
Zum Beispiel gibt es in Berlin eine große Sammlung von Vogelnestern. Solch ein Vogelnest, das beispielsweise auf einer ozeanischen Insel vor 150 Jahren gesammelt wurde, enthält die Genetik der Vögel, die es genutzt haben – und das über mehrere Generationen. Im noch vorhandenen Kot in diesen Nestern würde man die Parasiten finden. Man hätte die Pflanzen, aus denen das Nest zusammengesetzt wurde. Für alle Organismen wäre es möglich, bis zur DNA zu gehen. Über stabile Isotope könnte man nachschauen, welche Umweltbedingungen, etwa welche klimatischen Bedingungen, geherrscht haben.
So könnte man die Welt von vor 150 Jahren erschließen. Zusammen mit der Beobachtung der Jetztzeit bekäme man ein Modell, das genügend Datenpunkte liefern würde, um nach vorne zu blicken. So, dass wir den Blindflug in Bezug auf Natur abschaffen könnten und wissen würden, was wir tun.
Doch solch einen digitalen Zwilling aufzubauen, wäre ein Megaprojekt mit immensen Kosten. Vogel nennt in seinem gemeinsam mit seiner Frau Sarah Darwin und Boris Herrmann verfassten Buch „Das Parlament der Natur“ einen Betrag von 100 Milliarden. Davor dürfe man nicht zurückschrecken, meint Vogel, das sei zum Beispiel weniger als bisher in die Weltraumstation ISS geflossen sei. Und es gehe schließlich um das Leben auf der Erde.
Die Finanzierung der Biodiversität
Im Dezember 2022 wurde das Weltnaturabkommen (Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework, kurz GBF) verabschiedet. Es ist der bisher ambitionierteste Versuch der Staatengemeinschaft, die biologische Vielfalt der Erde zu bewahren und auf eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung innerhalb der planetaren Grenzen umzustellen. Die 23 definierten Ziele zu erreichen, kostet jedoch viel Geld, geschätzt 700 Milliarden Dollar jährlich. Rund 500 Milliarden davon soll allein ein Abbau oder eine Umschichtung von naturschädlichen Aktivitäten und Subventionen bringen. Die übrigen 200 Milliarden Dollar sollen von den Mitgliedsstaaten aktiv eingebracht werden, wobei reiche Staaten ärmere Staaten unterstützen sollen.
Die COP16-Konferenz im kolumbianischen Cali im letzten Herbst endete jedoch ohne konkreten Finanzplan, dafür brauchte es einen weiteren Termin Ende Februar in Rom. Die weltweiten Ausgaben für Biodiversität sollen nun bis 2030 auf 200 Milliarden US-Dollar pro Jahr hochgefahren werden. Davon sollen ab 2025 jährlich 20 Milliarden Dollar aus den Industriestaaten an die armen Länder fließen und ab 2030 dann 30 Milliarden Dollar.
Katrin Böhning-Gaese sieht mit den Ergebnissen der Konferenz die Grundlagen für die Umsetzung der Ziele des Weltnaturgipfels in Montreal gelegt. Wichtig seien jedoch jetzt Taten: „Dass die reichen Länder der internationalen Staatengemeinschaft in die Fonds zur Unterstützung der einkommensschwächeren Länder einzahlen. Da die höchste Biodiversität auf der Erde oft in diesen Ländern liegt, ist dies ein wesentlicher Beitrag zum Schutz der globalen Artenvielfalt, zum Naturerbe der Menschheit.“ //
natur PlusErde & Umwelt
Die Amphibienarche
9. Juli 2026
In einer Amphibienstation im Kreis Höxter (NRW) werden Kröten, Unken und Frösche gezüchtet. Die bedrohten Arten sollen in renaturierten Flusslandschaften neue…
Erde & Umwelt
Aus Alt mach Neu: Retrofitting macht Dieselbusse zu E-Bussen
8. Juli 2026
Die Verkehrswende ist eine Voraussetzung für die Klimaneutralität. Eine Studie zeigt, wie Dieselbusse klimafreundlich auf Elektroantrieb umgerüstet werden…