Vor 571 bis 541 Millionen Jahren, im Zeitalter des Ediacarium, tauchten die ersten mehrzelligen Wesen auf unserem Planeten auf. Doch der Körperbau dieser Organismen war völlig verschieden von dem heute lebender Tiere oder Pflanzen: Einige glichen gelappten Gebilden ohne Kopf oder Darm, andere waren röhrenförmige Riffbauer und wieder andere ähnelten einer halb aufgeblasenen Luftmatratze. “Die ediacarische Lebenswelt ist eines der großen Mysterien der Paläontologie”, erklären Ilya Bobrovskiy von der Australian National University in Canberra und seine Kollegen. Denn bis heute ist für die meisten dieser bizarren Bewohner der Urmeere nicht einmal klar, zu welcher der Großgruppen im Organismenreich sie gehören: Sind es riesenhafte Amöben oder ähnliche Einzeller, Flechten, Algen oder doch schon echte mehrzellige Tiere?
Rätselhafte Wesen
Eines dieser Rätselwesen ist Dickinsonia – ein rund 1,40 Meter großer, ovaler Organismus, dessen Körper eine klare Mittellinie zeigt, von der beiderseits feine, gebogene Linien abgehen. Ein Kopf, innere Organe oder Gliedmaßen scheinen jedoch zu fehlen. Paläontologen vermuten daher, dass Dickinsonia Nährstoffe direkt aus der Umwelt aufnahm oder vielleicht eine externe Verdauung praktizierte. Vollends unklar aber ist, ob diese Organismen ein- oder mehrzellig waren. “Einige moderne Protisten können bis zu 25 Zentimeter groß werden”, erklären die Paläontologen. “In Abwesenheit von Konkurrenz durch Mehrzeller könnten sie damals noch größer geworden sein – was eine Erklärung für die Größe der Fossilien aus dem Ediacarium liefern könnte.” Dickinsonia könnte demnach ein riesenhafter Ur-Einzeller, eine Flechte, aber auch ein extrem primitives mehrzelliges Tier gewesen sein. Was aber trifft zu?
Eine Antwort auf diese Frage könnten charakteristische Stoffwechselprodukte der verschiedenen Organismenklassen liefern. Fette und andere Biomoleküle bleiben zwar nur selten intakt über die Jahrmillionen erhalten, wohl aber ihre Abbauprodukte, bestimmte Kohlenwasserstoffe. An der Zahl der Kohlenstoffatome in ihren Molekülketten können Wissenschaftler erkennen, aus welchen Verbindungen diese Biomarker einst entstanden sind – und damit auch, von welchem Organismus sie stammen. “Das Problem war jedoch, dass wir dafür erst einmal Dickinsonia-Fossilien finden mussten, in denen noch organisches Material erhalten war”, erklärt Bobrovskiy. “Die meisten Gesteinsschichten mit solchen Fossilien, wie beispielsweise die Ediacara-Formation in Australien, waren starker Hitze, hohem Druck und der Verwitterung ausgesetzt.” Dadurch wurden organische Relikte weitgehend zerstört.





