natur: Frau Strayed, wie hat Sie der Pacific Crest Trail von Ihrer Trauer geheilt?
Strayed: Mir hat die Zeit, die ich in der Wildnis verbracht habe, zu einem tiefen Gefühl verholfen, dass ich die Fähigkeit habe, mir selbst zu helfen. Ich hatte keinen großen Aha-Moment, keine Erleuchtung, nach der alles anders war. Es war eher die Erfahrung, wie man einen Schritt nach dem anderen macht. Bei der Wanderung – und bei der Lösung meiner Probleme, der Bewältigung meiner Trauer: da geht es nur einen Schritt nach dem anderen.
„Ich war in der Mojave-Wüste losgelaufen und fest entschlossen, nicht aufzugeben, bevor ich an der Grenze zwischen Oregon und Washington die Hand auf die Brücke legte, die sich dort über den Columbia River spannt und den grandiosen Namen „Brücke der Götter“ trägt. Ich blickte nach Norden, in ihre Richtung – der bloße Gedanke an die Brücke war mir ein Ansporn. Ich blickte nach Süden, wo ich herkam, in das wilde Land, das mich vieles gelehrt und mich demütig gemacht hatte, und erwog meine Möglichkeiten. Mir war klar, dass es nur eine gab. Es gab immer nur eine. Weitergehen.“
Hat sich Ihr Verhältnis zur Natur während Ihrer Wanderung geändert?
Anfangs war ich noch voller Angst, ich hatte das Gefühl, als sei meine gesamte Umgebung gegen mich: die Hitze, die Tiere, die Kälte und die Geräusche der Nacht. Und irgendwann hat sich bei mir immer mehr das Gefühl durchgesetzt, dass der Trail mein Zuhause war. Mein „Ich gegen die Natur“ wurde zum „Ich in der Natur“.
„Danke, dachte ich immer wieder. Danke. Nicht nur für die lange Wanderung, sondern für alles, was ich in mir wachsen spürte; für alles, was mich der Trail gelehrt hatte, und alles, was ich noch nicht wissen konnte, aber schon jetzt irgendwie in mir spürte.“
Was genau hat Sie der Trail gelehrt?
Ich habe gelernt, dass ich, wenn ich wirklich etwas brauchte, es bekam. Wasser, zum Beispiel, wenn ich durstig war. Aber es war auch so, dass ich erst einmal leiden musste, bevor ich es bekam. Dass ich dafür kämpfen musste. Der Trip war eine wunderbare Lehrstunde zum Thema Vertrauen, dass sich alles fügt.
Was haben Sie noch gelernt?
Das zu akzeptieren, was man nicht ändern kann. Mir haben auf der Wanderung so oft mein Rücken und meine Füße weh getan. Mir war kalt oder heiß, ich hatte Hunger oder Durst. Oder ich war einsam. Und ich konnte nichts dagegen tun. Das Einzige, was ich tun konnte, war: es zu akzeptieren. Und weiterzugehen. Und irgendwie ist diese Lektion in mein Bewusstsein eingesickert: Ich hatte ja alle Probleme, weil ich die Tatsache, dass meine Mutter tot war, nicht akzeptieren konnte. Dadurch fingen diese selbstzerstörerischen Mechanismen an. Doch auf dem Trip kam ich zu der Überzeugung: Ich bin traurig, dass meine Mutter tot ist, werde es immer sein – aber ich akzeptiere den Schmerz. Und bewege mich weiter. Und so konnte ich dann auch mit meinem Leben weitermachen.






