Von Rainer Kurlemann
Viele Menschen träumen davon, dem Nachwuchs etwas für die Ewigkeit zu hinterlassen. Doch nicht jedes Vermächtnis an die nächste Generation ist ein echtes Geschenk. Das Treibhausgas Kohlendioxid ist ein Beispiel dafür. Ein Molekül CO2, das heute ausgestoßen wird, kann der Menschheit und dem Planeten noch 200 oder 300 Jahre in der Atmosphäre erhalten bleiben. Es gehört zur untrüglichen Mathematik der Klimaforschung, dass jede überzählige CO2-Emission jahrzehntelang auf die Veränderungen im Klimawandel einzahlt.
Die Erde kann das CO2 nämlich nur langsam aus der Atmosphäre entfernen. Pflanzen nehmen das Treibhausgas während ihres Wachstums auf. Zudem löst es sich im Wasser der Ozeane. Der Rest verbleibt längerfristig in der Luft. Selbst wenn die menschengemachten Emissionen auf Null gesunken sind, wird der CO2-Gehalt der Atmosphäre daher nur langsam zurückgehen. Und sogar das würde nicht unmittelbar zu einem Rückgang der globalen Durchschnittstemperatur führen. Stattdessen würde sich die Temperatur zunächst nur auf jenem Niveau stabilisieren, auf dem sie sich zu diesem Zeitpunkt befindet.
Der Grund: Durch den Treibhauseffekt nimmt die Atmosphäre schon jetzt mehr Energie auf, als sie zurück in den Weltraum abgibt. Und das führt zu einer Erwärmung, die sich so lange fortsetzen wird, bis irgendwann genauso viel Energie abgegeben wie aufgenommen wird. Allerdings verläuft dieser Prozess aufgrund der schieren Größe der Erde sehr träge. Die Veränderung der Temperatur tritt also verzögert zur Veränderung des CO2-Gehalts in der Atmosphäre ein. Ein Phänomen, das als Hysterese bezeichnet wird.
Klimaforscher gehen davon aus, dass sich die beiden Faktoren – die langsame Aufnahme des CO2 durch natürliche Quellen und der verzögerte Anstieg der Temperatur – eine Zeit lang gegenseitig aufheben werden, sodass die Temperatur selbst nach dem Erreichen einer neutralen CO2-Bilanz nicht sofort sinken wird.
Der Zeitwert des Kohlendioxids
Demnach spielt es eine große Rolle, wann CO2 eingespart und wie schnell eine neutrale CO2-Bilanz erreicht wird. Die einfachste Regel ist als „Time value of carbon“ bekannt geworden: Eine Verringerung der Treibhausgase heute ist mehr wert als die in der Zukunft versprochene Verringerung. Das gilt vor allem deshalb, weil die Risiken des Klimawandels eskalieren, wenn Tempo und Umfang der Klimaschutzmaßnahmen nicht ausreichen. Ein internationales Wissenschaftlerteam hat dafür das Modell des globalen Kohlendioxid-Budgets entwickelt, das die CO2-Menge in der Atmosphäre mit der Durchschnittstemperatur auf der Erde in Zusammenhang setzt.
Dieses Kohlendioxid-Budget lässt sich auch auf das Pariser Klimaschutz-Abkommen anwenden. Darin haben sich mehr als 180 Staaten geeinigt, die Erderwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter auf „deutlich unter“ zwei Grad Celsius zu begrenzen. Die gemeinsamen Anstrengungen sollen eine Beschränkung auf 1,5 Grad Celsius bewirken. Jeweils im Dezember veröffentlicht das Wissenschaftlerteam seine Bilanz. Im Jahr 2023 waren noch etwa 275 Gigatonnen CO2 bis zum Erreichen des 1,5-Grad-Budgets übrig. Wenn alles so weitergeht wie bisher, bleiben umgerechnet noch etwa sieben Jahre, bis zum Erreichen des Plus-2-Grad-Niveaus sind es 28 Jahre.





