Als am 20. April 2010 die Bohrinsel „Deepwater Horizon“ explodierte, brach eine der größten Ölkatastrophen aller Zeiten über das Ökosystem im Golf von Mexiko herein. 87 Tage lang strömten aus dem geborstenen Bohrloch fast fünf Millionen Barrel Rohöl ins offene Meer, von denen lediglich 1,8 Millionen wieder entfernt werden konnten. Rund um die Bohrinsel trieb monatelang ein Ölteppich von der anderthalbfachen Größe des Saarlandes und auch fast 2.000 Kilometer Küstenlinie waren im Sommer 2010 mit Öl verschmiert.
Die extreme Ölpest hatte verheerende Folgen für Tierwelt und Ökosystem. Insgesamt starben hunderttausende Fische und Vögel, darunter mehr als ein Drittel der ansässigen Aztekenmöwen-Population. Auch hunderte Meeressäuger sowie unzählige Krabben, Garnelen, Insekten und Kleinstlebewesen fielen der Umweltkatastrophe zum Opfer.
Neues Schadensgutachten für die Unglücksstelle
Nun zeigt eine neue Studie, dass die Auswirkungen des Deepwater Horizon-Unglücks sogar noch größere Schäden verursacht haben als ohnehin bereits angenommen. Konkret haben Forschende um Jeffrey Baguley von der University of Nevada-Reno ermittelt, wie stark die Ölpest die im und am Meeresboden lebenden Harpacticoida-Ruderfußkrebse beeinträchtigt hat. Sie gelten als besonders sensibel gegenüber Umweltveränderungen und daher als guter Indikator für die von Umweltkatastrophen verursachten Schäden.
Um mehr über das Befinden der winzig kleinen Krebse zu erfahren, sammelten Baguley und seine Kollegen Proben an insgesamt 95 Messstellen rund um den Ort des einstigen Unglücks und ermittelten jeweils, wie viele und welche Arten von Harpacticoida-Ruderfußkrebsen sich darin befanden. So konnte das Team die bis heute andauernden Auswirkungen des Unglücks genauer einordnen und neu bewerten.
Betroffene Fläche deutlich größer als gedacht
Das Ergebnis: „Die Studie zeigt, dass die Vielfalt der Harpacticoida-Ruderfußkrebse aufgrund der Ölverschmutzung durch Deepwater Horizon drastisch zurückgegangen ist“, berichtet Co-Autor Masoud Rostami, ebenfalls von der University of Nevada-Reno. Rund um den Unglücksort fand das Team fast ausschließlich besonders resistente beziehungsweise öl- und schwermetalltolerante Arten. Sensiblere Spezies waren in dieser Region größtenteils verschwunden und tauchten erst in zunehmender Entfernung zu der einstigen Bohrinsel wieder auf.
Überraschenderweise konnten Baguley und sein Team diese starken Veränderungen in der Ruderkrebspopulation in einem deutlich größeren Gebiet nachweisen als der bislang geschätzten Schadenszone. Demnach hat die Explosion der Deepwater Horizon das Ökosystem auf einer Fläche von mindestens 2.864 Quadratkilometer beeinträchtigt – das ist neunmal größer als die bisher gemeldete betroffene Fläche. Die Auswirkungen der mittlerweile fast 15 Jahre vergangenen Ölkatastrophe sind somit nicht nur immer noch spürbar, sondern auch viel großflächiger als gedacht.





