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Das Wunder der Abruzzen-Bären
Die Frühsommersonne wandert langsam westwärts, eine laue Brise bringt die Ahornbäume auf der Aussichtsplattform von Gioia Vecchio zum Wispern. Über dem blühenden Wildwuchs am Talrand flattern Schmetterlinge, darunter auch mehrere Schwalbenschwänze, die sich rasante Verfolgungsjagden liefern, in der Ferne ruft ein Kuckuck. Die Kirche San Vincenzo hier oben ist nicht gerade die Sehenswürdigkeit; trotzdem kommen immer wieder Reisende her. Deren Ziel ist auch nicht das recht schmucklose Gotteshaus, sondern die Terrasse dahinter. Dort eröffnet sich in knapp 1.400 Metern Höhe der Blick auf die wunderschöne Berglandschaft des „Parco Nazionale D’Abruzzo, Lazio e Molise“, Italiens zweitältesten Nationalpark. Das dazugehörige Dörfchen Gioia Vecchio beherbergt längst keine Ortsansässigen mehr. Die Häuser werden nur noch als Feriendomizile genutzt, denn Rom ist gerade einmal zwei Autostunden entfernt. So, wie viele der Regionen Südeuropas, wurde auch dieses Gebiet schwer von der Landflucht…
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Text: Kurt de Swaaf
Die Frühsommersonne wandert langsam westwärts, eine laue Brise bringt die Ahornbäume auf der Aussichtsplattform von Gioia Vecchio zum Wispern. Über dem blühenden Wildwuchs am Talrand flattern Schmetterlinge, darunter auch mehrere Schwalbenschwänze, die sich rasante Verfolgungsjagden liefern, in der Ferne ruft ein Kuckuck. Die Kirche San Vincenzo hier oben ist nicht gerade die Sehenswürdigkeit; trotzdem kommen immer wieder Reisende her. Deren Ziel ist auch nicht das recht schmucklose Gotteshaus, sondern die Terrasse dahinter. Dort eröffnet sich in knapp 1.400 Metern Höhe der Blick auf die wunderschöne Berglandschaft des „Parco Nazionale D’Abruzzo, Lazio e Molise“, Italiens zweitältesten Nationalpark. Das dazugehörige Dörfchen Gioia Vecchio beherbergt längst keine Ortsansässigen mehr. Die Häuser werden nur noch als Feriendomizile genutzt, denn Rom ist gerade einmal zwei Autostunden entfernt. So, wie viele der Regionen Südeuropas, wurde auch dieses Gebiet schwer von der Landflucht getroffen.
Der Natur indes hat die Entvölkerung neue Perspektiven eröffnet. Sie erobert das vormals bewirtschaftete Tal wieder, die Wildnis kehrt zurück. Besonders gut lässt sich dies von der Plattform hinter der Kirche aus beobachten. Wo einst Weiden und Heuwiesen waren, gedeiht jetzt eine halb offene Buschlandschaft. Bäume, Sträucher und wildblumengespickte Grasflächen wechseln einander ab. Dieser mosaikartige Bewuchs ist das Werk großer Pflanzenfresser und ein Hort der Biodiversität, wie der Forstwissenschaftler und Nationalparkdirektor Luciano Sammarone wenige Stunden zuvor erklärt hat. Zum Teil grasen hier oben noch Kühe und Pferde, aber es gibt auch reichlich wilde Herbivoren, sprich Rehe, Rothirsche und die seltenen Abruzzen-Gämsen. Naturliebhaber hoffen, durchs Fernglas einen Blick auf solche Huftiere erhaschen zu können. Wölfe kommen ebenfalls vor. Mit ganz viel Glück lässt sich sogar der größte Bewohner des Gebirges blicken: der Apennin-Braunbär.
Gerade noch gerettet?
Die Tatsache, dass man mitten in Italien Bären in freier Wildbahn begegnen kann, ist anderswo in Europa kaum bekannt. Bei Zoologen gelten die bis zu 200 Kilogramm schweren Vierbeiner mit dem wissenschaftlichen Namen Ursus arctos marsicanus als eine eigenständige Unterart des auf der nördlichen Hemisphäre weit verbreiteten Braunbären. Aktuellen Schätzungen zufolge dürfte es von der zentralitalienischen Subspezies noch etwa 60 wild lebende Exemplare geben – mutterabhängige Jungtiere nicht miteingerechnet. Die internationale Naturschutzorganisation IUCN stuft den Apennin-Braunbären deshalb zu Recht als „vom Aussterben bedroht“ ein. Die Lage ist aber nicht hoffnungslos, wie Luciano Sammarone betont. „In den vergangen zehn Jahren haben wir Anzeichen einer Verbesserung der Populationsgröße gesehen.“ Nicht nur der Bärenschwund wurde vorerst wohl gestoppt, nun scheint sogar eine langsame Bestandserholung einzusetzen. Die Braunpelze breiten sich zudem wieder in Nachbarregionen aus. Mittlerweile haben die ersten von ihnen die über 100 Kilometer entfernten Monti Sibillini nördlich des Abruzzen-Nationalparks erreicht.
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Zu verdanken ist diese Trendwende dem unermüdlichen Einsatz von Fachleuten und Freiwilligen. Allein der gesetzliche Schutz reicht nämlich nicht aus; Ursus arctos marsicanus bleibt weiterhin von verschiedenen Gefahren bedroht. Nur 20 Prozent der Sterblichkeit lassen sich dabei nachweisbar auf natürliche Todesursachen zurückführen, erklärt Sammarone. Das heißt: Vier Fünftel der Apennin-Braunbären kommen durch menschliche Einwirkung ums Leben. Sie werden illegal erschossen, vergiftet oder fallen dem Verkehr zum Opfer. Besonders grausam sind die Verluste durch Ertrinken: Die Tiere stürzen in aufgegebene Zisternen und können an den glatten Wänden nicht mehr herausklettern. Dasselbe ist auch schon in künstlichen Wasserreservoirs für Schneekanonen passiert. Inzwischen haben Nationalpark-Ranger und ehrenamtliche Helfer die meisten dieser tödlichen Fallen jedoch entschärft, berichtet Sammarone.
Geschichte der Abschottung
Historisch gesehen war es wahrscheinlich die raue, teils schwer zugängliche Bergwelt Mittelitaliens, die das Überleben der Bären sicherte. Die Gipfel sind hier zum Teil deutlich über 2.500 Meter hoch, viele Hänge steil und zerklüftet – ein ideales Refugium für die verfolgten Tiere. Sie wurden in Italien noch bis ins 20. Jahrhundert hinein legal bejagt, sogar die einstige Königsfamilie stellte ihnen gerne in den Abruzzen nach. Doch den Verfolgten gelang es, sich genau in dieser Region zu halten. Die Apenninen-Population war zu der Zeit übrigens schon sehr lange von ihren Artgenossen in anderen Teilen Europas abgeschnitten. Bis vor wenigen Jahren glaubte man noch, die Trennung der Bestände habe irgendwann im späten Mittelalter oder während der Frühen Neuzeit stattgefunden. Durch intensive Jagd, so die Annahme, wären die Bären im Norden der Abruzzen ausgerottet worden; infolgedessen sei dann auch der Genfluss zwischen den Tieren in Mittelitalien und jenen in den Alpen zum Erliegen gekommen. Eine vollständige Isolation.
Inzwischen ist diese Einschätzung allerdings überholt, wie Luciano Sammarone erläutert. Erbgut-Analysen weisen auf eine sehr viel frühere Separierung hin: Bereits vor 3.000 bis 4.000 Jahren, meint der Nationalparkdirektor. Auslöser dafür war auch damals vermutlich schon der Mensch. Homo sapiens wurde sesshaft und hatte im Zuge der Neolithisierung große Waldflächen abgebrannt, um diese in Ackerland und Weiden umzuwandeln. Die Bären verloren viele ihrer Lebensräume und wurden zunehmend gejagt. Gut möglich, dass die Braunpelze deswegen schon Jahrhunderte vor dem Aufstieg des Römischen Reichs aus den nördlichen Apenninen verschwanden. Zusätzlich erschwerte die Geografie den Kontakt mit der alpinen Bärenpopulation, erklärt Sammarone. Die ausgedehnte, von Menschen besiedelte Po-Ebene im Norden Italiens dürfte ein kaum überwindbares Hindernis gewesen sein; als einzige Verbindung blieb da nur das ligurische Küstengebirge im Nordwesten des Landes.
Vielfältige Speisekarte
Von der Aussichtsplattform an der Gioia Vecchio sind am heutigen Tag leider keine Wildtiere zu sehen, geschweige denn Bären. Trotzdem sollen sie regelmäßig hier auftauchen – vor allem, um zu grasen. Ursus arctos marsicanus ernährt sich weitestgehend vegetarisch, hat Luciano Sammarone zuvor erklärt. Der Speiseplan der Braunpelze sei strikt an den Jahreszeiten ausgerichtet. Im Frühling, sobald sie aus dem Winterschlaf aufgewacht sind, vertilgen die Tiere große Mengen an Gras, welches dann noch saftig und proteinreich ist. Später sind die Beeren des Alpen-Kreuzdorns (Rhamnus alpina) eine wichtige Futterquelle. Experten wissen das genau und suchen für die alljährlichen Zählungen von Bärenmüttern mit ihrem Nachwuchs gezielt Areale mit vielen Kreuzdornbüschen auf. Die überwiegenden Einzelgänger kommen dort friedlich zusammen, berichtet Sammarone. Der satte Überfluss besänftigt. Ist der Herbst da, schlagen sich die Apennin-Braunbären mit Bucheckern die Bäuche voll – so viele, wie sie finden können. Die energiereiche Kost hilft ihnen, genug Fett für die kalte Jahreszeit anzusetzen. Wie wichtig Buchen als Nahrungsressource für die Tiere sind, zeigt die Geburtenrate der Kraftprotze. Im Anschluss an ein sogenanntes Mastjahr, wenn die Bäume besonders reichlich getragen haben, kommen stets mehr Welpen zur Welt. Das Energiefutter fördert offenbar die Fruchtbarkeit der Bärinnen. Die Ernährungsvorlieben der großen Säuger zu studieren sei im Übrigen ziemlich einfach, erklärt Luciano Sammarone. Evolutionsbiologisch betrachtet seien sie ja eigentlich Karnivoren. Dementsprechend ist ihr Magen-Darm-Trakt auch nicht auf vegetarische Kost ausgelegt. Pflanzliches kann Ursus arctos meistens nur zum Teil verarbeiten, der Rest wird höchstens halb verdaut – und dadurch gut erkennbar – wieder ausgeschieden. Im Bärenkot lässt sich somit oft detailliert ablesen, was Meister Petz verspeist hat. Die schlechte Verwertung bedeutet allerdings auch, dass die Tiere umso mehr fressen müssen, erläutert Sammarone. Und durch das Vertilgen großer Mengen Beeren und anderer Früchte spielen die Marsischen Bären, wie sie von Einheimischen auch genannt werden, eine wichtige Rolle als Samenverbreiter.
Ihren Proteinbedarf decken die Braunpelze zusätzlich über Insekten. Fleisch steht bei ihnen indes nur selten auf dem Speiseplan. „Der Bär ist kein großer Jäger“, betont Luciano Sammarone. Aas und das, was Wölfe von ihrer Beute übrig lassen, werden deshalb gerne genommen. Vieh erbeutet Ursus arctos marsicanus dennoch gelegentlich, hauptsächlich Schafe und Ziegen. Die Nationalparkverwaltung verifiziert jedes Jahr einige Dutzend solcher Fälle, betroffene Bauern bekommen eine Entschädigung. Der Mensch selbst muss sich jedoch nicht fürchten. Im Gegensatz zu anderen Regionen Europas liegen aus Mittelitalien keine Meldungen über Angriffe vor. „Diese Bären sind nicht mehr aggressiv“, sagt Paolo Ciucci, Biologe an der Universität La Sapienza in Rom. Das Erbgut der Apennin-Bären zeigt Hinweise auf eine genetische Codierung des Verhaltens, erklärt der Forscher. Durch die jahrtausendelange Nähe zum Homo sapiens habe die Evolution womöglich scheue, friedfertige Exemplare bevorzugt, während die Draufgänger unter ihnen schneller Lanzen und Flinten zum Opfer fielen. Eine besondere Variante der natürlichen Selektion. „Das heißt aber nicht, dass es domestizierte Tiere sind“, warnt Ciucci. Man sollte zu den Bären immer respektvolle Distanz halten.
„Salviamo l’Orso“
Am nächsten Tag steht Biologin Serena Frau oben auf dem Olmo di Bobbi und freut sich über den schönen Panoramablick. Der knapp 1.400 Meter hohe Bergrücken ist überwiegend von offenem Grasland, Typ Kalkmagerrasen, geprägt, aber es gibt auch bewaldete Flächen. Die meisten davon wurden nach dem Zweiten Weltkrieg gezielt mit Nadelbäumen aufgeforstet, um die Erosion zu bekämpfen und talwärts rauschende Niederschläge zu bremsen, erklärt Frau. Sie arbeitet für die Naturschutzorganisation „Salviamo l’Orso“, zu Deutsch „Rettet den Bären“. Heute will die Wissenschaftlerin eine hier installierte Kamerafalle überprüfen. Über eine staubige Schotterpiste geht es zu Fuß nordwärts, vorbei an verschiedenen Orchideenarten und weiteren seltenen Pflanzenspezies – eine faszinierende Vegetation wie aus dem Lehrbuch.
Die Kamera hängt in einem Hain auf der anderen Seite der Kuppe. Wahrscheinlich ist er ein Überrest des ursprünglichen Naturwaldes, meint Serena Frau. Die Hirten, die hier einst mit ihrem Vieh über die Sommerweiden zogen, holzten nicht alles ab, sondern ließen vereinzelt Waldflecken als Schutz gegen Sonne und Wind stehen. Das Gehölz wirkt tatsächlich urtümlich. Knorrige, breit verzweigte Rotbuchen wechseln sich mit dichten Haselbüschen ab; am Rand wachsen ein paar Christrosen. Weiter hangabwärts bildet das Gelände eine kleine Senke, mittendrin ein natürliches Wasserloch. Letzteres lockt natürlich Tiere an. „Ein wunderschöner Ort“, schwärmt Frau. Im Schlamm sind überall Spuren. Auch der menschlichen Nase bleibt die häufige Präsenz von Vierbeinern hier nicht verborgen. Es riecht nach Wildschwein.
Frau hat die Kamerafalle an einem Baum direkt über einem momentan trockenen Tümpel befestigt. Die Aufnahmen zeigen ein paar halb verwilderte Pferde, einen Rothirsch, einen Wolf, wie erwartet jede Menge Wildschweine sowie eine prächtige Wildkatze. Aber leider keinen Bären. Dennoch kommen auch diese regelmäßig hierher, beteuert die Forscherin. Dann drängt sie zum Aufbruch. „Ich möchte nicht, dass unser Geruch sich hier festsetzt.“ Die durch den Klimawandel zunehmende Trockenheit droht für die hiesige Tierwelt zum Problem zu werden, berichtet Frau auf dem Rückweg aus der Senke. „Salviamo l’Orso“ habe deshalb das Projekt „Gioccia dopo Gioccia“, „Tropfen um Tropfen“, gestartet. Mit minimalen Eingriffen, wie dem Vertiefen natürlicher Wasserlöcher, soll die Verfügbarkeit des lebenswichtigen Elements verbessert werden. Weiter oben am Waldrand fallen plötzlich einige umgedrehte Steine ins Auge. Irgendjemand hat offenbar nach Ameisennestern gesucht, und der größte Steinblock ist für einen Dachs eindeutig zu schwer. Ja, da war ein Bär am Werk, bestätigt Serena Frau. Vor allem Ameisenpuppen sind bei den Feinschmeckern eine beliebte Delikatesse.
Bären in Europa
Einst reichte ihr Verbreitungsgebiet vom marokkanischen Atlasgebirge bis zum Nordkap und schloss auch die Hauptinsel Großbritannien mit ein; heute dagegen sind Braunbären aus den meisten Regionen unseres Kontinents verschwunden. Die größten noch verbliebenen Populationen leben im europäischen Teil Russlands (geschätzt 35.000 bis 40.000 Exemplare) und in den rumänischen Karpaten, wo laut einer aktuellen Studie bis zu 13.000 der großen Räuber beheimatet sein könnten – deutlich mehr, als bislang angenommen wurde.
In den Gebirgszügen des westlichen Balkans, zwischen Slowenien und Griechenland, dürften der Naturschutzorganisation IUCN zufolge rund 3.900 Braunpelze vorkommen. Stabile oder gar wachsende Bestände gibt es auch in Schweden und Norwegen (zusammen etwa 3.400 Tiere), Finnland (circa 1.800 Bären) und im Baltikum (gut 700 Individuen).
Abseits solcher „traditionellen“ Bärengebiete haben nur einige wenige Restpopulationen überdauert. Das nordwestspanische Kantabrien beherbergt noch immer zwei kleine getrennte Gruppen von insgesamt rund 320 Exemplaren. Weiter östlich, in den Pyrenäen, zählte man noch 43 Tiere. Dieser Bestand wird derzeit durch das gezielte Umsiedeln von Bären aus Südosteuropa künstlich gestützt. Ein ähnliches Projekt rettete die alpine Restpopulation in Norditalien. Dort lebten in den 1990er Jahren nur noch vier einheimische Bären. Dank der Verstärkung vom Balkan sind es heute wieder um die 50.
Für die Apennin-Population kommt eine solche Lösung allerdings nicht infrage. Fachleute befürchten schädliche Einkreuzungen im Erbgut der Unterart – inklusive einer möglichen Aggressionssteigerung.
Ein wesentlicher Teil der Arbeit von „Salviamo l’Orso“ zielt auf die Verbesserung der Koexistenz von Bären und Menschen ab. Die Vierbeiner gehen bei der Nahrungssuche nicht unbedingt zurückhaltend vor; Bienenstöcke, Obstbäume, Hühnerställe und auch Mülleimer werden regelmäßig geplündert. Doch die Vermeidung solcher Übergriffe ist eigentlich recht einfach. Serena Frau weist den Weg zu einem Obstgarten am Fuße der Olmo di Bobbi, nahe dem Dorf Ortona dei Marsi. Ein filigran wirkender, eng gespannter Elektrozaun sichert die Pflanzung. Reicht das wirklich, um einen hungrigen Braunpelz aufzuhalten? Gewiss, antwortet die Biologin. Die hungrigen Petze nähern sich dem Hindernis normalerweise zuerst mit der Nase, und bekommen den Stromstoß dann genau an ihre empfindlichste Stelle. „Und die Tiere sind sehr taktil“, ergänzt Frau. Sie betasten Zäune oft auch mit ihren sensiblen Pfoten, was ebenfalls zu schmerzhaften Schocks führt.
Schatz, da ist ein Bär im Garten
Ortona dei Marsi ist eine sogenannte „Bear Smart Community“, ausgestattet mit bärensicheren Müllcontainern und weiteren Vorkehrungen. Der Erfolg der Kampagne hängt zum Großteil mit der Einstellung der Bevölkerung zusammen, und die hat sich bei vielen hier in der Region erfreulich positiv entwickelt, erläutert Serena Frau. Der Besitzer des besagten Obstgartens zum Beispiel bekam von „Salviamo l’Orso“ einen Elektrozaun gestellt, überließ dafür aber eine zweite Pflanzung mit Apfelbäumen den Braunpelzen, damit diese auch etwas von den Früchten haben. Er ist sehr naturbewusst und ein Bärenfan, sagt die Forscherin. Dieses grundsätzliche Wohlwollen scheint durchaus verbreitet zu sein. „Wir müssen lernen, mit den Tieren zu leben“, meint auch Antonio Trombetta. Der 73-Jährige hat fast sein ganzes Leben im Bergdorf Pettorano sul Gizio verbracht und unter anderem als Holzfäller gearbeitet. Dass die großen Räuber in seiner Nähe waren, konnte er oft an deren Spuren erkennen. Angst machte ihm das nicht, er wurde eher neugierig. „Ich denke, der Bär ist ein wichtiger Teil der Nahrungskette, wie der Wolf auch“, sagt Trombetta. Er selbst habe aber leider nie einen gesehen. „So viel Glück hatte ich nicht.“
Es gibt allerdings auch einige rücksichtslose Zeitgenossen unter den Menschen, die regelmäßig verheerende Schäden anrichten. Sie legen Giftköder aus und töten so wahllos fleischfressende Tiere, darunter Wölfe, Gänse-geier und eben auch Bären. Die Täter sind meistens Viehhalter oder Trüffelsuchende, erklärt Serena Frau. Letztere haben es eigentlich auf die Spürhunde der Konkurrenz abgesehen. Um diese ständige Bedrohung für die Fauna einzudämmen, rekrutierten „Salviamo l’Orso“ und die Partnerorganisation „Rewilding Apennines“ zwei neue Mitarbeiter: Julien Leboucher und Wild, eine erst elf Monate alte Schäferhündin. Man trifft das Duo in Pettorano sul Gizio, wo die beiden NGOs ihr Hauptquartier haben. Wild wird zum Giftspürhund ausgebildet. Bisher dienten Spielbälle aus Gummi als Suchobjekte, schon jetzt kann das Tier winzige Krümel davon in einer Steinmauer orten. In der darauffolgenden Woche soll die Hündin zum ersten Mal Gift zu riechen bekommen. „Es ist sehr wichtig, dass sie immer Distanz hält, sobald sie etwas findet“, betont Leboucher. Manche Toxine können nämlich eingeatmet werden.
Dank Beobachtungen von Freiwilligen wissen die Naturschützer recht genau, wo und wann die Übeltäter ihre Köder ausbringen. Mai und Juni sind Hauptsaison, weil dann das Vieh auf die Bergweiden kommt, erläutert Serena Frau. Julien Lebouchers Dienstwagen ist ein riesiger, dunkelblauer SUV. Klar, das auffällige Gefährt dient auch dazu, Menschen zu beeindrucken, sagt die Biologin schmunzelnd. Sich ein bisschen Respekt abzuringen, schadet nicht. Nächstes Jahr werden Leboucher und Wild schließlich mit dem Wagen auf Giftsuche gehen. Und hoffentlich viele Tierleben retten.
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