Jedes Jahr beschreiben Wissenschaftler weltweit durchschnittlich 2.500 neue Pflanzen und ebenso viele neue Pilze. Bis auch die letzte noch unbekannte Spezies entdeckt ist, könnte es trotz dieses hohen Tempos allerdings noch etwas dauern, denn Schätzungen zufolge sind der Wissenschaft noch bis zu 100.000 Pflanzenarten und zwei bis drei Millionen Pilzarten gänzlich unbekannt. Sie zu finden, ist dabei ein Wettlauf gegen die Zeit. Denn viele dieser Spezies sind durch menschliche Aktivitäten stark bedroht und sterben womöglich aus, bevor sie je entdeckt wurden.
„Das schiere Privileg, eine Art als neu für die Wissenschaft zu beschreiben, ist ein Nervenkitzel, den nicht viele jemals erleben werden. Leider wird diese Freude zunehmend von den vielen Bedrohungen überschattet, denen die Pflanzen als direkte Folge menschlicher Aktivitäten ausgesetzt sind“, sagt Martin Cheek von den Royal Botanic Gardens in der Nähe von London. Um auf diese Vergänglichkeit aufmerksam zu machen, haben er und sein Team nun die wichtigsten Pilze und Pflanzen gekürt, die 2024 entdeckt worden sind.
Geisterpalmen und Marzipan-Lianen
Zu den frisch gekürten Top Ten des Jahres zählen vor allem Pflanzen, darunter die „Geisterpalme“ Plectocomiopsis hantu aus dem westlichen Borneo. Der Name bezieht sich auf ihre weißen Blattunterseiten und grauen Stängel, die der Palme ein gespenstisches Aussehen verleihen. Den in Borneo ansässigen Iban-Gemeinschaften dient sie schon seit langem als Material für die Korbflechterei und auch das älteste bekannte Herbariumsexemplar ist über 90 Jahre alt. Doch erst jetzt hat sich herausgestellt, dass es sich bei der Palme tatsächlich um eine eigene Art handelt. 2024 ist mit den „Afrothismiaceae“ außerdem eine komplett neue afrikanische Pflanzenfamilie entdeckt worden. Das Besondere: Sie betreibt keine Photosynthese, sondern ernährt sich stattdessen von Mykorrhizapilzen, die ihr lebenswichtige Zuckermoleküle liefern.
Auch mehrere Lianenarten zählen zu den in diesem Jahr neuentdeckten Pflanzen. Dazu gehört beispielsweise die Keita deniseae – eine nach Marzipan duftende Liane, die im Regenwald von Guinea wächst und essbare Früchte ausbildet. Ein besonders trauriges Schicksal hat wiederum die neuentdeckte Liane Chlorohiptage vietnamensis. Ihr Lebensraum in Vietnam wird gerade für die Zementherstellung gerodet. Die Wissenschaftler mussten sie daher schon kurz nach ihrer Entdeckung als vom Aussterben bedroht einordnen.
Pilze, die nach Fischen riechen
Zu den wichtigsten Pilzen, die in diesem Jahr entdeckt wurden, zählen drei Arten aus der Gattung der Täublinge (Russula). Typisch für Pilze dieser Gruppe ist einerseits, dass sie in einer Wechselbeziehung mit Pflanzen leben, und andererseits, dass sie häufig einen starken Fischgeruch verströmen. Der erste neue Pilz – Russula lapponica – kommt in den Mischwäldern Lapplands, Schwedens, Norwegens und Estlands vor. Den zweiten – Russula neopascua – findet man in den Rocky Mountains in Colorado und Montana. Und der dritte – Russula olympiana – lebt meist in nadelholzreichen Wäldern des pazifischen Nordwestens der USA und im kanadischen British Columbia.





