Als Rotmilane in Großbritannien fast ausgestorben waren, galten die Berge und Hügel von Mittelwales als ihr letzter Rückzugsort. Jetzt laden die inzwischen stark erholten Bestände der Milane wieder zu einem Besuch im malerischen Westen der Insel ein – und sind längst nicht Wales’ einzige Attraktion.
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Text: Roman Goergen
Aus den Augenwinkeln glauben wir eine düstere Gestalt wahrzunehmen – doch da ist niemand. Trotzdem beschleicht einen im tiefen keltischen Regenwald sehr oft das Gefühl, heimlich beobachtet zu werden. Uralte Baumstämme, verwinkelte Äste, baumelnde Flechten namens Hexenbart und das ständige Spiel zwischen Licht und Schatten im unbeständigen Wetter von Mittelwales gewähren der Fantasie freien Lauf. Ben Bonham grinst die vermutlich von einem Blitzeinschlag verbrannte knorrige Eiche wie eine alte Bekannte an: „Dieses Augenwinkel-Gefühl habe ich jedes Mal, wenn ich an ihr vorbeilaufe“, erzählt der Vertreter der britischen Vogel- und Naturschutzorganisation Royal Society for the Protection of Birds (RSPB): „Die verkohlten Äste sehen wie gestikulierende Arme aus, und der halb weggebrochene Stamm – das könnten Beine sein.“ Trotz der Brandschäden hat der hartnäckige Baum überlebt – bietet Tieren und Insekten Schutz, und sogar kleine Bäume wachsen auf ihm, die ihr Wasser aus der feuchten walisischen Luft beziehen.
Verwunschene walisische Landschaften
Die keltischen Regenwälder erstrecken sich hauptsächlich über Teile von Wales, Schottland, Irland und Südwestengland. Sie zeichnen sich durch ihre üppige Vegetation aus, die stark von den häufigen Niederschlägen und der hohen Luftfeuchtigkeit geprägt ist. Die Wälder sind Heimat von uralten Eichen, Moosen, Flechten und Farnen, die in der feuchten Umgebung gedeihen – ein idealer Lebensraum für Vögel, Hörnchen, Marder oder Frösche.
Wir haben es auf unserer Wanderung durch den Regenwald bereits zur Hälfte auf einen Hügel namens Carngafallt im gleichnamigen Naturschutzgebiet der RSPB im Elan-Tal geschafft. Die Region ist genau wie das benachbarte Claerwen-Tal von mächtigen Stauseen wie dem Caban Coch (rote Hütte), dem Garreg Ddu (schwarzer Fels) oder dem Pen-y-Garreg (Gipfel des Felsens) geprägt. Die Geschichten und Legenden, die hinter diesen Namen stecken, entgehen einem jedoch ohne kleine Walisisch-Kunde: Carngafallt könnte ein Hinweis auf das Grab von Gafallt sein, einer Figur aus walisischen Mythen und Besitzer des legendären Jagdhundes Cynfal. Nur wenige Kilometer Luftlinie von unserem Standort entfernt, auf der anderen Seite des Kambrischen Gebirges, wurden in der Abtei Strata Florida (Abaty Ystrad Fflur) seit dem 12. Jahrhundert Manuskripte solcher Legenden aufbewahrt.
Doch die verantwortlichen Zisterziensermönche schützten damals nicht nur die alten Schriften, sondern trugen auch zum Erhalt einer gesunden Natur im Umland bei: „Dieser Wald hier gehörte früher zum Besitz der Abtei und die Mönche betrieben Vieh- und auch Holzwirtschaft“, berichtet Bonham. Die grasenden Kühe und ein wenig Holzfällerei zum Eigenbedarf der Geistlichen schufen für die mittlerweile so groß gewachsenen Eichen genug Platz. „Man kann hier deswegen zahlreiche alte Bäume sehen. Sie haben viel Totholz, Risse, sind knorrig und haben große Wucherungen an der Basis. Das ist großartig, weil sie viele kleine Nischen für Lebewesen bieten“, so Bonham.
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Eine gesunde Eiche beherbergt Tausende Lebewesen, vorwiegend Insekten, aber auch Eichhörnchen und besonders Waldvögel, die auf den Ästen, in den Gabeln und Astlöchern nisten. Die Wälder, welche die Hügel von Mittelwales bedecken, die Berggipfel und die Seen sind ein ausgemachtes Vogelparadies – sowohl für Langzeitmieter als auch für Urlaubsgäste. Viele Arten haben hier einen geeigneten Lebensraum gefunden, darunter Buntspechte, Trauerschnäpper, Waldlaubsänger und Baumläufer. Vor allem auch der Rotmilan, das heimliche Wappentier von Wales, fühlt sich in der abwechslungsreichen Landschaft besonders wohl. Im Frühjahr und Sommer kommen dann Zugvögel wie Gartenrotschwanz und Braunkehlchen dazu. Im Spätsommer, wenn das Heidekraut blüht und Wildblumen und die Stauseen Schmetterlinge und Libellen anziehen, erstrahlt die Landschaft in bunten Farben.
Idealer Lebensraum für Vögel
Am heutigen Nachmittag zeigen sich aber nur wenige dieser Farben. Es regnet wieder einmal – irgendwo muss schließlich die Feuchtigkeit für das so fruchtbare Klima herkommen. Noch am Morgen sah es etwas besser aus – da präsentierte Ranger Marc Harpham die verschiedenen Stauseen mit ihrer Tier-und Pflanzenwelt. Harpham arbeitet für das gemeinnützige Wasserversorgungsunternehmen Welsh Water (Dwr Cymru), dem das Tal und die Seen gehören. Eine gesunde und geschützte Natur ist ganz im Interesse der Wasserwerke, denn nur so lässt sich eine unproblematische Versorgung der rund 120 Kilometer entfernten Großstadt Birmingham garantieren. Die Welsh Water-Ranger informieren in einem Besucherzentrum über Naturschutz, entfernen invasive Pflanzenarten wie Rhododendren, reparieren Viehzäune oder halten die zahlreichen Wege und Pfade für Wanderer und Mountainbiker instand.
Ranger Harpham späht durch die schmale Sichtöffnung der Beobachtungshütte bei Dol-y-Mynach. Die unvollendete Talsperre ist populär bei seltenen Wasservögeln wie der Trauerente, dem Gänsesäger und der Schellente. „Die zweite Bauphase wurde nie komplettiert, weil vor dem Ersten Weltkrieg Geld anderswo benötigt wurde. Jetzt ist hier ein Schutzgebiet für seltene Arten“, erklärt Harpham. Der See ist an dieser Stelle viel seichter als in den anderen Buchten der Talsperre. Das machen sich zum Beispiel Fischadler zunutze: Selbst aus großer Höhe können sie die zahlreichen Forellen im kristallklaren Wasser entdecken. Im Sturzflug krallen sich die Greifvögel dann ihre Fischmahlzeit. Ein solches Spektakel lässt sich heute allerdings nicht beobachten. „Wir hatten in diesem Sommer zwei Jungtiere hier, aber kein Brutpaar. Hoffentlich werden Fischadler eines Tages hier nisten, aber sie sind sehr wählerisch, was ihre Nistplätze angeht“, sagt Harpham.
Eine halbe Autostunde weiter nördlich brüten zwei Paare an der Llyn Clywedog-Talsperre, weiß Harpham, und das sei auf jeden Fall einen Besuch wert. Es ist nicht so, dass die Ranger nicht versuchen würden, das Brüten für die Vögel auch hier attraktiver zu gestalten. Auf einer unbewohnten Insel im Pen-y-Gareg-Reservoir bauten sie den Fischadlern eine künstliche Plattform zum Nisten. „Die Brutpaare brauchen einen 360 Grad-Rundblick, was in der Nähe eines Stausees, umgeben von Hügeln, selten ist. Wenn sie das nicht haben, riskieren sie, von Habichten angegriffen zu werden. Sie brüten oft nicht, wenn sie keinen perfekten Platz finden“, erläutert Harpham. Die Insel gefiel den Adlern bislang aber nicht, wohl auch deswegen, weil die umliegenden Bäume inzwischen die Höhe der Plattform erreicht haben und den vorsichtigen Greifvögeln die Sicht verstellen.
Hier, bei Pen-y-Gareg, lassen sich die drei verschiedenen Arten von Vogelhabitaten der Region erkennen. Entlang des Ufers der Talsperre und an den Flüssen, die sie speisen, existieren ideale Lebensräume für Wasservögel wie den Gänsesäger und die Krickente. Die schnell fließenden Bäche ziehen zudem Vögel wie Gebirgsstelzen und die Wasseramsel an. Die Laubwälder, insbesondere die von Traubeneichen geprägten, die sich an die Hänge des Sees klammern, sind wichtige Brutstätten für Waldvögel. Weiter oben, im Hoch- und Moorland, beobachten Greifvögel wie Turm- und Wanderfalken oder Merline ihre Beute im Tal und auf dem Wasser.
Hilfe für Flora und Fauna
Gerade dort oben in den Torfmooren der Berge, welche die Stauseen des Elan-Tals und des Claerwen-Tals überragen, geht es um mehr als den Schutz seltener Vögel. Der Woodland Investment Grant (TWIG) zum Beispiel versucht gemeinsam mit der Peatland Partnership, dem Rückgang der Hochmoore entgegenzuwirken. Denn diese sind extrem wichtige Kohlenstoffspeicher, und ihre Wiederherstellung trägt sowohl zum Klimaschutz als auch zur Förderung der Biodiversität bei. In Wales leiden viele dieser Feuchtgebiete unter Erosion und Austrocknung. Naturschützer legen daher in der Region Erdwälle und kleine Dämme entlang der Hanglinien an, um den Wasserfluss zu verlangsamen und die Wasserstauung zu fördern. Solche sogenannten Konturbündungen helfen dabei, das Wasser gleichmäßiger im Boden zu verteilen und so den Lebensraum zu vernässen. „Das ist außerdem auch toll für viele kleine Tiere, wie zum Beispiel die Schermaus. Sie war hier schon verschwunden, aber das Projekt scheint sie zurückzubringen. Auch Vögel wie der Große Brachvogel und andere Schnepfenarten profitieren davon“, erläutert Harpham. Die Arten sind für ihre melodischen Rufe im Frühling bekannt und nisten am Boden.
In diesem Jahr muss sich der Ranger auch um den Schutz der Brachvögel besonders kümmern, da ihre Population aufgrund von Lebensraumverlust, intensiver Landwirtschaft und gestörten Brutgebieten abnimmt. „Sie müssen ungestört bleiben, etwa von Mitte April bis Anfang Juli, was bedeutet, dass man in dieser Zeit das lange Gras nicht mähen darf“, erklärt Harpham. Raubtiere wie den Fuchs oder den Marder interessieren solche Einschränkungen aber nicht. Eier und Küken sind am Boden leichte Beute für sie. „Jetzt errichten wir deswegen um die Nester herum elektrische Zäune, um die Räuber fernzuhalten“, sagt Harpham und deutet auf eine rechteckig eingezäunte Fläche, in der das Gras höher steht als außerhalb.
Einen Rotmilan gab es im wechselhaften Wetter heute zwar nicht zu sehen, aber das Elan-Tal konnte mit den dort umgesetzten Naturschutzideen und vielen anderen Vogelarten dennoch begeistern.
Den Greifvögeln auf der Spur
Am nächsten Morgen zeigt sich dann tatsächlich die Sonne, die Berglandschaft von Mittelwales erstrahlt wieder in all ihren Farben, und auch die Vögel sind lauter und aktiver. Der freiberufliche Naturforscher Tony Ware wischt Kondenswasser von seinem Fernglas, blickt hindurch und deutet in Richtung der Wiesen in der Nähe von Pont ar Elan, unweit der Craig Goch-Talsperre. Eine in der Luft stehende Silhouette, die wild mit den Flügeln schlägt, hat seine Aufmerksamkeit erregt: „Ein Turmfalke“, ruft Ware – „der schlägt gleich zu!“ Der Greifvogel legt plötzlich die Flügel an, stürzt sich in die Tiefe und schnappt sich eine Maus von der Wiese. Ware hat ein Auge für solche Momente, denn er hat mehr als 50 Jahre Erfahrung damit. Als wissenschaftlicher Berater des staatlichen Senders BBC sucht Ware überall in Großbritannien nach seltenen Vögeln, sogar auf der entlegenen Isle of Skye.
Hier im Elan-Tal kennt der Vogelforscher jedes Greifvogelnest. So deutet er auch in der Nähe von Dol-y-Mynach in ein Dickicht aus grünen Blättern – für den Laien scheint nichts erkennbar zu sein, doch Ware ruft: „Da, ein neues Bussard-Nest. In ein paar Monaten, wenn die Blätter gefallen sind, kann man es besser sehen.“ Greifvogelnester wie dieses wachsen über die Jahre – an ihrer Dimension kann Ware das Alter erkennen. „Bussarde oder auch Rotmilane kehren Jahr für Jahr zu ihrem alten Nest zurück und bauen an – je größer, desto älter.“ Und woher weiß er, wem das Nest gehört, wenn keines der Tiere da ist? Auch darüber weiß der Experte Bescheid: „Milane verwenden beim Nestbau dünne, lange Stöcke, während Bussarde und Fischadler dicke Äste nutzen. Außerdem bauen sie an unterschiedlichen Stellen des Baumes.“
Wir stehen inzwischen unter einer Eiche am südlichen Ortseingang von Rhayader. Hier soll es endlich mit einer Rotmilan-Sichtung klappen. Das Nest eines Milans können wir zumindest schon über uns entdecken. Gemäß seiner Größe sei es etwa vier Jahre alt, die Nähe zum Ort durchaus von Vorteil: „Die Milane leben in unserer Umgebung. Die Menschen füttern sie hier, und sie kommen sogar in die Gärten hinunter“, erläutert Ware. In sein Nest kommt der Rotmilan jetzt aber nicht zurück. Geduld scheint trotz der inzwischen wieder großen Zahl an Rotmilanen in Mittelwales eine wichtige Eigenschaft bei der Suche nach den Vögeln zu sein. Manche sagen, dass die Milane im Spätsommer und Frühherbst etwas scheuer sind, weil sie sich dann mausern, also ihr Federkleid verändern. Wer weiß, vielleicht halten sie sich dann für weniger fotogen.
Gefährdung und Rettung der Rotmilane
Für Tony Ware hat die Suche nach spannenden Vögeln im Alter von 12 Jahren begonnen. „Damals, als Jugendliche, haben wir Vogeleier gesammelt und ausgeblasen.“ Das sogenannte Egging hatte zu der Zeit noch keinen so schlechten Ruf. Mittlerweile herrscht jedoch ein Bewusstsein dafür, dass diese Tradition gerade seltene Vögel zusätzlich gefährden kann. Mit 14 begegnete Ware schließlich einem Schwarm seltener Seidenschwänze. „Bis dahin hatte ich nur gewöhnliche Vögel wie Rotkehlchen, Amseln und Drosseln gesehen. Aber als ich diese Seidenschwänze sah, veränderte das mein Leben – ich habe danach nie wieder ein Vogelei genommen. Das war der Moment, in dem ich zum Vogelbeobachter wurde“, verrät Ware.
Besonders den Rotmilanen Großbritanniens setzte das noch aus viktorianischen Zeiten stammende Egging-Hobby zu. Außerdem wurde es den Greifvögeln oft zum Verhängnis, dass der Mensch sie bei der Vogeljagd als Konkurrenz ansah – speziell beim Moorhuhnschießen. In Schottland ist es deswegen bis heute für Rotmilane gefährlicher als in anderen Teilen der Insel, weil gerade dort die Jagd auf Moorhühner immer noch beliebt ist. Und auch viele britische Landwirte fürchteten den majestätischen Vogel, weil Ammenmärchen erzählt wurden, ein Rotmilan könne ein ganzes Lamm greifen.
So galten Rotmilane in England und Schottland schon um 1870 als ausgerottet. Nur noch eine winzige Population von schätzungsweise 20 Exemplaren hielt sich um 1930 hier, im Bergland von Mittelwales. Während in England und Schottland 1989 ein überaus erfolgreiches Wiederansiedlungsprogramm begann, für das Rotmilane aus Spanien, Schweden und Deutschland eingeführt wurden, päppelten die Waliser ihre stark dezimierte Population gewissermaßen von innen heraus wieder auf. Dazu errichteten sie Futterstationen für die Greifvögel. 1989 wurden so bereits 52 Rotmilan-Nester in Wales gezählt. Genetische Studien aus dem Jahr 1997 legen nahe, dass bis zur erfolgreichen Wiederansiedlung nur ein einziges erfolgreich brütendes Weibchen für das Überleben der gesamten walisischen Population verantwortlich gewesen sein könnte. Vogelexperte Ian Carter, der seinerzeit für English Nature (jetzt Natural England) die Umsiedlung der Rotmilane vom europäischen Festland organisierte, erläutert: „Als das Wiedereinführungsprojekt in England und Schottland begann, sahen wir die Gefahr, dass es die Milane in Wales möglicherweise nicht schaffen würden. Jetzt kann man sehen, dass die walisische Population wirklich stark zugenommen und sich sogar bis nach England ausgebreitet hat.“
Rotmilan-Fütterung auf der Gigrin-Farm
Unsere Suche nach den Milanen führt uns weiter zur erfolgreichsten der walisischen Futterstationen, dem Gigrin-Hof bei Rhayader. Dort werden wir endlich einen Rotmilan vor die Linse bekommen. Die Inhaberin der Farm, Dominique Powell, heißt uns willkommen. „Als wir hier 1992 anfingen, die Rotmilane zu füttern, kamen gerade einmal vier oder fünf Tiere pro Tag. Heute kommen zu unseren Fütterungen täglich zwischen 200 Rotmilane im Sommer und bis zu 500 im Winter“, erzählt sie. Angefangen hatte damals alles mit einem Spaniel namens Jamie. „Jamie tötete immer wieder Kaninchen, und die Kadaver wurden für die Milane ausgelegt. Als immer mehr kamen, fragte der RSPB bei der Farm an, ob daraus eine offizielle Futterstation gemacht werden könne“, so Powell.
Wir blicken auf die Fotografen-Verstecke auf Powells Anwesen, vor denen den Rotmilanen jeden Nachmittag eine üppige Mahlzeit aus Fleischresten von einem nahe gelegenen Schlachthaus angeboten wird. Gigrin ist unter Tierfotografen und bei Vogelbeobachtern weltberühmt für solche Fütterungen, und die angereisten Vogelliebhaber werden auch heute nicht enttäuscht. Schon bevor die ersten Fleischstücke ausgelegt werden, formiert sich eine regelrechte Wolke aus mehr als hundert Greifvögeln über der Wiese. Dann ist es 15 Uhr, das Rindfleisch fällt auf die Wiese und die Milane gehen zum Sturzflug über. Sie schnappen sich ein Stück mit ihren Krallen, gewinnen direkt wieder an Höhe und drehen sich in der Luft auf den Rücken, um ihre Beute gegen die Konkurrenz zu verteidigen. Rotmilane haben die besondere Fähigkeit, ihre Beute im Flug verzehren zu können.
Aus dem Chaos von Sturzflügen und Rangeleien um die besten Stücke sticht bald eine weiße Silhouette hervor. Das Klicken der Kameras im nahen Versteck brandet mit einem Mal besonders auf, denn ein extrem seltener leuzistischer Rotmilan gleitet auf der Suche nach Beute über die Wiese. Diese Exemplare zeichnen sich durch eine Pigmentstörung aus, die bei weniger als einem Prozent der Rotmilanpopulation vorkommt und dazu führt, dass das Gefieder weiß erscheint, während Augen, Schnabel und Füße normal pigmentiert bleiben. Dies unterscheidet Leuzismus vom Albinismus, bei dem das Melanin vollständig fehlt. Bei Gigrin wurden sogar schon drei dieser seltenen Vögel gesichtet.
Der große Erfolg der Rotmilane in Wales geht auch auf die mittlerweile wohlwollende Haltung der Menschen zurück. „Hier sind alle sehr positiv gegenüber dem Rotmilan eingestellt, da er ein wichtiger Teil der walisischen Kultur ist. Der Tourismus ist bedeutend für uns, und der Rotmilan spielt dabei eine große Rolle“, bekräftigt Powell und berichtet weiter, wie die Farm den benachbarten Bauern in den 90ern demonstrierte, dass Milane ihre Lämmer auf der Weide in Ruhe ließen, weil sie für die Raubvögel ohnehin zu groß waren. Während es in den einstigen Hochburgen für Rotmilanpopulationen wie Deutschland oder Spanien Rückgänge gibt, schätzen Experten wie Ian Carter die Anzahl der Brutpaare in Wales inzwischen auf mehrere Tausend, Tendenz steigend. „Dort hat man es wirklich geschafft, die Verfolgung der Greifvögel zurückzudrängen – vom Egging bis hin zu Vergiftungen. Danach konnten sich die Rotmilane dann von den Bergen aus auch wieder in den Tälern ausbreiten“, so Carter. In den tieferen Lagen gebe es in der Nähe von Menschen mehr Futter, und selbst in den Ortschaften finden die Tiere geeignete Nistplätze. „Plötzlich begann der Bruterfolg sich zu verbessern, und es entwickelte sich schnell weiter. Die Zuwachsrate stieg allmählich immer weiter an“, ergänzt der Experte. Mit diesem Comeback in Wales und den Erfolgen mit der Wiederansiedlung in England und Schottland war die Erfolgsgeschichte vollendet. Ian Carter geht davon aus, dass der Rotmilan schon sehr bald der am häufigsten anzutreffende Greifvogel Großbritanniens sein wird. //
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